Was hat es mit Angst auf sich?

Angst zu haben, ist für Menschen zunächst nichts Schlimmes: Angst schützt, sie mahnt zur Vorsicht und ist eine normale Reaktion, die bei realen Bedrohungen auftritt. Üblicherweise ist Angstempfinden ganz individuell, die Pandemie führte jedoch zu einer kollektiven Angst.

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Jähne, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura in Bad Säckingen.
Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Jähne, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura in Bad Säckingen. | Bild: www.oberbergklinken.de / Fotograf: Wolfgang Stahr

Man muss Angst ernst nehmen. Wenn das Gefühl allerdings übermächtig wird und den Alltag beeinflusst, gilt es zu handeln. Dann muss man auch lernen, sich von ihr zu distanzieren. Das Leben besteht aus mehr als aus der Angst.

Woher kommen Ängste während der Corona-Pandemie?

Unser Alltag hat sich durch die Pandemie und auch durch die Schutzmaßnahmen dramatisch verändert. Vieles, was im Alltag als sicher angesehen wurde, musste aufgegeben werden. Viele neue Dinge sind dazugekommen und vieles davon in kurzer Zeit. Dieser Verlust von Routinen kann Unsicherheit auslösen, und bei Unsicherheit empfinden viele Menschen Angst. Seit Ende Mai ist zudem festzustellen, dass zunehmend Menschen mit wirtschaftlichen Existenzängsten professionelle Unterstützung benötigen. Es ist immer öfter die blanke Existenzangst, die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, vor Schuldenbergen und Überschuldung, worauf einige Menschen depressiv und panisch reagieren.

Wann wird die Angst zur Angststörung?

Bei Angststörungen, also der krankhaften Angst, handelt es sich um gesteigerte Angst in eigentlich ungefährlichen Situationen. Das Gemeinsame aller Angststörungen ist, dass die Angst sehr intensiv ist, lange anhält und nicht mehr der realen Gefahr angemessen ist. Die Angst scheint für Betroffene unkontrollierbar zu sein. Sie haben die Tendenz, aus der bedrohlichen Situation zu fliehen oder diese zu vermeiden. Dieses Verhalten führt zu deutlichen Einschränkungen in der Lebensführung. Das ist häufig ein grundlegendes Problem: Wer sich innerlich auf die Angst fixiert, beispielsweise weil er oder sie mögliche Katastrophen fürchtet, wird handlungsunfähig. Auch Depressionen können das „Gefühl der Angst“ auslösen. Doch Rückzug und Vermeidung sind keine Lösung. Es ist wichtig, aktiv zu werden.

Wie kann es gelingen, positiver zu denken?

Das Ziel ist es, dass die positiven Erfahrungen stärker werden als die Angst. Hier hilft es, den Fokus auf das zu richten, was einem im Leben selbst wichtig ist: Freunde, Bekannte, Träume und Dinge, die nicht problembehaftet sind. Es hilft, wenn man sich bewusst wird: ‚Ich habe ein Gefühl, aber ich bin es nicht‘. Geht es beispielsweise um finanzielle Sorgen, kann es helfen sich bewusst zu machen, was das eigene Leben lebenswert macht und nicht mit finanziellen Ansprüchen verbunden ist. Ich kann meiner Tochter vielleicht kein Pony kaufen, aber es gibt viele andere Möglichkeiten, gemeinsam die Zeit miteinander zu verbringen.

Wie findet man Lösungen?

Die Taktik des Fokussierens ändert meist nicht viel an den zugrunde liegenden Problemen, wenn es beispielsweise um wirtschaftliche Sorgen geht. Die Lösungsstrategie in diesem Fall klingt ganz einfach, aber es ist für Betroffene oft extrem schwierig: Man muss anfangen zu handeln und sich bewusst mit der bedrohlichen Situation auseinandersetzen. Geht es um die Angst vor dem finanziellen Ruin, dann hilft es, die Situation zu durchdenken. Was wäre, wenn ich zahlungsunfähig werde? Welche Möglichkeiten habe ich dann? Was würde sich konkret ändern? Und was bedeutet das für mich? Dieses Zu-Ende-Denken ermöglicht es, Alternativen zu finden und die Starre, in die Angst uns versetzt, zu überwinden und sich nicht im Katastrophendenken zu verlieren.

Warum ist der Austausch mit anderen so wichtig?

Alleine ist das aber oft fast nicht möglich, da es von Sorgen und Ängsten geplagten Menschen schwer fällt, die Situation in Gänze zu überblicken. Ich rate in diesem Zusammenhang zum Austausch mit einer anderen Person. Das kann ein vertrauter Freund oder eine Freundin, ein Familienmitglied, ein Experte einer Beratungsstelle oder auch ein Therapeut sein. Ganz wichtig ist es, sich klar zu machen: Ich muss mich nicht schämen für die Situation, in der ich mich befinde. Gerade bei finanziellen Schieflagen empfinden es die meisten Menschen als peinlich, darüber zu sprechen. Doch wir befinden uns alle aufgrund der Pandemie in einer Ausnahmesituation. Vor allem innerhalb der Familie sollte darum mit offenen Karten gespielt werden. Das kann auch positive Effekte haben und alle mehr zusammenschweißen.

Was sollten Eltern wissen?

Vor allem Menschen, die für Kinder Verantwortung tragen, wollen stark sein. Doch man darf nicht unterschätzen, dass Kinder oft schnell merken, dass etwas nicht stimmt. Entscheidend ist für sie Verständnis und Geborgenheit, das Gefühl ernst genommen zu werden. Das kann ich aber nur erreichen, wenn auch ich selbst authentisch bin und auch – ein Stück weit – zu meinen Unsicherheiten stehe. Ganz oft entpuppen sich Krisen, die unüberwindbar erschienen, als neue Chance und es eröffnen sich neue Wege, das Leben zu gestalten.

An welchen Arzt wendet man sich eigentlich, wenn man das Gefühl hat, psychische Hilfe zu brauchen?

Der erste Ansprechpartner ist immer der Hausarzt. Er kennt in der Regel den Patienten und kann eine erste Einschätzung der Symptome treffen. Manchmal liegt eine körperliche Erkrankung vor, oder man wird durch einen Schicksalsschlag vorübergehend aus der Bahn geworfen. Ist das auszuschließen und eine psychische Erkrankung wahrscheinlich, so verfügt der Hausarzt über Kontakte zu Spezialisten und kann den Betroffenen überweisen. Liegt eine akute Gefährdungssituation vor, sind die Notfallambulanzen psychiatrischer Kliniken die richtigen Anlaufstellen.

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