Der Hofverkauf der Familie Senger ist ein Lädchen, wie er oft am Straßenrand in der Obstregion Bodensee zu finden ist. Jeder, der mit dem Auto durch den Stockacher Ortsteil Espasingen fährt, sieht die knallig bunten Plakate, die auf den Gemüse- und Obstverkauf hinweisen. Hiltrud Müller hat angehalten. Sie steht im Verkaufsraum zwischen Kisten voller Lauch, Wirsing, Kartoffeln und einem Regal voller Marmelade und Saft. Es sind eigene Erzeugnissen, wie auch das selbstgebackene Brot in ihrem Arm. Sie gehört zu den Stammkunden, kennt die Hofbesitzer Heike und Martin Senger und vertraut auf ihr Angebot – anders als den Bio-Waren aus dem Supermarkt. "Was nutzt eine Bio-Gurke, wenn sie aus Schleswig-Holstein in Plastik verpackt mit dem Lastwagen hergekarrt wird?", fragt sie.

Bio ist ein Milliarden-Geschäft

Hiltrud Müller trifft mir ihrer Meinung einen deutschlandweiten Trend, den eine Analyse des Marktforschungsunternehmens YouGov aufzeigt. Die Frage an die Einkäufer ist einfach: Auf welche der folgenden Merkmale achten Sie beim Essen oder beim Einkauf? Regionalität sticht als Top-3-Kaufkriterium hervor – zwei von fünf Deutschen (42 Prozent) achten bei ihrer Auswahl auf Lebensmittel aus dem Umkreis. Wichtiger sind den Käufern nur Frische (52 Prozent) und niedriger Zuckergehalt (47 Prozent). Lebensmittel aus biologischem Anbau schaffen es mit 25 Prozent nur auf Platz zehn.

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Das Ergebnis ist allerdings kein Vorbote, dass der Bio-Boom vorbei geht. Der deutsche Markt wächst munter weiter. Im vergangenen Jahr wurden ökologisch hergestellte Lebensmittel im Wert von 10,91 Milliarden Euro verkauft – das sind 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Deutschland produzieren mittlerweile 12 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe ohne Pestizide, Nitratdünger und Gentechnik. Tendenz steigend.

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Nur 29 Prozent assoziieren Bio-Waren als besonders frisch

Bei den Käufern leidet allerdings das Image der Bio-Waren, wie die YouGov-Studie weiter ermittelt. Eindrucksvoll zeigt das der Vergleich mit regional deklarierten Lebensmitteln. Produkten mit einem solchen Siegel werden von 77 Prozent der Befragten als frischer wahrgenommen. Nur 29 Prozent assoziieren naturbelassene Waren als besonders frisch. Auch in anderen Kategorien gibt es Siege für Lebensmittel aus der Heimat: Sie werden als nährstoffreicher eingeschätzt, dazu wird Geschmack und Qualität besser bewertet.

Das Schild "Aus der Region" zieht im Markt

Supermärkte kennen den Trend und leiten Strategien im Verkauf ab, wie Studienleiterin Loeck erklärt. "Regionalität ist ein wichtiger Punkt, womit Kunden von einem Produkt überzeugt werden können", sagt Loeck mit Blick auf die vielen regionalen Handelsmarken der Märkte. Viel Geld werde für regionales Obst und Gemüse ausgegeben – dort ziehe das Schild "Aus der Region" besonders. Aber was bedeutet der Satz eigentlich? Das weiß von den Käufern keiner so genau. "Die Deklaration zur Herkunft wird oftmals kritisch gesehen", sagt die Studienleiterin. Nur 35 Prozent der Befragten geben an, den Angaben auf dem Etikett zu vertrauen. 71 Prozent wollen eine stärkere Überwachung.

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Der Wunsch ist nicht unbegründet, wie Kontrollen der Lebensmittelsicherheit Baden-Württemberg im Jahr 2017 zeigten. Bei 16 Hersteller von Fruchtsaft- und Fruchsaftschorle im Land fielen sieben Betriebe mit falschen Angaben zur Herkunft auf. Die Waren mussten umetikettiert werden. Gegen vier Betriebe ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die Verfahren wurden gegen Geldauflage eingestellt. Damit auf dem Etikett nicht nur regional draufsteht, sondern tatsächlich drin ist, wollen die Behörden die Kontrollen ausweiten.

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Das Wort "Region" ist gesetzlich nicht geschützt

Der Schwindel ist bei über 1000 Regional-Siegeln kaum zu entlarven. Das Problem: Das Wort "Region" ist gesetzlich nicht geschützt. Jeder kann darunter etwas anderes verstehen. Ist es ein Bundesland, eine Stadt, ein Landstrich? Um dem Käufer bei seiner Definition zu helfen, initiierte die Politik das "Regionalfenster", getragen vom gleichnamigen Verein.

Bild: Regionalfenster

"Das ist ein Informationsschild und kein Siegel", betont Geschäftsführer Peter Klingmann. Es zeige auf einen Blick, woher die Hauptzutaten eines Produkts stammen und wo sie verarbeitet wurden. Für die Hersteller ist das freiwillig. Bisher tragen 4200 Produkte das Fenster.

Zurück im Stockacher Hofladen der Familie Senger. Kundin Hiltrud Müller diskutiert angeregt mit Heike Senger. Erdbeeren im Winter seien ein Klimakiller. Man müsse ab und zu verzichten. Die Ladenbesitzerin erklärt ihren Grundsatz: "Regional einkaufen bedeutet, saisonal einzukaufen."