Die Sonne knallt auf die Haut. Dennoch ist es kühl. Denn die Ruinen des Forts von Tashkurgan liegen auf 3300 Meter Höhe. Gleich dahinter erhebt sich der Karakorum, ein Hochgebirge mit mehreren 8000ern. Die meisten sind mit Schnee bedeckt.

Das Fort diente fast allen chinesischen Dynastien als Posten, um die Handelsstraße zu überwachen, die ein paar Hundert Meter weiter entlangführt. Bei der Straße handelt es sich um einen Ausläufer der antiken Seidenstraße, die China schon vor 2000 Jahren mit dem Indischen Ozean verband. Heute verläuft ebenfalls in Sichtweite des Forts eine Nachfolge: eine moderne vierspurige Autobahn.

Auch in Afrika investieren die Chinesen reichlich: Die Maputo-Katembe-Brücke in Mosambik zählt zum Seeweg der neuen Seidenstraße.
Auch in Afrika investieren die Chinesen reichlich: Die Maputo-Katembe-Brücke in Mosambik zählt zum Seeweg der neuen Seidenstraße. | Bild: XinHua (dpa)

Wo früher die Waren auf Kamelrücken schaukelten, fahren momentan noch wenige Lastkraftwagen. Das soll sich rasch ändern. Wie einst in der Antike und dann zwischendurch auch noch mal im späten Mittelalter verbindet diese Route die Zentralmacht China mit Pakistan und Indien und von dort aus die Meere bis nach Arabien und Afrika. Und auch das ist nur ein kleiner Teil des Netzes von Handelswegen, die China unter dem Markenzeichen der „Neuen Seidenstraße“ wiederbelebt.

Wie die Seidenstraße aussehen soll

Die neue Seidenstraße – sie wiederum ist Teil der riesigen Anstrengungen, mit denen China die Rückkehr zu seiner alten Bedeutung heraufbeschwört. Hinter dem altertümlich-romantischen Namen verbirgt sich eine außenpolitische und wirtschaftliche Großoffensive. In Anlehnung an die historischen Routen zwischen dem Mittelmeerraum und Ostasien will China mit Milliarden-investitionen neue Handels- und Verkehrsrouten zwischen den Kontinenten aufbauen.

Ein gigantisches Unterfangen, das den Ausbau von Straßen, Schienen- und Wasserwegen umfasst, die Errichtung von Flughäfen, Häfen und Staudämmen, Kraftwerken und Pipelines, neuen Wirtschaftszonen, Glasfasernetzen und Industrieparks. Mehr als 60 Länder sollen an die neue Seidenstraße angeschlossen werden, neben Asien auch Staaten in Europa, insbesondere Osteuropas. Bis nach Afrika soll die Handelsroute reichen, ja sogar in die Antarktis. 900 Milliarden Euro, so viel will Peking sich die neue Seidenstraße kosten lassen.

China gibt sich bescheidener

Diese Aufholjagd hat die kommunistische Führung in den letzten vier Jahren mit einem Selbstbewusstsein betrieben, die einigen Staaten Angst einjagt. Beim zweiten großen Seidenstraßen-Gipfel vergangene Woche in Peking fiel denn auch auf: Obwohl im Vergleich zum ersten Gipfel vor zwei Jahren dieses Mal fast 40 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt in Peking waren, um über die nächste Phase der neuen Seidenstraße zu sprechen, fiel alles sehr viel bescheidener aus.

Die Prachtalleen der chinesischen Hauptstadt waren nicht mehr ganz so üppig mit frischen Blumen bepflanzt. In den Staatsmedien erschienen im Vorfeld sehr viel weniger Propaganda-Texte über das Mega-Infrastrukturprojekt. Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping wirkte geradezu reumütig. Er versprach die Einhaltung „höchster Standards und international üblicher Regeln“ bei Chinas Auslandsengagement und verpflichtete sich zur Unterstützung einer „offenen, sauberen und grünen Entwicklung“. Auch Großkredite dürfen sich nur im Rahmen der Finanzkraft der Empfängerländer bewegen, versicherte er. Alle sollen profitieren, versicherte Xi.

Kritik gegen die Bereitschaft gegenüber China

125 Länder konnte die chinesische Führung bereits als Partner gewinnen. Für viele Länder ist die Teilnahme deshalb attraktiv, weil Peking sie mit zinsgünstigen Krediten versüßt und dem Bau von neuen Autobahnen. Auf dem Gipfel hat China weitere Verträge mit einem Gesamtvolumen von 64 Milliarden Dollar (57 Milliarden Euro) abschließen können. Unter den Teilnehmern des Treffens waren unter anderem Russlands Präsident Wladimir Putin, Pakistans Premierminister Imran Khan sowie der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte. Die italienische Regierung war der Seidenstraßeninitiative als erster G-7-Staat im März formal beigetreten und hatte damit einige ihrer europäischen Partner vor den Kopf gestoßen.

