Viele Flüchtlingsfamilien übernachten auf dem nackten Asphalt. Mit Kindern. Medikamente für Kranke sind Mangelware. Immer wieder kommt es zu Ausbrüchen von Gewalt. Radikale wollen verhindern, dass Geflüchtete das neu errichtete Lager aufsuchen.

Azim, 41, aus Afghanistan

Azim sagt, das Lager könne auch von Bewohnern angezündet worden sein.
Azim sagt, das Lager könne auch von Bewohnern angezündet worden sein. | Bild: Area Horst

„Ich weiß nicht, wer das Feuer gelegt hat“, sagt Azim. „Viele Flüchtlinge sagen, es waren die Faschisten. Aber es können auch verzweifelte Lagerbewohner gewesen sein. Vor allem bei den jungen Männern, die hier teilweise seit Jahren festhängen, liegen die Nerven aus Frust und Verzweiflung blank.

Immer wieder kommt es zu Streit und Messerstechereien. Es sind einfach zu viel Menschen auf zu engem Raum unter zu schlimmen Bedingungen. Hinzu kommt die Angst vor Corona. Als das Feuer ausbrach, schlug die Angst vor der Krankheit in Panik um.

Wir sind gerannt und wollten einfach nur so weit wie möglich weg, aber die Polizei hat uns mit Tränengas aufgehalten. Jetzt sitzen wir hier auf der Straße fest. Ich habe seit dem Feuer keine warme Mahlzeit bekommen.

Ich bin mit Freunden in das abgebrannte Lager zurückgekehrt. Wir haben zwischen den niedergebrannten Zelten nach Essen gesucht. Wir haben ein paar Fladenbrote, Feta-Käse und Wasser gefunden. Aber das haben wir längst aufgegessen. Wir haben mit den anderen Flüchtlingen geteilt. Niemand von uns weiß, wie es jetzt weitergehen soll. Wir Flüchtlinge müssen jetzt zusammenhalten. Moria darf nicht wiederaufgebaut werden. Denn das ist es nur eine Frage der Zeit, bis das nächste große Feuer ausbricht.“

Wafaa, 35, aus dem Libanon

Vom Brand im Zelt überrascht: Wafaa, Mutter mehrerer Kinder.
Vom Brand im Zelt überrascht: Wafaa, Mutter mehrerer Kinder. | Bild: Area Horst

„Als das Feuer ausbrach, schliefen wir in unserem Zelt“, erzählt Wafaa, Mutter mehrerer Kinder. „Mein Mann und ich haben uns unsere sechs Kinder geschnappt und sind mit ihnen gerannt.

Meine Kinder sind zwölf, elf, zehn, acht, sechs und vier Jahre alt. Sie haben geschrien und geweint. Sie haben seit dem Feuer kaum Schlaf bekommen und sind total verängstigt. Sie haben riesige Angst, dass böse Menschen wieder ein großes Feuer legen und dass wir verbrennen könnten.

Es bricht mir das Herz, dass ich ihnen diese Angst nicht nehmen kann. Außer den Kleidern, die wir am Leib tragen, ist fast alles verbrannt. Ich habe noch nicht mal mehr Essen und Trinken für meine Kinder.

Wir schlafen jetzt ohne Schutz auf der Straße. Es gibt kaum Ärzte die, die Kranken und Verletzten versorgen. Und viele Leute, die auf der Insel wohnen, wollen uns Flüchtlinge einfach nur noch loswerden.

Moria war schon vor dem Feuer kein guter Ort für Kinder. Jetzt ist es die Hölle. Hier sind so viele Menschen auf so engem Raum! Deshalb haben wir auch Angst vor Corona. Ich hoffe so sehr, dass Angela Merkel Mitleid hat und zumindest die Familien mit kleinen Kindern nach Deutschland kommen dürfen.“

Mahdie, 16, aus Afghanistan

Mahdie hat Angst vor einer Vergewaltigung.
Mahdie hat Angst vor einer Vergewaltigung. | Bild: Area Horst

„Ich habe mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder im Zelt geschlafen, als ich von Schreien geweckt wurde. Ich habe noch schnell unsere Pässe, unser Handy, das Ladegerät, Seife und Zahnpasta in eine Tasche gestopft.

