Zehntausende Arbeitnehmer in Baden-Württemberg wollen weniger arbeiten und nehmen dafür in Kauf, Abstriche beim Gehalt zu machen. „In Baden-Württemberg registrieren wir eine zum Teil sehr intensive Inanspruchnahme der Wahloption Zeit statt Geld“, sagte ein Sprecher des Arbeitgeberverbands Südwestmetall unserer Zeitung. Insbesondere bei Schichtbeschäftigten sei das Interesse hoch, die Arbeitsdauer abzuschmelzen. „In einigen Betrieben haben bis zu 50 Prozent der Schichtarbeitnehmer einen entsprechenden Antrag auf mehr freie Tage gestellt, teilweise sogar noch darüber hinaus“, sagte der Sprecher.

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  • Die Arbeitszeit: Weniger arbeiten – geht das so einfach? Seit Januar dieses Jahres haben gut 500 000 Tarif-Beschäftigte der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie die Möglichkeit, im Tausch für 27,5 Prozent eines Brutto-Monatslohns acht freie Tage mehr pro Jahr einzufordern. Allerdings nur, wenn sie Schicht arbeiten, minderjährige Kinder haben oder Verwandte pflegen sollten. Auch andere Branchen haben mittlerweile in ihren Tarifverträgen ein Wahlrecht – Freizeit gegen Geld – verankert. Bei der Deutschen Post sind beispielsweise bis zu zwei Wochen Extra-Freizeit drin. Und in der Chemieindustrie bahnt sich eine entsprechende Regelung an. Bei den Metallern war die Wahlfreiheit einer der Hauptstreitpunkte mit den Arbeitgebern beim Abschluss des aktuellen Tarifvertrags 2018.