Aus Deutschland war Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angereist. Er kritisierte die Bereitschaft einiger EU-Länder, sich auf die Seite Chinas ziehen zu lassen. Altmaier war auf der Veranstaltung mit seiner skeptischen Haltung nicht allein.

Wachsende Abhängigkeit

China wolle mit dem Projekt seinen Einfluss in der Welt stärken, lautet die Kritik. Finanziell verwundbare Länder könnten in eine Schuldenfalle und in chinesische Abhängigkeit geraten. Sri Lanka etwa kann seine Schulden an Peking schon jetzt nicht mehr zurückzahlen und hat dafür den Chinesen bereits die Kontrolle über einen Tiefwasserhafen für 99 Jahre übertragen.

In mindestens sieben Ländern ist anfängliche Begeisterung in offene Ablehnung umgeschlagen. Malaysia ist kurzerhand aus dem gemeinsamen Bau einer Eisenbahnlinie an der Ostküste wieder ausgestiegen. Die neue Regierung kritisierte die enormen Kredite, die es dabei auf sich nehmen musste. Zudem störte sie sich an der grassierenden Korruption im Umfeld der Bauvorhaben. Auch Indien und die USA äußern ihre Bedenken.

„Die Belt-and-Road-Initiative geht in eine neue Phase, in der sie offener und transparenter wird“

Doch China gibt sich flexibel und kompromissbereit. Die Bedingungen des Projekts in Malaysia hat Peking inzwischen stark nachgebessert und es nebenbei noch ein Drittel billiger gemacht. Die Regierung dort ist zwar immer noch skeptisch, nimmt die Zusammenarbeit aber nun wieder auf. Generell sei die Ankündigung von Verbesserungen durchaus ernst zu nehmen, sagen Experten. „Die Belt-and-Road-Initiative geht in eine neue Phase, in der sie offener und transparenter wird“, glaubt Jinny Yan, Chefökonomin bei der ICBC Standard Bank in London. Und auch für Sri Lanka versprach Chinas Staatspräsident Xi mit neuen Darlehen nachzulegen und legte zudem eine knappe Milliarde Euro für eine neue Autobahn obendrauf.

Ob das Chinas Engagement glaubwürdiger macht? Kritiker bezweifeln das, geben zugleich aber zu, dass China die globale Entwicklungspolitik mit seiner Initiative aufgemischt hat. Die EU hat als Reaktion darauf eine eigene Strategie der Anbindung Asiens durch einen Wirtschaftskorridor entwickelt. Japan und die USA investieren plötzlich wieder mehr in Afrika. Selbst Chinas Rivale im Süden, Indien, will sich trotz eigener Probleme international mehr engagieren.

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Alte und neue Handelswege

Schon in der Antike und im Mittelalter haben China und Europa miteinander Handel getrieben. Die wichtigste Handelsverbindung war die Seidenstraße – ein Netz von Karawanenstraßen, dessen Hauptroute den Mittelmeerraum auf dem Landweg über Zentralasien mit Ostasien verband.

  • Handelsgüter: Gehandelt wurde damals mit Seide, aber auch mit Gewürzen, Pelzen, Holzarbeiten, Porzellan, Edelsteinen, Jade oder Tee. Getauscht wurde auch Gedankengut. So verbreiteten sich Religionen wie Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus oder Hinduismus über die Handelswege.
  • Die alten Routen: Die weite und gefährliche Karawanenreise über Zentralasien dauerte einst mehrere Jahre, auch der Seeweg wurde immer wichtiger für das antike Handelsnetz. Handelsschiffe knüpften im achten Jahrhundert erste Verbindungen zwischen China und der arabischen Region. Mit der zunehmenden Seefahrt verlor der Landweg langsam an Bedeutung.
  • Die neue Route: Die neue Seidenstraße, 2013 erstmals angekündigt, folgt ebenfalls See- und Landweg, geht aber weit darüber hinaus: Sie umfasst den Bau von modernen Eisenbahnlinien, Straßen und Seeverbindungen von China nach Europa und Afrika. Für Staats- und Parteichef Xi Jinping ist sie ein zentrales Projekt, um Absatzmärkte enger an China zu binden. (fl/sk)