Der Historiker Johannes Fried, aufgenommen am 10.10.2013 auf der 65. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). | Verwendung weltweit
Der Historiker Johannes Fried. | Bild: Uwe Zucchi

Herr Professor Fried, in Ihrem neuen Buch stellen Sie eine gewagte These auf: Jesus ist nicht am Kreuz gestorben, vielmehr hat er die Kreuzigung überlebt. Wie kommen Sie darauf?

Das ist einfach: Die vier Evangelien berichten übereinstimmend, dass der sogenannte Auferstandene nach der Kreuzigung gesehen wurde. Er aß mit den Jüngern, ging mit ihnen und ließ sich berühren. Das ist schlicht. Wie kann er überlebt haben? Dazu haben sich Mediziner geäußert, indem sie die Theorie von einem Pleuraerguss aufgestellt haben.

Ein Soldat hat die Seite von Jesus mit einer Lanze geöffnet. Dieser Schnitt habe ihm das Leben gerettet, sagt Johannes Fried.
Ein Soldat hat die Seite von Jesus mit einer Lanze geöffnet. Dieser Schnitt habe ihm das Leben gerettet, sagt Johannes Fried. | Bild: imago stock&people

Pleura-Erguss – was heißt das?

Bei diesem Erguss sammeln sich Blut und Wasser im Pleuraspalt. Dieser Spalt sitzt zwischen Rippenfell und Lungenfell, er steht unter Unterdruck. Beim Atmen dehnt sich die Lunge aus. Wenn Wundflüssigkeit in diesen Spalt gelangt, dann wird die Lunge so zusammengedrückt, dass ein Mensch in Ohnmacht fällt, später in eine tiefe Narkose. In letzter Konsequenz kann der Erguss zum Erstickungstod führen.

Aber nicht bei Jesus, sagen Sie. Was hat ihn gerettet?

Ein römischer Soldat stieß die Lanze in Jesu Seite. Das hat ihn gerettet. Diese Technik der Punktation wird bis heute angewandt, um eine Erstickung zu verhindern. Allerdings wird heute nicht mit einer Lanze hantiert, sondern eine Kanüle angelegt. Das kann Leben retten.

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Wie geht es weiter mit Jesus, der halbtot vom Kreuz abgenommen wird und überlebt? Wo geht er dann hin – nach Ägypten? Oder judäische Wüste?

Ich kann mich nicht festlegen, weil es keine sicheren Quellen gibt. Da kann auch ich nur Hypothesen aufstellen. Für Ägypten als Wohnort gibt es nur einen späten Beleg aus dem 6. Jahrhundert. In Ägpten lebte eine Gruppe von sehr frommen Juden, über die wir sehr gut Bescheid wissen; möglicherweise hat er sich ihnen angeschlossen.

Die Thesen Ihres Buches rütteln an den Grundlagen des christlichen Glaubens. Wurden Sie dafür angefeindet?

Ja, ich wurde hart kritisiert. Ein Theologe sagte über das Buch, ich hätte Unsinn produziert. Das kann ich nicht stehen lassen, weil ich mich an den Quellen orientiere. Ich sehe natürlich, dass ich seinen Glauben nicht teile.

Wie halten Sie es persönlich damit?

Ich stamme aus einem Pfarrhaus und bin mit dem christlichen Glauben aufgewachsen. Schon frühzeitig erkannte ich, dass man als Historiker dem Glauben abschwört weil man sieht, wie alle Religion zustande kommt.

Wie meinen Sie das?

Man sieht wie sie aus dem Nichts auftaucht. Als Historiker kann ich beobachten, wie eine neue Religion aus alten Religionen wächst, dort Elemente sammelt und für sich vereinnahmt. Das gerinnt zu Gottesbildern, wie man sich eine göttliche Gestalt nicht vorstellt. Denken Sie einmal an die Geschichte Marias, die sich in der Mariologie offenlegt. Da sehe ich Isis, Magna Mater, Venus-Kult, römische Stadtgottheiten.

Zurück zu Jesus. Sie sagen, er sei nicht von den Toten auferstanden. Das Wunder der Auferweckung hat nicht stattgefunden, sagen Sie. Damit entziehen Sie den Christen die wichtigsten Sätze ihres Credo.

Wenn es so ist, muss ich das ja schreiben. Ich bin Historiker, und als Historiker bin ich ohne Glauben.

Sie sagen auch: Die Auferstehung war „eine Inszenierung“.

Wenn Sie überlegen, auf wen die Botschaft zurückgeht, können das nur die Helfer sein, die Jesus vom Kreuz abgenommen haben. Die beiden Männer müssen gemerkt haben, dass der Mann noch lebt. Was taten sie dann? Sie erinnerten sich an eine alte jüdische Vorstellung, nach der sich die Toten am Ende der Tage von den Gräbern erheben. Das steht bei Jesaja, und sie übertrugen das auf Jesus, der sich erhebt.

