Herr Reinhardt, auf eine geplante Reise freut man sich lange vorher – doch seit der Corona-Krise kommt die Angst vor der Ansteckung hinzu. Das ist ein Gefühl, das wir so bisher gar nicht kennen. Was macht das mit uns?

Sie haben völlig recht, Vorfreude ist die schönste Freude auf diese magischen zwei Wochen, die wir unterwegs sind. Wir sparen 50 Wochen, wir planen zig Wochen, um dann loszufahren. Das fällt jetzt fast gänzlich weg. Wer noch verreist, der tut es mit diesem Unsicherheitsgefühl, denkt viel darüber nach, was er erleben wird und wie der Urlaub verlaufen wird. Das ist natürlich eine völlig andere Qualität des Reisens.

Ulrich Reinhardt, 49, ist Wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen – eine Initiative von British American Tobacco“. Er hält eine Professur für Empirische Zukunftsforschung an der FH Westküste in Heide. Der studierte Erziehungswissenschaftler und Psychologe übernahm 2011 die Nachfolge von Horst W. Opaschowski als Wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. (ink)
Ulrich Reinhardt, 49, ist Wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen – eine Initiative von British American Tobacco“. Er hält eine Professur für Empirische Zukunftsforschung an der FH Westküste in Heide. Der studierte Erziehungswissenschaftler und Psychologe übernahm 2011 die Nachfolge von Horst W. Opaschowski als Wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. (ink) | Bild: M.Kuhn

Sie haben Anfang des Jahres eine Tourismus-Studie veröffentlicht, die ein bisschen für die Tonne war, weil die Corona-Krise kam: Darin stand, dass zwei Drittel der Deutschen auf gepackten Koffern sitzen. Wie ist das im Moment?

Ja, die Studie lief vor Corona. Da war das Reisen der Deutschen liebstes Kind. Das ist jetzt sicher anders. Doch die Betten an Nord- und Ostsee, im Schwarzwald und in Bayern sind gut gefüllt. Vielleicht wird jetzt noch jeder Zweite verreisen. Es kann auch sein, dass die Mehrheit der Bundesbürger nicht verreist wegen dieser Unsicherheit und der Angst vor dem Jobverlust.

Die Reise ins Ausland ist storniert, wie kann man sich trotzdem einen schönen Urlaub machen?

Urlaub auf Balkonien ist durchaus eine Alternative. Schon früher war es so, dass zwischen einem Drittel und 50 Prozent der Bürger nicht in den Urlaub fahren konnten oder wollten. Wichtig ist, dass man die Alltagsroutine durchbricht. Man sollte sich an den kleinen Dingen freuen. Ob man in den Wald geht, etwas zusammen spielt oder unternimmt.

Gut ist es auch, die Uhr abzulegen, um nicht nach bestimmten Zeitrhythmen zu leben, sondern sich mehr treiben lassen. Man frühstückt später, bleibt abends länger auf, hält vielleicht mal ein Mittagsschläfchen. Die Erholung, die man auf Reisen erlebt, wo man neue Leute kennen lernt und neue Impulse bekommt, kann man auch zu Hause erleben. Wichtig ist, dass man sich nicht irgendwelche Tätigkeiten sucht, wie das Wohnzimmer zu streichen oder den Keller aufzuräumen, sondern Dinge, die einen in diesen Urlaubs- und Erholungsmodus bringen.

Drei Wochen am Stück, oder hier und da mal eine Woche – was ist für die Erholung besser?

In jedem Fall ein längerer Urlaub. Mediziner sagen, dass die körperliche und geistige Erholung nach frühestens zwei Wochen einsetzt. Dann kann man auf andere Gedanken kommen und auch mal Fünfe gerade sein lassen. Vorher ist es eher ein Aufholen, indem man länger ausschläft, dient aber nicht der wirklichen Erholung.

Familienausflug mit dem Kanu im Spreewald.
Familienausflug mit dem Kanu im Spreewald. | Bild: Patrick Pleul/dpa

Viele kommen aus dem Arbeitsstress, ihr Alltag ist eng getaktet. Wie schaffen sie es, nicht in Freizeitstress zu geraten?

Es ist ratsam, mindestens zwei Tage vor der Abreise frei zu haben, um sich auf den Urlaub einlassen zu können und in Ruhe zu packen. Und eben nicht, wie es fast jeder Deutsche macht, freitag abends heimzukommen, Koffer zu packen, die Wohnung auf klar Schiff zu bringen, um dann Samstag morgens früh in den Urlaub zu fahren. Da reist man schon gestresst in die freie Zeit. Genauso sollte man langsam aussteigen, und eben nicht erst Sonntagabend nach Hause kommen, um montags wieder im Büro zu sein.

Wichtig ist auch, dass der Urlaub für alle da ist. Manche konzentrieren sich nur auf die Kinder oder auf denjenigen, der arbeitet. Wir machen es als Familie immer so, dass jeder einen Tag bestimmen darf. So müssen die Kinder auch mal mit ins langweilige Museum, dafür gehen meine Frau und ich auch mal mit ihnen drei Stunden auf den Spielplatz.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Top 3 der Freizeitbeschäftigungen der Deutschen sind Fernsehen, Radiohören, Telefonieren von zu Hause – das kam den Leuten während des Lockdowns entgegen. Rechnen Sie damit, dass die Sehnsucht kommt, sich mit anderen Dingen in der Freizeit zu beschäftigen, wenn es möglicherweise eine zweite Welle gibt und wir wieder mehr drinnen sein müssen?

