Irgendwie scheint der Südwesten und ganz besonders Oberschwaben ein gutes Pflaster zu sein, um in der größten und einflussreichsten Gewerkschaft Deutschlands – der IG Metall – Karriere zu machen. Beispiel gefällig?

Franz Steinkühler, Berthold Huber, Jörg Hofmann

In den letzten 50 Jahren kamen fünf von acht Gewerkschafts-Vorsitzenden aus Baden-Württemberg: Eugen Loderer, Franz Steinkühler, Klaus Zwickel, Berthold Huber und Jörg Hofmann. Hofmann, der sich einst als Bezirksleiter in Stuttgart mit den Daimler-Bossen stritt, schaffte es 2013 an die Bundesspitze der Metaller. Sein Nachfolger in der baden-württembergischen Landeshauptstadt wurde mit Roman Zitzelsberger einer, dem Kenner ebenfalls den Sprung ganz nach oben in der IG-Metall-Hierarchie zutrauen.

Südwest-IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger ist auch Vize-Aufsichtsrats-Chef bei ZF Friedrichshafen.
Südwest-IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger ist auch Vize-Aufsichtsrats-Chef bei ZF Friedrichshafen. | Bild: Foto: Oliver Hanser

Genau bei ihm ging eine junge Frau in die Schule, die gerade zum nächsten Karrieresprung ansetzt. Läuft alles nach Plan, hat die IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben-Singen ab morgen nach Jahren wieder eine Frau an der Spitze. Helene Sommer ist erst 31 und seit gerade einmal sechs Jahren Funktionärin.

Schon lange kein Gewerkschaftsküken mehr

Eigentlich ist sie ein Gewerkschafts-Küken, das Geschäft kennt sie aber aus dem Effeff. Das hat viel mit ihrer Biografie zu tun. Ihr Vater ist Michael Sommer, der langjährige Chef des Deutschen Gewerkschafts Bundes (DGB) in Berlin. Als er 2014 seine Karriere nach zwölf Jahren als DGB-Bundesvorsitzender beendete, begann die der Tochter gerade erst.

Gewerkschafts-Prominenz 2016 auf der Bühne in Friedrichshafen (von links): Ex-DGB-Chef Michael Sommer, der IG-Metall-Chef in Friedrichshafen Enzo Savarino, Südwest-IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger, Ex-Bundesvorsitzender Franz Steinkühler, und Sommer-Tochter Helene Sommer. Archivbild: Susanne Hogl
Gewerkschafts-Prominenz 2016 auf der Bühne in Friedrichshafen (von links): Ex-DGB-Chef Michael Sommer, der IG-Metall-Chef in Friedrichshafen Enzo Savarino, Südwest-IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger, Ex-Bundesvorsitzender Franz Steinkühler, und Sommer-Tochter Helene Sommer. Archivbild: Susanne Hogl | Bild: Susanne Hogl

Klein machen lässt sich die derzeit zweite Bevollmächtigte der Metaller nördlich des Bodensees sowieso nicht. Im Schatten von Enzo Savarino, dem ersten Bevollmächtigten, der nun in den Ruhestand tritt, stand Sommer nie. Ihr neues Amt verleiht dem Ausdruck. Wenn die Delegierten sie morgen im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen wählen sollten, wird sie nicht nur Chefin der Verwaltungsstelle hier, sondern auch in Singen. Ein Gegenkandidat war vorab nicht auszumachen. Geschäftsführerin darf sie sich jetzt schon nennen. Den Begriff Gewerkschaftssekretärin mochte sie noch nie. „Das klingt doch irgendwie nach Tippse“, sagt sie.

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Es passt zur forschen, nicht eben großen Person mit der Lockenmähne, sich mit der „Frauenrolle“ nie zufrieden gegeben zu haben. Auch wenn ihr das „kleine Rote“ hervorragend steht, bevorzugt sie trotzdem den Hosenanzug.

Ihr Vater ist EX-DGB-Chef Sommer

Die erste Frau an der Spitze in Friedrichshafen ist sie nicht. Neun Jahre lang bis 2012 war die „rote Lilo“ Rademacher Bevollmächtigte in Friedrichshafen. Sie brauchte indes 25 Jahre, um als Gewerkschafterin in der ersten Reihe zu landen.

Mit einem alten Weggefährten wird Helene Sommer als Bezirkschefin wohl wieder öfter zu tun haben: Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger ist seit Kurzem Vize-Aufsichtsratschef von ZF, dem drittgrößten deutschen Automobilzulieferer mit Sitz in Friedrichshafen.

Frauen in der IG-Metall-Führung noch selten

Sommer und Zitzelsberger werden allein wegen des angekündigten Abbaus von 15 000 Stellen bei ZF bis 2025, davon die Hälfte in Deutschland, in den nächsten Monaten viel miteinander zu tun haben. Man kennt sich aus der gemeinsamen Zeit bei der IG Metall in Gaggenau.

Die Spitze der Industriegewerkschaft Metall (IGM): (von links) Enzo Savarino und Lilo Rademacher von der Verwaltungsstelle Friedrichshafen-Oberschwaben sowie der baden-württembergische Bezirksleiter, Jörg Hofmann.
Die Spitze der Industriegewerkschaft Metall (IGM): (von links) Enzo Savarino und Lilo Rademacher von der Verwaltungsstelle Friedrichshafen-Oberschwaben sowie der baden-württembergische Bezirksleiter, Jörg Hofmann. | Bild: Bild: Dieterle-Jöchle

Dass sich Sommer in der Männerwelt IG-Metall gut zurechtfindet, bewies sie früh. Als die Metaller am Bodensee 2016 125 Jahre Gewerkschaftsgeschichte feierten, saß sie mit allem, was Rang und Namen hatte, auf der Bühne beim „Kamingespräch“: Vater Michael Sommer, Südwest-Chef Zitzelsberger und der alte Haudegen Franz Steinkühler. Da war die Gewerkschaftssekretärin gerade erst Vize-Chefin im Gewerkschaftshaus in Friedrichshafen geworden – mit 27. Nur vier Jahre später rückt sie nun voraussichtlich an die Spitze.

Geht es in diesem Tempo weiter, wird das „Ländle“ für die forsche Gewerkschafterin bald zu klein.

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