Dass Jesus auf Golgatha nicht gestorben sei, ist ein alter Gedanke. Er zieht sich bis in einen Film wie „Die letzte Versuchung Christi“ durch die Geschichte des Glaubens. In diesem Film lebt Jesus mit Maria Magdalena zusammen, sie ziehen ihre Kinder groß.

Dafür finde ich keine Belege. Ich halte diese Version für eine abwegige Fantasie. Maria Magdalena ist eine Gestalt, die als Sünderin auftaucht, später als Anhängerin von Jesus. Ich sehe in Magdalena eine Schülerin von Jesus, mehr nicht. Bei seinen Anhängern galt er als Messias, der am Jüngsten Tag gegenwärtig ist, um Israel zu erhöhen. Selbst unter den Juden galt er als Häretiker.

Von Haus aus sind Sie Fachmann für das Mittelalter. Wie kommen Sie weit zurück in die Antike und damit Jesus?

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Die Antike ist nicht mein Fachgebiet. Doch habe ich mich wiederholt mit der Geschichte der Weltuntergänge beschäftigt; diese beginnen im 1. Jahrhundert. Denken Sie an Matthäus, Kapitel 24. In diesen Szenarien spielt die Naturwissenschaft hinein, die sphärische Trigonometrie und anderes.

Sie schreiben: „Die Suche nach der Wahrheit ist immer gefährlich.“

Das meine ich wörtlich. Wer nach der Wahrheit sucht, stößt womöglich auf Gegner, die eine solche Wahrheit nicht haben wollen. Weil sie diese Wahrheit nicht schätzen und die Wahrheit lieber mit dem Mantel des Schweigens verdecken. Oder mit Dogmen. Aus dem Mittelalter haben wir genug Hinweise, wie mit Häretikern umgegangen wurde. Dabei suchten auch diese Menschen die Wahrheit – aber eine, die sich von der offiziellen unterschied. Dafür wurden sie im Feuer verbrannt.

Wie werden Sie Ostern verbringen?

Bei mir zuhause. Wenn das Wetter schön ist, spaziere ich mit meiner Frau.

Fragen: Uli Fricker

Was wir wissen und was nicht

  • Jesus von Nazareth ist eine historische Gestalt. Zahlreiche Quellen außerhalb der Bibel bezeugen ihn und seine Taten. Die meisten Zeitzeugen aus dem 1. Jahrhundert nach Christus sehen ihn und seine Bewegung kritisch. Für die Juden war er ein Störenfried, für die Römer ein schwer berechenbarer Sektierer.
  • Ostern ist das zentrale Fest der Christen – nicht Weihnachten. An Ostern wird die Auferstehung Jesu von den Toten gefeiert – die gleichzeitig ein Versprechen ist: Jeder Mensch hat die Aussicht auf ewiges Leben.
  • Passah: Ostern hat einen Vorläufer im jüdischen Glauben – das Fest Passah, das den Sabbat einleitet. Um Passah zu feiern, zieht Jesus nach Jerusalem und wird nach dem feierlichen Essen gefangengenommen. Es folgen Kreuzigung und Grablegung – und das leere Grab, vor dem die Frauen am Ostermorgen stehen.
  • Ewiges Leben: Die meisten jüdischen Gelehrten zur Zeit Jesu waren davon überzeugt, dass es kein Weiterleben nach dem Tode gibt. Auch fromme Juden gingen davon aus, dass ihr Leben mit dem Tod endet. Jesus und seine Lehre von der unsterblichen Seele stieß den jüdischen Theologen deshalb sauer auf. Für sie war Jesu Lehre anmaßend.
  • Mensch und Götter: Auch in der griechischen Antike war ein Weiterleben fremd. Nur Götter genossen das Privileg des ewigen Lebens. Es war ihnen vorbehalten. Menschen dagegen waren sterblich; Orpheus versucht seine tote Frau aus dem Totenreich zurückzuholen und scheitert. mehr Glück hat Herkules, der sterbliche Held: Für seine Taten wird er in den Rang eines Halbgottes erhoben und ist damit unsterblich.
  • Andere Religionen: Ein Leben nach dem Tode kennen auch andere Religionen. Der Buddhismus geht von der Wiedergeburt des Menschen aus – freilich nicht als erlöstes Wesen, sondern in der Hülle eines anderen Lebewesens.
  • Der Maler: Die Bilder auf dieser Seite stammen vom italienischen Maler Fra Angelico (1400-1455). Einer seiner wichtigsten Auftraggeber war das Dominikanerkloster San Marco in Florenz, das die Talente von Angelico früh erkannte und würdigte. Er gilt bis heute als einer der wichtigsten Vertreter der Renaissance in seinem Land. (uli)