Punkt 31. Dezember war Schluss. Die Hausarzt-Praxis im Therese-Herzog-Weg besteht zwar weiter, aber jetzt mit einem anderen Arzt. Mit dem altersbedingten Rückzug des Medizinerpaars Heike und Welf Dieterich endet eine über drei Generationen dauernde Geschichte einer Familie, die sich für die medizinische Versorgung in der Stadt einsetzte und unter anderem auch mit der Frauenklinik über Jahrzehnte die Infrastruktur prägte.

Die zur Ehrenbürgerin der Stadt ernannte Großmutter Therese Herzog, war 1913 als junge Ärztin mit ihrem Mann von Frankfurt an den Hochrhein gekommen und behandelte hier Kranke. Die erste Praxis befand sich in der Gartenstraße in Oberrheinfelden. Mit Fahrrad und Pferdeschlitten war sich auch in den Dinkelbergdörfern unterwegs. Enkel Welf Dieterich (68) hat als niedergelassener Arzt 35 Jahre praktiziert, dabei als Betriebsarzt unter anderem bei Energiedienst und Vogt Plastics und Sportmediziner gewirkt.

„Ärzte sind keine Leistungserbringer“

Seine Frau Heike brachte als Hausärztin ihre ernährungsmedizinische Kompetenz ein. Im Ruhestand sind wenige Tage nach der Praxisübergabe beide noch nicht angekommen, denn „Arzt ist Berufung“, für Welf Dieterich und seine Frau. Das haben die Eltern schon so vorgelegt. Er kennt es nicht anders und „als Sohn der Stadt“ fühlt er sich auch in besonderer Verpflichtung und Verantwortung.

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Deshalb hat die Zeitung auch das Gespräch gesucht, um zum Abschluss einer über 100-jährigen Familiengeschichte im lokalen medizinischen Wirken zurückzublenden und die Lage heute zu betrachten. Dass sich mit dem Namen Dieterich viel verbindet, ist dem Mediziner bewusst, dennoch hält er es „für selbstverständlich, Besonderes zu leisten“.

Das Bampi-Schlösschen erinnert viele noch immer an die Zeiten, als dort die Frauenklinik Dieterich zuhause war.
Das Bampi-Schlösschen erinnert viele noch immer an die Zeiten, als dort die Frauenklinik Dieterich zuhause war. | Bild: Ingrid Böhm

Das Paar hat still und leise seine Praxis ausgeräumt. Aber die Abarbeitung werde mindestens noch ein gutes halbes Jahr zu tun geben. Zuletzt haben die Dieterichs auch eine gesellschaftliche Entwicklung miterlebt, die nicht ihrem Selbstverständnis entspricht.

Dass Patienten zunehmend zu Kunden werden, passe nicht in ihr Bild vom Arzt, der Haltung bewahrt, schwierige Lagen bewältigt und begleitet. Als Leistungserbringer bezeichnet zu werden „degradiert“, stellt Dieterich fest. Vertragsarzt zu sein, sei kein freier Beruf mehr, klingt dabei kritisch an.

Administrative Aufgaben nehmen zu

Auch wachsendes Anspruchsdenken hat zu schaffen gemacht. In all den Jahren haben sich die beiden nicht geschont: „Wir waren jeden Tag in der Praxis“, auch außerhalb der Sprechstunden am Samstag und Sonntag, betont Dieterich. Anders lasse sich das Administrative, das vor allem Heike Dieterich erledigte und alles was für eine Praxis zu organisieren ist, gar nicht leisten.

Weil immer weniger Ärzte dies in einer Zeit von Work und Life-Balance auf sich nehmen, spricht sich Dieterich auch bei den Verantwortlichen in der Kommunalpolitik dafür aus, dem Ärztemangel aktiv anzugehen und bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.

Es reiche nicht, ein Ärztehaus hinzustellen, erklären beide. Damit sich dieses mit medizinischem Leben fülle, sei auch die Kommune gefordert, um einen Arzt für das Organisatorische zu finden und auch zu bezahlen. Als erfolgreich mit so einem Modell nennen sie Büsum. Damit so ein Modell gelinge, müsse man wohl schon die Planung bewerben, meinen beide.

Vertrauen als etwa Einzigartiges

Welf Dieterich, der fest in der Familiengeschichte und Rheinfelden verwurzelt ist, fällt es ganz und gar nicht leicht, loszulassen und angekommen im Ruhestand sind beide noch lange nicht. Sie haben noch Patienten behandelt, die schon als Jugendliche bei Großmutter Therese Herzog waren.

Als begeisterte Hausärzte schätzen sie das „enorme Vertrauen“ als etwas Einzigartiges, das ihnen entgegengebracht wurde. Theoretisch hätte es eine Nachfolge für die Hausarztpraxis am Rhein in der Familie geben können. Der Sohn (27), der ebenfalls Medizin studiert hat, wird aber noch länger seine Facharztausbildung absolvieren.

„Auf den letzten Drücker“ sei es nur gelungen, eine Nachfolgelösung zu finden. Das treue Mitarbeiterteam (15, 20 und 25 Jahre) war schon auf dem Sprung. Jetzt darf es in den gleichen Räumen weiterarbeiten mit dem Mediziner Molnar. Er ist angestellt in der mit Niederlassungen arbeitenden Hausarztpraxis Tibor Bojti.

Ehe sich dies kurzfristig ergab, hat Welf Dieterich zwei Jahre lang vergeblich mit enormem Aufwand ärztliche Foren, Hausarztverbände, Unternehmensberatungen und die KV-Börse aufgesucht, „aber es gab keine einzige Nachfrage“. Dazu hat er mindestens 20 Kontakte geknüpft zu Medizinern, die eine Hausarztpraxis suchen – nur nicht in Rheinfelden.