    Pochte die Gewerkschaft IG Metall auf das Recht der Arbeitnehmer auf „Erholung nach Jahren der Hochkonjunktur“, fürchteten die Arbeitgeber einen Verlust an Arbeitskraft in Zeiten der Vollbeschäftigung. Zwar verfügt der Arbeitgeberverband Südwestmetall nach eigenen Angaben noch nicht flächendeckend über „exakte Zahlen“. Allerdings scheine die Situation im Südwesten, „nicht gravierend von der in Bayern abzuweichen“, hieß es. Dort hatten Ende vergangener Woche nach Angaben der bayrischen Metallarbeitgeber ein Viertel aller Branchenbeschäftigten einen Antrag auf mehr freie Tage gestellt. Übertragen auf das Beschäftigungsniveau in Baden-Württemberg bedeutet das, dass rund 125 000 Arbeitnehmer mehr Freizeit geltend machen wollen. Die IG Metall geht derzeit von gut 50 000 Freizeit-Anträgen aus, die aber im Jahresverlauf noch deutlich zunehmen können, da immer mehr Beschäftigte die Wahlmöglichkeit in Anspruch nehmen könnten, wie es hieß. Aber wie sieht es in den Betrieben konkret aus?
ZF Friedrichshafen: 2000 Mitarbeiter allein am Stammsitz wollen zeitlich kürzer treten.
ZF Friedrichshafen: 2000 Mitarbeiter allein am Stammsitz wollen zeitlich kürzer treten. | Bild: Felix Kästle/dpa
  • ZF Friedrichshafen: Bei Deutschlands drittgrößtem Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen sind nach Angaben eines Sprechers „mehr als 2000 Anträge“ von Beschäftigten eingegangen, die sich für die Option zusätzlicher freier Tage entschieden haben. An seinem Stammsitz beschäftigt der Milliarden-Konzern rund 9400 Mitarbeiter, ein Gutteil davon arbeitet allerdings nicht Schicht, sondern ist mit Forschung oder Verwaltungsaufgaben betraut.
RRPS: 1000 Mitarbeiter in Friedrichshafen wollen mehr Freizeit.
RRPS: 1000 Mitarbeiter in Friedrichshafen wollen mehr Freizeit. | Bild: Felix Kästle/dpa
  • Rolls Royce Power Systems: Beim Großmotorenbauer Rolls Royce Power Systems (RRPS) wollen 1000 Beschäftigte mehr Freizeit, wie ein Sprecher sagte. Insgesamt beschäftigt die MTU-Mutter am Stammsitz am Bodensee rund 5800 Menschen. RRPS geht für seine Beschäftigten sogar über die tariflich festgelegten Bestimmungen hinaus und räumt auch Teilzeitmitarbeitern Extra-Freizeittage ein.
Aesculap: In Tuttlingen haben knapp 500 Beschäftigten einen Freizeit-Antrag gestellt. Alle dürfen die Arbeitsdauer verkürzen
Aesculap: In Tuttlingen haben knapp 500 Beschäftigten einen Freizeit-Antrag gestellt. Alle dürfen die Arbeitsdauer verkürzen | Bild: Felix Kästle/dpa
  • Aesculap: Bei dem Medizintechnikunternehmen aus Tuttlingen wurden 482 Freizeit-Anträge gestellt. Alle wurden nach Firmenangaben genehmigt.
Marquardt: Der Tuttlinger Automobilzulieferer lässt keinen seiner Mitarbeiter zusätzliche Freitage nehmen
Marquardt: Der Tuttlinger Automobilzulieferer lässt keinen seiner Mitarbeiter zusätzliche Freitage nehmen | Bild: Marquardt
  • Marquardt: So flexibel sind indes nicht alle Arbeitgeber. Der Automobilzulieferer Marquardt aus Rietheim-Weilheim lässt die Wahlmöglichkeit für seine rund 2600 deutschen Mitarbeiter nicht zu. Man habe eine „Regelung getroffen, auf weitere freie Tage zu verzichten und stattdessen allen Mitarbeitern das Zusatzentgelt auszubezahlen“, sagte ein Firmen-Sprecher unserer Zeitung. Als Grund führt das Familienunternehmen an, unter Vollauslastung zu stehen und gleichzeitig offene Stellen zu haben, die kurzfristig nicht besetzt werden könnten. Mehr Freizeit für die Beschäftigten, sei keine Option. „Wir brauchen jede Arbeitskraft“, heißt es bei dem Elektronik-Spezialisten, der unter anderem Technologie für Daimler zuliefert.
  • Der Knackpunkt: Auch nach Tarifvertrag sind die Firmen nicht verpflichtet, den Freizeitwünschen ihrer Werker nachzukommen. Dies gilt aber nur dann, wenn auch der Betriebsrat der Meinung ist, die Weniger-Arbeit ließe sich nicht durch andere Maßnahmen kompensieren. Hier ist Erfindungsreichtum und innovative Personalpolitik gefragt. Die Industrieschwergewichte ZF und RRPS passen beispielsweise Arbeitszeitkonten und Schichtmodelle an die neuen Anforderungen an. Oder sie lassen mehr Mitarbeiter in 40-Stunden Verträge wechseln, die insbesondere bei Jüngeren Arbeitnehmern begerht sind.

    Entsprechende Flexibilisierungsmaßnahmen sieht der neue Metall-Tarifvertrag vor. Bei ZF macht man sich zudem Gedanken, in den kommenden Monaten mehr Ferienarbeitnehmer einzustellen, was Schüler und Studenten freuen dürfte. Als Resultat will der Diesel- und Energiespezialist RRPS „den allermeisten Mitarbeitern, die einen Antrag auf mehr Freizeit gestellt hätten, dies auch genehmigen“, sagte ein RRPS-Sprecher. Bei ZF bezeichnet man es zwar als Herausforderung, das Mehr an Freizeit abzufedern. Anträge würden dennoch „weitgehend möglich gemacht“, wie ein Sprecher sagte.
  • Leiharbeit: Die Freizeit-Klausel der Metaller, die für viele andere Berufsgruppen als Luxusregel anmuten mag, könnte auch einen Nachteil haben. Wenn die Stammbelegschaften weniger arbeiten, müssen Externe die Aufträge abarbeiten, oft zu schlechteren Konditionen. Man könne nicht ausschließen, „dass künftig vermehrt auf Zeitarbeit zurückgegriffen“ werde, heißt es von den Südwest-Arbeitgebern.