Der eine Kollege adelte ihn kürzlich als „Gewissen der Liga“, der andere beschimpfte ihn vor drei Jahren als Derwisch, der am Spielfeldrand „wie ein Verrückter agiert“. Zwischen den Aussagen der beiden ehemaligen Bundesligatrainer Martin Schmidt (FSV Mainz 05) und Gertjan Verbeek (damals 1. FC Nürnberg) liegen Welten. Kein Zweifel, dieser Mann polarisiert. Er sei authentisch, ehrlich, weltoffen, menschlich, witzig und bodenständig, sagen die einen, aufbrausend, schwierig und provinziell, behaupten die anderen.

Ja, wie ist er denn nun wirklich, dieser Christian Streich? Am Mittwochabend durften sich die 900 Besucher beim VS-Forum des SÜDKURIER in der Neuen Tonhalle in Villingen selbst ein Bild machen vom Cheftrainer des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg. Der 52-Jährige präsentierte sich im Gespräch mit Chefredakteur Stefan Lutz und Sportchef Ralf Mittmann als Mensch, der nicht nur gerne über Fußball spricht, sondern auch zu Themen über den Spielfeldrand hinaus eine klare Meinung vertritt.

Die besten Szenen vom VS-Forum mit Christian Streich vom SC Freiburg

Christian Streich als Trainer

Der Sohn eines Metzgermeisters startete einige Anläufe ins Berufsleben, bis er seine wahre Berufung fand. Vom Industriekaufmann und Fußballprofi über ein Lehramts-Studium zum Fußballtrainer. Das ist er noch heute und bereut es nicht. „Ich habe einen Job gefunden, der mir Spaß macht. Ich hätte nicht erwartet, dass ich irgendwann mal Fußballtrainer bin und dafür auch noch bezahlt werde.“ Bis auf jene 90 Minuten, in denen am und auf dem Spielfeld die Emotionen hochkochen, sind die Tagesabläufe wenig spektakulär. 7.

30 Uhr ins Büro, um 19 Uhr nach Hause. Dazwischen liegen Training, Video-Analysen sowie Gespräche mit Spielern und Trainerstab. Und das sechs Tage die Woche. Nur: Es kommt darauf an, wie man die Arbeitszeit füllt. Christian Streich hält es wie der italienische Kollege Claudio Ranieri, der in England 2016 mit Aufsteiger Leicester City den Titel holte. Er trifft sich mit den Spielern nicht zum Arbeiten, um danach noch einige Stunden zu leben, sondern füllt die gemeinsame Arbeit mit Leben. Angebote für Vorträge über Motivation lehnt er ab. Aus gutem Grund: „Ich versuche meine ganze Energie der Mannschaft zu geben.“ Anders sei dieser Job nicht seriös auszuüben. Den siebten, freien Tag widmet er seiner Familie. Oder dem Fahrradfahren, irgendwohin, wo möglichst wenig Menschen sind.

Streich über Fußball und Kommerz

Streichs Lieblingsthema, bei dem sein Puls ansteigt. Die Millionensummen, die bewegt werden, machen auch dem SC Freiburg schwer zu schaffen. Die Ablösesummen für die Spieler schnellen in astronomische Höhen und sind für den Club aus dem Breisgau kaum zu stemmen. Verrückter Fußball? „Der Fußball ist nicht verrückt geworden, sondern die Rahmenbedingungen. Fußball hat politisch und wirtschaftlich eine Bedeutung gewonnen, die mir nicht angemessen erscheint.“ Er biete Menschen die Möglichkeit, ins Rampenlicht zu treten, sagt Streich mit Blick auf China und England. Es sei „Wahnsinn, dass einem Einzelnen ein ganzer Verein gehört“. Zum Glück habe das archaische Spiel bislang alles überlebt. Streich: „Offensichtlich ist das Spiel groß.“

