Es ist Herbst 1990 als Josef Holes zum Arzt geht und dieser ein Problem mit seinen Nieren feststellt. „Ich war davor nie krank, ich habe gar nicht gewusst, was es bedeutet, krank zu sein“, sagt Holes, 58, heute. Zunächst bekommt er Medikamente, der Arzt weiß nicht genau, was mit den Nieren los ist. Kurze Zeit später muss er das erste Mal zur Dialyse, im Oktober 1990. Der Arzt rät ihm, sich auf die Warteliste von Eurotransplant setzen zu lassen, einer Koordinierungsstelle für Transplantationen, an der acht europäische Länder teilnehmen, darunter Deutschland. Es folgen weitere Untersuchungen. „Wie lange es dauern würde, konnte niemand sagen. Mein Arzt meinte, die Wartezeit kann fünf Jahre betragen. Auch kürzer, auch länger.“ Dann beginnt das Warten. „Ich hab gezweifelt, selbstverständlich“, sagt Josef Holes. „Es war immer die Frage, kriege ich überhaupt ein Organ? Ich war zu dem Zeitpunkt sehr jung, 30 Jahre, mit Familie, es war nicht so einfach.“ Die mit dem Warten verbundene Unsicherheit, belastet ihn.

In einer ähnlichen Situation befindet sich Willi Germund. Auch er ist auf einmal mit der Nachricht konfrontiert, seine Nieren würden versagen. Ein Schock. Willi Germund ist Journalist, ein erfahrener Auslandskorrespondent, er lebt in Thailands Hauptstadt Bangkok. Germund kennt sich aus. Er weiß, wie lange die Wartezeiten in der Heimat, in Deutschland, sind. Er beschließt, dass Warten keine Möglichkeit für ihn ist. „Ich bewundere jeden Patienten, der über die Stärke verfügt, seinen Namen auf eine Liste setzen zu lassen, jahrelang zu warten und die Hoffnung zu bewahren. Ich hätte wahrscheinlich nicht genug Kraft besessen, um die Ungewissheit zu ertragen.“ Das schreibt Willi Germund im Vorwort seines Buchs „Niere gegen Geld“, in dem er die Erlebnisse auf dem Weg zu seiner Organtransplantation beschreibt und verarbeitet.

Er hat sich dazu entschieden, einen anderen Weg zu gehen als Josef Holes. Willi Germund wagte sich auf den Schwarzmarkt und ging auf die Suche nach dem Organ eines Lebendspenders – also eines Menschen, der für Geld bereit ist, sich ein gesundes Organ entnehmen zu lassen. „Je länger man wartet, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass nicht mehr transplantiert werden kann. Jeden Tag sinkt somit die Hoffnung. Als Patient kommt mir das sehr stark als Lotterie vor“, sagt Germund. Er wisse nicht, wie andere Menschen damit klarkommen: „Jahrelang zu warten, in der Hoffnung, dass sie irgendwann ein Spenderorgan bekommen – das ist für mich sehr schwierig nachzuvollziehen“, sagt Willi Germund.
 
Bei Josef Holes geht es schneller als erwartet. Es ist ein Samstagmorgen. Das Telefon klingelt. Er nimmt ab. „Herr Holes, wir haben ein Organ für Sie, es muss jetzt alles sehr schnell gehen.“ Am 7. November 1992, knapp zwei Jahre nach seiner Erkrankung, erhält Josef Holes per Transplantation eine neue, gesunde Niere. Die Erleichterung ist groß, die Unsicherheit des Wartens vorbei. Vor allem ist Holes die Dialyse los.


Die Unsicherheit kommt zurück


Bis zum Jahr 2002. Die Niere arbeitet immer schlechter. Es bleibt immer mehr Wasser in seinem Körper zurück, Josef Holes‘ Körper stößt die Niere ab. Am 30. September 2002, zehn Jahre nach der ersten Dialyse seines Lebens, ist es soweit – die Funktion seiner Niere ist so stark eingeschränkt, dass Josef Holes wieder zur Dialyse muss. „Das war richtig schwer für mich. Davor hatte ich mehrere Jahre Freiheit. Und dann musste ich wieder Montag, Mittwoch, Freitag zur Dialyse.“ Jeder Gang zur Dialyse raubt ihm ein bisschen mehr Lebensfreude. Auch seine Familie leidet unter der Krankheit des Vaters. „Wir haben keinen Urlaub mehr gemacht. Wer weiß, was passiert?“ Die Unsicherheit war wieder zurück. Was wäre wenn? Dieses unangenehme Gefühl, nicht Herr der Lage zu sein. Zudem hat Josef Holes Schmerzen. Zur Arbeit geht er trotzdem. „Ich gehe lieber arbeiten, denn es bringt ja nichts, zu Hause sitzen zu bleiben. Ich bin lieber unter Leuten. Meine Frau hat gearbeitet, meine Kinder waren in der Schule, dann wäre ich alleine zu Hause, dann geht die Zeit gar nicht rum, alles bleibt stehen.“

