Immer mehr Unternehmen machen sich Sorgen, nach Auslaufen ihrer Strom- und Gasverträge überhaupt noch mit Energie beliefert zu werden. Die aktuelle Lage am Energiemarkt führe dazu, dass Firmen „mitunter nicht einmal mehr Angebote für Strom- und Gaslieferungen von ihren Versorgern bekommen“, sagte der Vorsitzende des Maschinenbauer-Verbands VDMA im Südwesten, Mathias Kammüller, in Stuttgart.

Es gebe Fälle, wo Unternehmen bundesweit keine Anschlussanbieter für Energie mehr fänden, ergänzte Dietrich Birk, VDMA-Geschäftsführer in Baden-Württemberg. Der Energiemarkt sei quasi außer Kraft gesetzt.

Mathias Kammüller, Vorsitzender des VDMA im Südwesten und Mitglied des Vorstands des Maschinenbauers Trumpf.
Mathias Kammüller, Vorsitzender des VDMA im Südwesten und Mitglied des Vorstands des Maschinenbauers Trumpf. | Bild: Fabian Sommer/dpa

Anders als Haushaltskunden fallen größere Unternehmen bei Auslaufen eines Energievertrags nicht automatisch in die Grundversorgung ihres lokalen Energieanbieters zurück. Im Extremfall stehen sie ohne Versorger da. Oder sie müssen auf eigene Faust Energie zum Tagespreis, am sogenannten Spotmarkt, zukaufen. Dort betragen die Preise aber ein Vielfaches der normalen Tarife.

Drohen Verlagerungen ins Ausland?

Viele Firmen müssten in den kommenden Monaten mit Strompreisen kalkulieren, die acht bis zehn Mal höher als normal sind, sagte Birk. In einer aktuellen Unternehmensumfrage, die der VDMA bei knapp 300 Branchenbetrieben mit insgesamt gut 220.000 Beschäftigten durchgeführt hat, gaben rund 80 Prozent der befragten Betriebe an, schon heute sehr starke, starke oder deutliche Auswirkungen der hohen Energiekosten zu spüren.

Das ist ungewöhnlich, weil die Energiepreise bei der Mehrzahl der Maschinenbauer normalerweise nachrangig sind. Ihr Anteil an den Gesamtkosten beträgt im Durchschnitt rund drei Prozent. Das ändert sich derzeit aber rasant und führt – zusammen mit ebenfalls steigenden Arbeitskosten, Lieferkettenproblemen und Rohstoff-Einkaufspreisen – zu Problemen.

Vielen Firmen schmelzen die Gewinne weg. Mit rund einem Viertel der befragten Betriebe schätzen deutlich mehr Unternehmen als vor einem Jahr ihre Ertragslage heute als schlecht oder sehr schlecht ein.

„Die Kosten für Strom und Gas schränken die Ertrags- und Investitionskraft der Firmen erheblich ein und sind in Einzelfällen sogar existenzbedrohend“, so Südwest VDMA-Chef Kammüller. 35 Prozent der Unternehmen erwögen deshalb gemäß der Branchenumfrage Standortverlagerungen oder auch einen Stellenabbau, so Kammüller. Profiteure der Entwicklung sind nach früheren VDMA-Einschätzungen Osteuropa, aber auch die USA. Dort betragen die Energiepreise einen Bruchteil der Tarife in Europa.

Dietrich Birk, langjähriger Geschäftsführer des Landesverbands Baden-Württemberg des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau ...
Dietrich Birk, langjähriger Geschäftsführer des Landesverbands Baden-Württemberg des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), sieht die Gefahr, dass Firmen Teile der Produktion ins Ausland verlagern könnten. | Bild: Bernd Weissbrod/dpa

In der jetzigen Situation könne eine temporäre Deckelung beim Strompreis helfen, die Versorgungssicherheit der Industrie zu erhalten. „Langfristig benötigen wir ein neues europäisches Strommarktdesign, das uns krisenfester macht“, so Kammüller.

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Gleichzeitig gelte es, alle verfügbaren Kraftwerke schnell ans Netz zu bringen. Dazu zählt man beim VDMA auch alle noch im Betrieb befindlichen Kernmeiler. Das Energieangebot müsse auf breiter Ebene aktiviert werden, so Birk. Dabei gehe es auch darum, Spekulanten auf den Energiemärkten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Preisbereinigt kein Wachstum 2022

Nominal geht der VDMA, der die in Baden-Württemberg beschäftigungsstärkste Industriebranche vertritt, für 2022 von einem wachsenden Umsatz aus. Auf Basis der Branchenumfrage könnte der Maschinenbau in Baden-Württemberg 2022 nominal um 8,4 Prozent zulegen und somit Erlöse von rund 85 Milliarden Euro erzielen.

Allerdings ist das zu großen Teilen dem erheblichen Preisauftrieb geschuldet. Preisbereinigt sei daher eher eine Stagnation zu erwarten. Für 2023 rechneten die Unternehmen mit einem nominalen Umsatzwachstum von 5,5 Prozent, hieß es.

Ein Mitarbeiter eines Maschinenbauers arbeitet an einem Triebwerksteil.
Ein Mitarbeiter eines Maschinenbauers arbeitet an einem Triebwerksteil. | Bild: Ralf Hirschberger/dpa

Seine Rolle als Beschäftigungsmotor könnte der Maschinenbau verlieren. Seit dem Boomjahr 2019 ist die Beschäftigtenentwicklung rückläufig und ist von 352.000 auf 329.000 Mitarbeiter im Jahr 2021 gesunken.

Ein Grund ist, dass die Firmen frei werdende Stellen nicht zeitnah wieder nachbesetzen können. Aktuell haben rund 90 Prozent der Betriebe offene Stellen. In Summe sind es etwa 3700. 90 Prozent der Betriebe wollen neues Personal einstellen oder das vorhandene halten. Nur zehn Prozent planen Abbau.