In jedem Fall. Die Freizeitbeschäftigungen sind sehr stark medial geprägt. Doch wenn wir die Menschen nach ihren Freizeitwünschen fragen, dann äußern sie den Wunsch nach mehr sozialen und regenerativen Aktivitäten. Selbst in der Freizeit schaffen wir Deutschen es also nicht, das zu tun, was wir tun wollen. Das ist besorgniserregend. Es liegt an jedem selbst, ob er es schafft, sich aufzuraffen. In Corona-Zeiten ist das natürlich doppelt schwer.

Schaffen es die Leute denn im Urlaub eher, diese Wünsche zu verwirklichen?

Etwas besser. Allerdings ist der Urlaub eine fortgesetzte Freizeitorgie. Wir schauen zwar weniger fern, aber die Internetnutzung ist sogar etwas höher als sonst. Der Urlaub ist heute deutlich voller gepackt, denn es besteht auch das Bedürfnis, Aktiviäten zu posten.

Sie verbringen gerade ein Forschungssemester in den USA, in North Carolina. Inwiefern unterscheidet sich die Reisefreudigkeit der Amerikaner von der der Deutschen?

Die Amerikaner verreisen eher im eigenen Staat. Fast 50 Prozent haben ihn noch nicht für einen Urlaub verlassen. Wenn sie weiter weg fahren, verreisen sie innerhalb des Landes. Auslandsreisen, so wie wir Deutschen es lieben, sind eher die Ausnahme.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Deutschen machen viel mehr Fernreisen als noch vor zehn Jahren. Wird das so weitergehen?

Der Trend zu Fernreisen ist zur Zeit gebrochen. Dass zuvor so viele in die Ferne reisten, hatte auch mit den Preisen zu tun: Es war erschwinglich geworden, in die Karibik, nach Nordamerika oder Asien zu reisen. Das war vor zehn bis 20 Jahren deutlich kostspieliger. Ich glaube, dass es einige Jahre dauern wird, bis sich das wieder einpendelt.

Vielleicht leben wir ja auch in fortgesetzten Krisenzeiten: Dass das die letzte Pandemie sein wird, ist eher unwahrscheinlich. Es kann aber auch sein, dass Reisen wieder sicherer wird, wenn ein Impfstoff gefunden wird. Das seriös einzuschätzen, fällt mir schwer. Im Moment ist die Lage zu undurchsichtig.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie ist es mit Kreuzfahrten und dem Ballermann-Tourismus auf Mallorca?

Kreuzfahrten werden sehr schnell wieder eine Renaissance erleben. Wenn die Anbieter es schaffen, ein Screening aufzubauen, um die Urlauber nach jedem Landgang zu testen und notfalls in Quarantäne zu schicken. Kreuzfahrten sind wie schwimmende Urlaubsinseln, wo jeden Tag vor dem Fenster wieder ein neuer Hafen auftaucht, dort erleben die Menschen Gemeinschaft, Aktivitäten, aber auch Erholung am Pool.

Beim Ballermann wäre ich vorsichtiger. Wahrscheinlich werden wir noch länger mit diesem Gefühl der Unsicherheit leben und nicht schon morgen wieder zum Sangria-Eimer greifen und den Strohhalm einfach weitergeben.

Ja, mal sehen. Einige haben es ja leider schon wieder ausprobiert. Ganz praktische Frage: Wie schafft man es, nach dem Urlaub die Erholung in den Alltag mitzunehmen?

Indem man sanft wieder einsteigt und die erste Maschine mit Wäsche schon gewaschen hat, ehe es wieder losgeht. Man sollte sich auch die Zeit nehmen, sich zu erinnern, die Bilder anzuschauen und überlegen, was besonders schön war. Aber auch, was man vielleicht beim nächsten Mal anders machen möchte. Und die nächste Urlaubsplanung hilft , den Alltag ein Stück weit zu vergessen.

Das könnte Sie auch interessieren

Bei der coronabedingten Kurzarbeit hatten Arbeitnehmer oft auch eine Vier- statt eine Fünftagewoche. Ist das ein Modell für die Zukunft?

Ja, durchaus. Ich denke, die Wirtschaft muss immer den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Wenn man sich überlegt, dass die letzte Arbeitszeitverkürzung ein halbes Jahrhundert her ist, und wir im Schnitt 40 Stunden pro Woche arbeiten, dann müssten wir uns hier sicher weiterentwickeln: Was bringt uns der technische Fortschritt, wenn wir nicht mehr Freizeit haben? Wo bleiben die Menschen?

Homeoffice und Vier-Tage-Woche sind hier durchaus Ansätze. Vielleicht reicht es uns auch, etwas weniger Einkommen zu haben und die Zeit wieder mehr mit den Dingen zu verbringen, mit der wir sie verbringen wollen. Die Corona-Krise bietet die Chance zu überlegen, wie wir in Zukunft arbeiten wollen.

Bruno Mars besingt in seinem „Lazy-Song“ einen Tag, an dem er nichts tut: Er bleibt im Bett, geht an kein Telefon, bittet, eine Nachricht zu hinterlassen. Eine gute Idee für den fünften, freien Tag?

Das kann man so pauschal nicht sagen, obwohl das Bedürfnis nach Erholung schon da ist. Wir haben ja diesen Trend in der Freizeit und auf Reisen, alles zu optimieren. Ein solcher Tag bietet die Chance, das Handy mal aus der Hand zu legen und zu überlegen, was mir Freude macht, was Sinn macht in meinem Leben und auch mal Langeweile aufkommen zu lassen. Das ist der Quell für Kreativität, die uns oftmals heutzutage fehlt.