Seine Gedanken beginnen zu kreisen: Soll ich mich nochmal auf die Warteliste setzen lassen? „Ich habe Angst gehabt. Kriegst du überhaupt eine Niere? Du hast ja schon eine gekriegt. Ich habe Fernsehen geschaut und Zeitung gelesen. Dort hab ich gesehen, dass es so schnell nicht mehr geht, wie es früher war.“ Letztlich lässt er sich in Ulm auf die Warteliste setzen. „Dann ist fünf Jahre lang gar nichts gelaufen.“ Doch er gibt nicht auf. Er geht nach Freiburg. Wieder Untersuchungen. Wieder warten. Und die ganze Zeit über: Dialyse.
 
Willi Germunds Suche auf dem Schwarzmarkt geht schneller. Zwei Jahre führt sie ihn von Arzt zu Arzt zu Mittelsmann. Mit vielen Hoffnungsschimmern und noch mehr Enttäuschungen. Er trifft auf Ärzte, die mit dem Organhandel ihr Geld verdienen, legt sein Schicksal und sein Vertrauen in deren Hände. Das alles mit einem möglichen Ausgang, der nicht verlässlicher scheint, als ein Platz auf der Warteliste von Eurotransplant. Er ist sich der Strafbarkeit und der moralischen Fragwürdigkeit bewusst. Dennoch verlieren diese Vorbehalte im Angesicht seiner Krankheit schnell an Gewicht. „Ich habe die Entscheidung, ein Organ kaufen zu wollen, mit niemandem geteilt.“ Er will sich nicht angreifbar machen, muss er doch die schwierigen Fragen bereits mit sich selbst ausmachen.


Immer wieder Lichtblicke


Auch wenn zwischenzeitlich die Zweifel fast größer werden als die Hoffnung – es gibt immer wieder Lichtblicke. Durch einen Mittelsmann in Amerika bekommt er schließlich Kontakt zu einem jungen Afrikaner, er nennt ihn Raymond. Er fliegt nach Afrika, trifft dort zum ersten Mal auf seinen Spender. Raymond ist ein junger Mann. 30.000 Dollar soll er für seine gesunde Niere bekommen. Von dem Geld wolle er sich ein besseres Leben aufbauen. Dann dauert es nur noch wenige Monate. Germunds Mittelsmann in Amerika vermittelt ihm einen Operationstermin in Mexiko. Er trifft wieder auf Raymond. Er wirkt noch immer überzeugt und ist bereit, ihm eine seiner gesunden Nieren zu geben. Gut zwei Jahre nach seinem Beschluss, sich auf dem Schwarzmarkt eine Niere zu kaufen, liegt Willi Germund in einem Krankenhausbett in Mexiko und trägt die Niere dieses jungen Afrikaners in sich.

Josef Holes startet 2013 einen weiteren Anlauf der legalen Spendersuche. Er meldet sich im November 2013 in München zu einer erneuten Untersuchung an. Im Dezember 2013 kommt dann ein Anruf. Erneut eine Nachricht, die er kaum verstehen, aber doch sehr wohl glauben mag. „Herr Holes, wir haben ein Organ für Sie.“ „Es war ein Uhr in der Nacht. Wir mussten schnell den Koffer holen. Die ganzen Jahre war der Koffer gepackt. Doch in dem Moment hat man trotzdem nichts gefunden im Schrank.“ Nach der zweiten Transplantation fühlt er vor allem eine große Erleichterung. Und Dankbarkeit. Wenn man ihn heute fragt, ob er in all den Jahren des Wartens je über eine andere Möglichkeit nachgedacht hat, an ein Organ zu kommen, verneint Josef Holes sofort. „Über so etwas habe ich nie nachgedacht. Weil ich wusste, dass das in Deutschland verboten ist.“

Nach der Veröffentlichung seines Buches gab es mehrere Strafanzeigen gegen Willi Germund. Unter anderem der Verein Interessensgemeinschaft Nierenlebendspende stellte Strafanzeige wegen des Verstoßes gegen Paragraf 18 des Transplantationsgesetzes, das unter anderem die Beteiligung am Organhandel unter Strafe stellt. Auch wenn das Ermittlungsverfahren mittlerweile eingestellt ist, droht eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Vorausgesetzt, es gäbe neue Erkenntnisse. Etwas, das Willi Germund strikt vermeiden möchte.

Josef Holes und Willi Germund haben unterschiedliche Wege zu einem Spenderorgan gewählt. Durch die Transplantation eines neuen, gesunden Organs haben beide die Chance bekommen, weiterzuleben. Die Zeit war ihr Gegenspieler und sie haben sich entschieden.

 
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