Dann sind wir gerannt. Zunächst auf einen Hügel. Wir dachten, wir seien dort sicher, aber die Flammen kamen auch dahin. In der Panik wurden viele Familien getrennt. Ich habe einen Vater schreien hören: ‚Wo ist mein Sohn? Wo ist mein Sohn?‘

Wir wissen nicht, wer das Feuer gelegt hat. Aber viele Flüchtlinge sagen, es waren rechtsradikale Griechen, die alle Geflüchteten mit einem riesigen Feuer für immer von der Insel vertreiben wollten. Aber wir sind noch hier. Deshalb habe ich große Angst, dass sie nicht aufhören, bis wir wirklich weg sind und weitere Feuer legen.

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Aber wo sollen wir hin? Niemand will uns haben! Als wir weglaufen wollten, hat die Polizei uns gestoppt. Jetzt schlafen wir auf einem Lidl-Parkplatz. Wir können aber nicht reingehen und uns etwas zu essen kaufen. Wir haben kein Geld. Soldaten haben uns ein paar Bohnen zu essen gegeben. Aber es war viel zu wenig und wir wissen nicht, wann wir das nächste Mal etwas bekommen.

Die Polizei lässt die Menschen, die uns helfen und versorgen wollen, nicht zu uns durch. Ich habe seit einem Jahr in Moria gelebt. Ich habe von Leuten gehört, die es nicht mehr ausgehalten haben und sich umgebracht haben. Ich bin mit meiner kranken Mutter und meinem elfjährigen Bruder allein.

Ich habe Angst, vergewaltigt zu werden. Wir müssen hier weg. Ich hoffe auf ein Wunder. Ich hoffe, dass ein europäisches Land mich und meine Familie aufnimmt.“

Eirini Spirelli, 28, aus Lesbos

Die Helferin Eirini Spinelli kommt aus Lesbos und zieht sich Anfeindungen Einheimischer ausgesetzt.
Die Helferin Eirini Spinelli kommt aus Lesbos und zieht sich Anfeindungen Einheimischer ausgesetzt. | Bild: SOS Kinderdörfer

„Ich bin Koordinatorin von SOS-Kinderdörfer im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos“, sagt Eirini Spirelli. „Es liegt nur wenige Minuten von Moria entfernt. Alle Bewohner von Kara Tepe wurden vor dem Feuer aus Moria umgesiedelt. Sie haben dort noch Freunde und Verwandte.

Als das Feuer ausbrach, haben sich viele Menschen, die in den Flammen alles verloren haben, auf den Weg nach Kara Tepe gemacht. Aber die Polizei hat sie teilwiese mit Tränengas aufgehalten. Wir versorgen, die Menschen, die jetzt auf der Straße gestrandet sind, unter anderem mit Windeln für die Babys und Hygieneartikeln.

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In Kara Tepe unterstützt SOS Kinderdörfer Kinder und Jugendliche im Bildungsbereich und bietet Familien psychosoziale Unterstützung an. Fast alle Kinder in den Flüchtlingslagern sind durch das, was sie in ihren Heimatländern, auf der Flucht und in den Lagern erlebt haben, traumatisiert.

Durch das verheerende Feuer werden die Angstzustände noch verstärkt. Ich komme von Lesbos. Für mich und meine einheimischen Helfer wird die Arbeit immer schwieriger und gefährlicher. Nach anfänglicher Hilfsbereitschaft wollen viele Bewohner die Flüchtlinge nicht mehr auf ihrer Insel haben. Auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen werden deshalb angegriffen und beleidigt.

Wir setzen unsere Arbeit fort. Die Geflüchteten brauchen uns gerade jetzt besonders. Ich hoffe, dass das Feuer endlich zu einem Umdenken in der europäischen Asylpolitik führt.“

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