Es bleibt spannend bis zur letzten Minute. Am Freitag beginnt für die CDU eine neue Zeitrechnung, Angela Merkel gibt nach 18 Jahren den Parteivorsitz ab, der Kampf um ihre Nachfolge hält seit Wochen die Republik in Atem. Wer wird die Mehrheit der 1001 Parteitagsdelegierten in der Hamburger Messehalle hinter sich bringen? Alles deutet darauf hin, dass Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz das Rennen unter sich ausmachen – Gesundheitsminister Jens Spahn werden nur Außenseiter-Chancen eingeräumt. Allen Delegierten ist klar: Die Folgen dieser Wahl reichen weit über die Grenzen der Partei hinaus, denn der Sieger hat beste Chancen, der nächste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden.

Für die Kandidaten dieses Marathons geht es deshalb um viel, wenn die Delegierten am Freitag gegen 17 Uhr ihre Stimmzettel ausfüllen. Seit Wochen touren Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn durch die Republik, um sich der Parteibasis vorzustellen. Sie gastierten bei acht Regionalkonferenzen, gaben Interviews, saßen in Talkshows, sprachen mit Parteiflügeln, diskutierten mit der Jungen Union. Ein klares Ergebnis brachte die Ochsentour nicht. Auf einigen Regionalkonferenzen konnte Merz, am Beifall gemessen, punkten. Bei einigen Veranstaltungen lag aber auch die amtierende Generalsekretärin vorn. Selbst ein Achtungserfolg von Außenseiter-Kandidat Spahn scheint in Hamburg nicht ausgeschlossen.

Beim Blick auf letzte Meinungsumfragen wird das Bild nicht schärfer

Nach einer Erhebung des Instituts Forsa genießt Annegret Kramp-Karrenbauer unter den Bundesbürgern die größte Zustimmung: 41 Prozent der Befragten halten sie für sympathisch, während fast jeder Dritte (31 Prozent) Merz als unangenehm empfindet. Doch über den CDU-Vorsitz entscheiden nicht Straßenumfragen, sondern gut 1000 Parteimitglieder, die in den vergangenen Wochen von den Bezirks- und Kreisverbänden auserkoren wurden, als Delegierte nach Hamburg zu reisen. Viele von ihnen, so sagen Befragungen, haben ihre Entscheidung noch nicht getroffen. Das Bild bestätigt sich bei einer SÜDKURIER-Umfrage unter den Delegierten aus unserer Region. Einige wenige wie Landesgruppenchef Andreas Jung aus Konstanz (für Kramp-Karrenbauer) oder Justizminister Guido Wolf aus Tuttlingen (für Merz) haben sich schon festgelegt. Auffallend viele sagen jedoch: Wir entscheiden erst, wenn wir die Bewerbungsreden in Hamburg gehört haben.

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Deshalb verwundert es nicht, dass immer mehr prominente CDU-Politiker aus der Deckung kommen, um ihren Kandidaten durchzusetzen. Auch Wolfgang Schäuble, einer der einflussreichsten Männer in der Union und derzeit Bundestagspräsident, ließ die Katze aus dem Sack: Schäuble wird für Friedrich Merz stimmen. Der 76-Jährige, so heißt es in Kreisen der Union, habe das Comeback von Merkel-Kritiker Merz von langer Hand vorbereitet und an entscheidenden Stellen die Fäden gezogen. Schäuble selbst nennt politische Gründe für seine Entscheidung. „Das würde es erleichtern, wieder zu einer Integration der politischen Kräfte zur Mitte hin zu kommen und unser System zu stabilisieren. Die politischen Ränder würden wieder schwächer“, sagte er in einem Interview.

So oder so bleibt der Wechsel an der Spitze eine Richtungsentscheidung

Spielen auch persönliche Motive eine Rolle? Schäuble muss sich nachsagen lassen, er habe mit Merkel eine Rechnung offen, weil sie ihn 2004 als Bundespräsident verhindert habe. So mögen es auch andere Merz-Fans sehen, die sich unter Merkels Knute zu kurz gekommen fühlten. Für sie ist am Freitag Zahltag. Kramp-Karrenbauer gilt als Merkels Wunsch-Nachfolgerin, die CDU-Generalsekretärin steht für den Kurs, den die Kanzlerin eingeschlagen hat. Merz hingegen verkörpert einen Richtungswechsel: Er gilt als Merkels härtester Widersacher, versteht sich als Konservativer und verspricht einen Schwenk nach rechts, um verlorene Wähler zurückzugewinnen. Dieses Feld beackert auch Jens Spahn. Sollte er im ersten Wahlgang scheitern, könnten seine Anhänger zu Merz überlaufen.

Merkel selbst hält sich offiziell heraus. Dass sie ihre Vertraute Kramp-Karrenbauer favorisiert, ist kein Geheimnis: Die Noch-Vorsitzende will bis zum Ende ihrer Amtszeit 2021 Kanzlerin bleiben, mit der Saarländerin als Parteichefin wäre das zweifellos einfacher als mit Merz. Sollte der Mann aus dem Sauerland gewinnen, sind Merkels Tage auf der Regierungsbank hingegen gezählt.

Die Kandidierenden im Überblick