Frau Skrzypek, egal ob man von dem rheinischen Karneval oder von der schwäbisch-alemanischen Fastnacht spricht: Frauenrollen kommen traditionell entweder als Hexen vor oder in der Tanzgarde. Ist es nicht an der Zeit für eine emanzipierte Frauenrolle?

Absolut. Im Rheinischen Karneval gibt es Gesellschaften, die keine Frauen aufnehmen, aber dafür eine Tanzgarde haben. Frauen dürfen kein Mitglied werden, aber tanzen.

Das gibt es auch in den schwäbisch-alemanischn Zünften.

Ja, es gibt Narrenzünfte, die sagen, dass sie aus Tradition keine Frauen aufnehmen. Es ist für mich aber ein bisschen widersinnig von Tradition zu reden, denn viele Zünfte argumentieren, dass sie seit Hunderten von Jahren keine Frauen aufnehmen, dabei sind sie gar nicht so alt. Ich denke, Brauchtum muss sich wandeln. Deswegen finde ich, dass die traditionellen Zünfte auch Frauen aufnehmen sollten.

Wie begründen die Zünfte dieses Eintrittsverbot für Frauen?

Für sie ist das der Nachweis, dass sie besonders traditionell sind. In der frühen Neuzeit, also ab dem 16. Jahrhundert etwa, war Fastnacht eine Öffentlichkeit, in der Frauen eben nicht zugelassen waren. Heutzutage sind Frauen aber natürlich in der Öffentlichkeit präsent. Deswegen müssen sie auch in der Fastnacht zugelassen werden

Neue Zünfte sind da ja anders.

Es gibt viele Bereiche, in denen Frauen schon sehr emanzipiert sind. Gerade die neueren Zünfte, da würde gar nichts ohne die Frauen funktionieren. In manchen sind Frauen deutlich in der Überzahl. Der Überlinger Löwe zum Beispiel ist eine riesengroße Zunft von Frauen, für Frauen.

Mit dem Schmotzigen Donnerstag oder Weiberfastnacht gibt es traditionell aber einen Tag, der die Frauen in den Mittelpunkt stellt.

Die Weiberfastnacht hat sich an vielen Orten aus den Weiberzechen entwickelt. Da haben die Frauen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert, wenn sie Abgaben gezahlt haben, sich an einem Tag auf Kosten der Herrscher betrunken. Das waren oft richtige Besäufnisse und meist an Fastnacht. An Fastnacht wird die Welt für ein paar Tage auf den Kopf gestellt. Und dazu gehört bereits seit dem Mittelalter, dass Frauen mal für einen Tag die Macht haben. Das restliche Jahr über hatten sie aber kein Mitspracherecht.

Das im Narrenschopf ausgestellte Aneweible der Wangemer Narrenzunft ist ein Beispiel für Frauen in der schwäbisch-alemanischen Fastnacht. Die Figur hat ihren Ursprung in den 1950er Jahren.
Das im Narrenschopf ausgestellte Aneweible der Wangemer Narrenzunft ist ein Beispiel für Frauen in der schwäbisch-alemanischen Fastnacht. Die Figur hat ihren Ursprung in den 1950er Jahren. | Bild: Elisabeth Skrzypek

Eigentlich ja dann eher ein trauriger Tag.

Es ist ein Tag, der die patriarchale Ordnung stabilisiert, wenn man es böse sagen will. Ich selber habe aber festgestellt, dass es eine gute Erfahrung ist, einfach mal die Welt auf den Kopf zu stellen. Man spürt, welchen Gesetzen man das restliche Jahr über folgt.

Schmotziger Donnerstag ist also ein Tag der Selbsterfahrung?

Ja, man muss ja nicht wieder in die frühere Ordnung zurück gehen, sondern kann durch Altweiber auch die eigenen Möglichkeiten erweitern.

Wie genau soll das dann funktionieren?

Wenn man selbst einmal erlebt hat wie es ist, den Mund aufzumachen und Kritik zu äußern, oder anderen Verhaltensregeln plötzlich nicht mehr folgt, ist das etwas, das einen prägt.

Brauchen wir Frauen dann heute überhaupt noch die Weiberfastnacht?

Das ist ein wichtiger Punkt. Heute sind Männer und Frauen eigentlich gleichberechtigt, zumindest vor dem Gesetz, auch wenn es im Alltag nicht immer so ist. Dann braucht man nicht mehr den einen Tag, an dem Frauen mal Macht haben. Ich finde es aber eine tolle Sache, wenn sich die Weiberfastnacht dahingehend ändert, dass man an dem Tag Frauenfeste feiert.

Fragen: Birgit Müller

Zur Person

Elisabeth Skrzypek
Elisabeth Skrzypek | Bild: Elisabeth Skrzypek

Elisabeth Skrzypek wurde 1957 in Düsseldorf geboren. Seit 1997 lebt die Historikerin in Stuttgart. Unter anderem arbeitete sie als Dozentin an der Frauenakademien Stuttgart und Neckarsulm. Seit 2010 forscht sie zum Thema Frauen in der Fastnacht und im Karneval. Sie liest am heutigen Dienstag, 6. Dezember, im Narrenschopf aus ihrem Buch "Toll trieben es die Weiberschaften" vor. Beginn ist um 19 Uhr. (ewk)