Streich über Fußball als Event

Als der SC Freiburg beim FC Bayern München das letzte Saisonspiel absolvierte, schwoll Streich der Kamm. Dass Popstar Anastacia im Rahmen der Meisterfeier der Münchner während der Halbzeitpause ein Lied trällerte und die Pause deshalb acht Minuten länger dauerte, fand er unanständig. Da passte es ins Bild, dass Helene Fischer eine Woche später beim DFB-Pokalfinale in Berlin ebenfalls einen Halbzeit-Auftritt hatte und von den Fans gnadenlos ausgepfiffen wurde. Dient der Fußball nur noch als Rahmenprogramm für das Showgeschäft? Streich hatte Mitleid mit der Sängerin. „Dass sie ausgepfiffen wurde, fand ich nicht schön. Sie kann nichts dafür. Immer mehr wollen am Fußball mitverdienen. Es geht nur noch um Gewinnmaximierung“, meint Streich und malt ein düsteres Szenario: „Irgendwann wenden sich die Leute ab.“ In England, so der SCF-Trainer, sei es für einen normal verdienenden Menschen unmöglich, mit zwei Kindern ins Stadion zu gehen. Fußball sei dort nur noch Leuten mit viel Geld vorbehalten.

Streich über Randale im Stadion

Hasstiraden gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp oder RB Leipzigs graue Eminenz Dietrich Mateschitz sind bei den Auswärtsspielen beider Klubs längst an der Tagesordnung. Krawallmacher verwandeln die Stadien in Schauplätze für Gewaltexzesse. Streich: „Wenn Fußball solch eine große Bedeutung hat, ist klar, dass es Leute gibt, die diese Bühne nutzen und versuchen, den Sport zu instrumentalisieren.

“ Die Relegationsspiele zwischen 1860 München gegen Jahn Regensburg und VfL Wolfsburg gegen Eintracht Braunschweig geben ihm zu denken, zeigten sie doch, dass auch bei ganz normalen Fans die Hemmschwelle gegen null sinkt, wenn es um Auf- oder Abstieg geht. „Das war furchtbar“, sagt Streich und weiß um den Grund für solche Ausschreitungen: „Diese Spiele werden hochstilisiert zu Sein oder Nichtsein.“ Sein Vorschlag: „Man muss sich überlegen, ob künftig wieder drei Mannschaften ab- und drei aufsteigen. Dann wäre das Problem gelöst.“ Brandsätze auf den Rängen lehnt er kategorisch ab, zeigt aber auch Verständnis für die illegalen Feuerwerker. „Pyrotechnik im Stadion geht gar nicht. Aber manchmal sind verbotene Sachen schöner als die erlaubten. Wäre es kein Sprengstoff, es wäre sogar schön.“

Lächeln: Selfie von SC-Fans mit Christian Streich vor der Tonhalle in Villingen.
Lächeln: Selfie von SC-Fans mit Christian Streich vor der Tonhalle in Villingen.
Lächeln: Selfie von SC-Fans mit Christian Streich vor der Tonhalle in Villingen.
Lächeln: Selfie von SC-Fans mit Christian Streich vor der Tonhalle in Villingen.

Streich über unsere Gesellschaft

AfD, Trump, Flüchtlingskrise – zu vielen Themen hat sich der Freiburger Coach schon geäußert. Warum? „Weil ich gefragt werde und den Leuten eine Antwort gebe. Ich sage in der Öffentlichkeit das, was ich denke und auch im kleinen Kreis sagen würde.“ In Villingen lobt er die Demokratie als „großartige Errungenschaft“. Er doziert über Vorteile der sozialen Marktwirtschaft und über das Glück, dass er in 52 Lebensjahren keinen Krieg miterleben musste. Streichs Wort hat Gewicht, worüber er sich wundert. „Ich frage mich, wofür ich gelobt werde, nur weil ich etwas Selbstverständliches gesagt habe.“

Streich über Kollegen

Christian Streich diskutiert bisweilen nicht nur gestenreich mit seinen Kollegen, er bricht auch eine Lanze für sie. Als Martin Schmidt vergangene Saison in Mainz kurz vor der Entlassung stand, setzte er sich vehement für ihn ein. Auch Leverkusens Trainer Roger Schmidt sprang er zur Seite, als dieser nach einer Verbalattacke gegen Julian Nagelsmann („Halt doch mal die Schnauze“) am Pranger stand. Nur weil jemand so etwas sage, so Streich, dürfe er nicht wie eine Sau durchs Dorf getrieben werden. Er hat die Schuldigen längst ausgemacht: die Lauschangriffe am Spielfeldrand. Streich: „Überall sind Richtmikrofone um dich herum. Sie sind furchtbar. Wenn ich sie abschaffen könnte, wären sie längst weg.“

