Santa Clara – Sechsstellige Jahresgehälter für Berufsanfänger, flache Hierarchien, Arbeitsplätze in lichten High-Tech-Palästen mit kostenloser Verpflegung und Sportzentren – damit locken Internetgiganten wie Google, Apple und Facebook und Hi-Tec-Innovationsschmieden wie Nvidia Nachwuchskräfte auch aus Baden-Württemberg ins kalifornische Silicon Valley. „56 000 Euro Einstiegsgehalt hat mir die Telekom 2016 angeboten“, sagt Philipp Deisendorf, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, und lächelt.

Aber der damals 23-jährige Informatik-Absolvent des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) sah darin wenig Perspektive, zumal er lieber in seinem Spezialgebiet arbeiten wollte: Blockchain-Technologie, der Basis für digitale Kryptowährungen wie Bitcoin. Ein Vortrag in Karlsruhe, ein Kontakt mit einer Firma im Silicon Valley, kurz darauf flog er nach Kalifornien, unterschrieb bei einem auf Kryptowährungen spezialisierten Beratungsunternehmen. Für 125 000 Dollar Jahresgehalt plus Extras. Deisendorf kam nicht zurück. Ein Jahr später gab es ungefragt noch mal 20 Prozent obendrauf, jetzt verdient er eine knappe Viertelmillion Dollar im Jahr. Tendenz: steigend.

6000 Dollar Miete für ein Zimmer

Viel Geld. Doch der vermeintliche Glanz und die großen Summen sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist wenig verlockend: Für einen luxuriösen Lebensstil dort reicht das Gehalt bei Weitem nicht. Mit einem Einkommen von 150 000 Dollar lässt sich in der Bay Area vom Silicon Valley bis hin nach San Francisco kaum die Miete für ein kleines Appartement bezahlen. Das Haus in Santa Clara, das der KIT-Absolvent und drei Mitbewohner gemietet haben und in dem er ein Zimmer bewohnt, kostet 6000 Dollar im Monat – für jeden von ihnen.

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An diesem Abend trifft Deisendorf hier in Santa Clara, dem Herzen des Silicon Valley, viele alte Bekannte und einen Teil der deutschen Community wieder. Das KIT hat anlässlich der Delegationsreise des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in die USA und nach Kanada zum Auftakt einer eigenen Veranstaltungsreihe im Silicon Valley eingeladen. Referenten sind zwei Gründer-Schwergewichte, die selbst einst in Karlsruhe studierten: KIT-Absolvent Cyriac Roeding, gebürtiger Konstanzer, CEO des Internet-Durchstarters „Shopkick“ und Risikokapitalinvestor, und Guido Appenzeller, Mitgründer von Voltage Security und heute bei VMware. Deren Karrieren sind Vorbilder für viele der jungen Deutschen, die es ins Valley zieht.

Deutsche zur Rückkehr motivieren

Geht es nach Winfried Kretschmann, sollen Wirtschaft und Wissenschaft in Baden-Württemberg ihre Bemühungen verstärken, die hoch qualifizierten „Techies“ und Gründerköpfe nach Deutschland zurückzuholen oder sie gar nicht erst ziehen zu lassen. „Wir müssen denen was anbieten“, fordert Winfried Kretschmann, „aber die wollen halt nicht irgendwas machen, sondern wollen einen Impact setzen, Wirkung erzielen.“

Angenehmes Klima, nette Menschen

Rund 80 KIT-Alumni leben und arbeiten derzeit im Silicon Valley, insgesamt wird die deutsche Community in der Drei-Millionen-Einwohner-Region aber auf bis zu 70 000 geschätzt. Zahlreiche baden-württembergische Unternehmen, auch Mittelständler, haben hier ein Büro, um den Start-up-Markt zu beobachten oder selbst Forschung und Entwicklung zu betreiben. Porsche und Daimler sowieso, aber auch ZF Friedrichshafen sitzt mit seinem globalen Innovationsteam von sieben Mann im Valley, ebenso der Nürtinger Elektronik-Zulieferer Hella, auch Mann &Hummel hat einen Vertreter im Start-up-Zentrum „Plug and Play Tech Center“. Die Menschen hier sind generell unverbindlich nett zueinander, auch das Klima ist ganzjährig angenehm, die Sonne scheint fast durchgehend, die endlose Pazifikküste ist nur eine knappe Stunde entfernt. Ein Paradies?

Die Millionäre verderben die Preise

„Ich schätze mal, dass ich keinen höheren Lebensstandard habe, als ich ihn in Deutschland hätte“, sagt Philipp Deisendorf. Jeder braucht ein Auto, weil es praktisch keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Essen gehen, einkaufen – alles ist hier um ein Vielfaches teurer als anderswo; von Schul- und Studiengebühren für eine gute Ausbildung ist gar nicht zu reden. Viele Familien verschulden sich dafür. Den finanziellen Takt geben die Big Player vor, für die es keine Rolle spielt, ob eine Flasche Wein 400 oder 600 Dollar kostet im Restaurant. Das verdirbt die Preise. Für Normalverdiener ist das Leben im Valley zunehmend unbezahlbar. Viele Menschen in der Region, manche sogar berufstätig, leben auf der Straße. „Homeless“ steht auf den Pappschildern vor ihnen. Die Armut ist sichtbar. 

Keine Seltenheit rund ums Tal der Ideen: <br />Ein Obdachloser in San Francisco. Bild: afp
Keine Seltenheit rund ums Tal der Ideen: Ein Obdachloser in San Francisco. | Bild: JOSH EDELSON

Es geht um Profit, nicht um Menschen

EnBW-Chef Frank Mastiaux, der mit Kretschmanns Delegation ins Valley kam, nimmt deshalb zwiespältige Eindrücke mit nach Hause. „Einerseits gibt es hier enorm viel Finanzkraft und Manpower, um Dinge voranzutreiben“, sagt Mastiaux. „Aber die finanzielle Optimierung dient nur sehr wenigen Leuten. Wir sehen hier eine High-Tech-Industrie in einem Dritte-Welt-Umfeld“, urteilt der EnBW-Chef. Und steuert die Geschichte von der Lehrerin bei, die im Auto lebt, weil sie sich keine Wohnung leisten kann. Und auch Kretschmann fragt am Ende des Besuchs: „Wo bleibt eigentlich der Mensch?“