Das Telefon klingelt endlos, bis die Leitung plötzlich irgendwann besetzt ist. Die schriftliche Antwort aus Berlin fällt karg aus: „Frau Weidel war bei dem besagten Besuch nicht anwesend. Sie hatte keinerlei Kenntnis von Vorwürfen gegen Mitglieder der Besuchergruppe“, teilt AfD-Fraktionspressesprecher Christian Lüth auf Anfrage des SÜDKURIER mit.

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Auf die Frage, ob sich Weidel von dem Verhalten der Gruppe aus ihrem eigenen Wahlkreis Bodensee nicht distanzieren wolle, reagierte Lüth mit dem Bedauern, dass die Bundestagsabgeordnete Alice Weidel für Stellungnahmen „leider nicht zur Verfügung“ stehe. Die AfD-Fraktionschefin schottet sich ab.

Gruppe vom Bodensee soll Naziverbrechen verharmlost haben 

Grund für das ungewohnte Schweigen der rechten Partei: Am Donnerstag wurde durch einen Bericht des Berliner „Tagesspiegel“ bekannt, dass die Gruppe vom Bodensee bei ihrem Besuch der Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen in Oranienburg Verbrechen der Nazis verharmlost und zum Teil in Zweifel gezogen hätten. Weidel will darüber „weder von der Gedenkstätte noch vom Bundespresseamt, welches die Besuchergruppe begleitet hat“ entsprechend informiert worden sein.

Rückblende: Alice Weidel lädt am 10. Juli 17 Bürger aus dem Wahlkreis Bodensee nach Berlin ein – die Kosten trägt das Bundespresseamt. Jedem Bundestagsabgeordneten stehen solche Einladungen zu, bis zu drei Mal pro Jahr für maximal 50 Teilnehmer.

Teilnehmer stören Rundgang 

Die 17 besuchen nicht nur Weidel und lassen sich gemeinsam mit ihr vor dem Reichsttagsgebäude ablichten. Sie besichtigen in Begleitung von Vertretern des Bundespresseamts auch die Gedenkstätte in Oranienburg. Fünf oder sechs aus der Gruppe unterbrechen die Führung mehrfach.

Mehrere Teilnehmer der 17-köpfigen Gruppe seien durch „manifest rechte und geschichtsrevisionistische Einstellungen und Argumentationsstrategien“ aufgefallen, heißt es später seitens der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten. Es geht so weit, dass die Besucher die Existenz von Gaskammern in Frage stellen. Schließlich wird die Führung abgebrochen, die Gruppe des Geländes verwiesen. 

Keine Reaktion von Weidels Sprecher 

Weidels Sprecher Daniel Tapp gab vor wenigen Tagen jedenfalls an, von dem Vorfall „ziemlich überrascht“ gewesen zu sein. Das Bundespresseamt hätte das Büro der Abgeordneten informieren müssen, kritisierte er, ohne sich von dem Vorfall selbst zu distanzieren. Dem SÜDKURIER verspricht er nach telefonischer Anfrage, zu reagieren. Am Nachmittag war er allerdings nicht mehr zu erreichen, die versprochene Antwort blieb bis zum Redaktionsschluss aus.

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Alice Weidel | Bild: Bernd Von Jutrczenka

Während sich die AfD in Schweigen hüllt, fällt die Reaktion der Bundesregierung deutlicher aus. Diese „weist jede Relativierung und Verharmlosung der Verbrechen der Nationalsozialisten, des von Deutschland ausgegangenen Vernichtungskrieges und des Holocaust entschieden und unmissverständlich zurück“.

Bundespresseamt sieht sich nicht verantwortlich 

Die Aktivitäten der Besuchergruppen dienten demnach „der politischen Bildung“ und sollen unter anderem „Kenntnisse über jüngere und deutsche Zeitgeschichte“ vermitteln. Ein Besuch der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen seien von Weidel „explizit gewünscht“ worden.

Für das Verhalten der Besuchergruppe sieht sich das Bundespresseamt allerdings nicht verantwortlich. In der Regel würden die Gruppen durch einen Mitarbeiter der Abgeordneten begleitet.

Zur Anzeige gebracht wurde der Vorfall erst in dieser Woche: von Amts wegen von der Polizei, die ebenfalls erst durch den Bericht im „Tagesspiegel“ auf den Vorfall aufmerksam geworden war. Weder die Gedenkstätte noch das Bundespresseamt hatten die grenzwertigen Äußerungen gemeldet.

Auf die Frage des SÜDKURIER, warum die Behörde den Vorfall nicht gemeldet hatte, verwies das Bundespresseamt auf die Gedenkstätte. Das Amt selbst habe „vom angesprochenen Zwischenfall am 10. Juli in der Gedenkstätte Sachsenhausen erst Ende Juli erfahren“.

 

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels stand, Alice Weidel habe im Zusammenhang mit dem Besuch der Besuchergruppe in Sachsenhausen die Gruppe "am Abend noch zum Essen getroffen". Dieses gemeinsame Abendessen fand jedoch bereits am Vortag statt. Frau Weidel konnte somit zum Zeitpunkt dieses Abendessens keine Kenntnisse von den Vorwürfen gegen Mitglieder der Besuchergruppe haben.