Streich und die Schiedsrichter

Die Bilder, auf denen er sich ständig mit den Unparteiischen anlegt, täuschen. Streich hält große Stücke auf die Referees. „Die Schiedsrichter sind hochprofessionell, schauen sich Videos an und versuchen, jeden Spieler zu kennen. Obwohl sie wahnsinnigen Druck haben, pfeifen sie gut.“ Nur einmal habe er mit einem Schiedsrichter ein ernsthaftes Problem gehabt. Streich: „Das war in Wolfsburg. Ich durfte mich in der Coaching-Zone nicht frei bewegen, weil sich ein junger Kollege profilieren wollte, da konnte ich keine Kommunikation mit den Spielern aufnehmen.“

Streich über Profis

Der Fußballer sei im Zeitalter der modernern Kommunikation ein gläsernes Wesen. Streich: „Den Jungs wird eine enorme Bedeutung beigemessen. Wir waren früher keinen Deut besser. Aber wenn wir in die Disco gingen, hat das keinen interessiert. Heute erscheint das gleich auf Facebook, wenn sich einer bis 4 Uhr morgens dort aufhält.“ Allerdings entwickle sich vieles in die falsche Richtung. Zwei Beispiele führt er an. „Es kann nicht sein, dass ein 14-Jähriger mehr verdient als der Vater“, sagt Streich. „Und es kann auch nicht sein, dass der sich über die Geschäftsstelle einen Friseurtermin geben lässt.“

Streich über den SC Freiburg

Der Sportclub bestimmt neben der Familie sein Leben. Er gibt ihm Kraft, zehrt aber auch sehr an seinen Reserven. Daraus macht Streich keinen Hehl. Da hat er wieder mal eine großartige Mannschaft aufgebaut und muss zusehen, wie mit Maximilian Philipp und Vincenzo Grifo erneut zwei Eckpfeiler wegbrechen. Eine sportliche Katastrophe, mit der er zu leben gelernt hat. „Bei uns geht es nicht anders. Wir müssen die Besten verkaufen, weil wir uns selbst refinanzieren.“ Was besonders an ihm nagt, ist das Geschäftsgebaren der Konkurrenz. „In Italien gibt es einen Club, der 140 Profis unter Vertrag hat und mit ihnen auch noch Geld verdient.“ Die Masche: Spieler ausleihen, von anderen Vereinen kostenlos ausbilden lassen und anschließend teuer verkaufen. Auch Philipp Lienhart, ein 20-jähriger Abwehrspieler aus Österreich, sei von Real Madrid nur auf Leihbasis zu haben gewesen. Andere Transfers seien geplatzt, weil die Spieler zwar nach Freiburg wechseln wollten, der abgebende Verein aber lieber die um ein Vielfaches höhere Ablösesumme von englischen Klubs eingestrichen hätte.

Streich: „Der Verein, der in England am wenigsten Geld besitzt, hat immer noch 240 Millionen Euro zur Verfügung.“ Im Würgegriff solcher Kräfte wirkt der SC Freiburg wie ein Auslaufmodell. Dennoch gibt der Sportclub-Trainer die Hoffnung nicht auf, bis zum Saisonstart den Kader aufzustocken. Streich: „Wir hoffen, dass wir noch zwei, drei Spieler dazubekommen.“ Auch weiß er: Die kommende Saison wird angesichts der (finanz-)starken Aufsteiger Stuttgart und Hannover schwer. Doch Christian Streich ist ein Kämpfer, einer, der nicht aufgibt, einer, der auch im Angesicht solcher Herausforderungen eines bleibt: authentisch. So, wie beim VS-Forum des SÜDKURIER in Villingen.

Christian Streich beim VS-Forum in voller Länge zum Nachsehen