Es fing friedlich an, an diesem Montagabend auf dem Schopfheimer Marktplatz. Zur vom SPD-Landtagsabgeordneten Jonas Hoffmann initiierten Demonstration „Wir sind Demokratie“ waren mehr als 600 Menschen gekommen, zum Ende der Demo gab es ein Lichtermeer. Doch je länger sie dauerte, desto lauter wurden Zwischenrufe vom Rand – der befürchtete Aufmarsch der sogenannten „Montagsspaziergänger“, er kam doch noch. Und er endete ganz und gar unfriedlich in Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Parolen brüllend zogen die „Spaziergänger“ durch die Stadt.
Parolen brüllend zogen die „Spaziergänger“ durch die Stadt. | Bild: Nicolai Kapitz

Es war irgendwie klar, dass an diesem Abend die beiden Lager aufeinandertreffen würden. Viel war im Vorfeld in Internet-Netzwerken geschrieben worden, Querdenker und sogenannte „Spaziergänger“ hatten ihr Kommen angekündigt. Auf dem Marktplatz hatte Jonas Hoffmann zusammen mit der versammelten politischen Lokalprominenz diejenigen zur Demonstration aufgerufen, die es mit den Begriffen Rechtsstaat, Demokratie und Abgrenzung gegen extreme Positionen ernst meinen. Und sie waren gekommen, die bisher recht stillen, schweigenden Bürger. Die Schätzungen reichten von etwas mehr als 600 bis zu fast 700 – mehr, als der Initiator Hoffmann erwartet hatte. Und eigentlich auch mehr, als der Marktplatz angesichts der Abstands- und Maskenregeln zu fassen vermochte. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass sich vereinzelt auch Sympathisanten der Querdenken-Szene und der Maßnahmen-Gegner unters Volk mischten.

Ein Demonstrant hält ein Goethe-Zitat in die Luft.
Ein Demonstrant hält ein Goethe-Zitat in die Luft. | Bild: Nicolai Kapitz

Sie alle versuchten, den Worten der Redner (siehe untenstehender Text) zu folgen, was angesichts einiger technischer Unzulänglichkeiten mit den Lautsprechern eher schlecht als recht klappte. Polizei, Ordnungsamt und Technisches Hilfswerk hatten den Platz eingegrenzt und gerade die Polizei, so schien es, war um ein deutlich weniger wuchtiges Bild bemüht als noch vorige Woche, als mehr als 100 Beamte eine Kulisse aufgeboten hatten, die den geplanten „Spaziergang“ der Maßnahmen-Gegner verhinderte. Nun waren die Beamten dezent, aber trotzdem sichtbar im Einsatz.

Warum wurde bald klar: Recht schnell nach Beginn der Kundgebungen versammelte sich jenseits und auf der abgesperrten Hauptstraße eine etwa 150-köpfige Menschenmenge, bestehend aus Zaungästen und auch aus Leuten, die erkennbar zum Kreis der „Spaziergänger“ zählten. Erste Störrufe schallten über den Platz, allerdings ohne eine wirklich störende Wirkung zu entfalten. Das Unheil bahnte sich ein paar Kilometer weiter an: Eine halbe Stunde nach Beginn der „Demokratie“-Demo auf dem Marktplatz setzte sich in Fahrnau an der Agathenkirche ein Zug von rund 200 Menschen in Bewegung, die sich bis dato montags auf dem Marktplatz getroffen hatten – sogenannte „Spaziergänger“. Das Ziel war die Innenstadt. Über Handy tauschten sich Demo-Teilnehmer aus: Was kommt da auf uns zu? Wie reagieren wir?

Das könnte Sie auch interessieren

Die Zwischenrufe am Rande des Marktplatzes wurden unterdessen lauter, vor allem angeheizt von zwei Herren: Der eine ein stadtbekannter früherer Bürgermeisterkandidat und ehemaliger Mitarbeiter der Verwaltung, der wegen verstörender Ansichten und eines von ihm angeführten Sturms von rund 25 Personen ohne Maske in ein Schopfheimer Geschäft vom Dienst suspendiert worden war, der andere ein in der Stadt ebenso bekannter Marktplatz-Barde. „Friede, Freiheit, keine Diktatur“ wurden da Sprechchöre lanciert, der Barde stimmte lieber „Die Gedanken sind frei“ an. Je mehr Zulauf die illustre Spaziergesellschaft bekam, desto lauter wurden die Rufe; „Mitläufer“, „Sklaven“ und Ähnliches wurden die Besucher der Hoffmann‘schen Demo da genannt.

Nach dem offiziellen Ende der Marktplatz-Versammlung und spätestens mit dem Eintreffen des Protestmarschs aus Fahrnau kippte dann die Stimmung. Der Marktplatz leerte sich. Der erwartete „Spaziergang“ setzte sich in Bewegung, laut und wutentbrannt krakeelend und begleitet von zunächst noch überschaubaren Polizeikräften. Parolen wie „Wir sind das Volk“ hallten lautstark durch die Straßen, es ging im Ring durch die Altstadt und durch die Bahnhofstraße.

Es folgten Lautsprecherdurchsagen der Beamten – wie vergangenen Montag mit der Drohung, die Versammlung aufzulösen. Doch die Sprechchöre nahmen eher noch an Lautstärke und auch inhaltlich an Schärfe zu. Etliche der Marsch-Teilnehmer distanzierten sich vom Geschehen und verließen die Kolonne. Übrig blieb ein Zug von nicht einmal 100 Spaziergängern, und dann rollte plötzlich doch noch der Konvoi der Bereitschaftspolizei an. An der Ecke Hauptstraße/Scheffelstraße brachten die Polizisten den immer weiter schrumpfenden Marsch zum Stehen – dann eskalierte die Situation.

Wütende Demonstranten versuchten, den Protestgang in Richtung Altstadt fortzusetzen, vor dem ehemaligen Bezirksamt wurden sie erneut gestoppt, es kam zu Gerangel, zu Geschrei, plötzlich rangen Beamte einen Mann zu Boden, der mit Gewalt durch die Polizeikette brechen wollte. Handschellen klickten unter dem Protestgebrüll weiterer Demonstranten. Es setzte Platzverweise, unter anderem – nach langer Diskussion – auch für den erwähnten Marktplatz-Barden. Erst dann löste sich die Ansammlung langsam auf. Es war das turbulente Ende eines weiteren denkwürdigen Montags.