Herr Albert, warum haben Sie angefangen, sich mit dem Thema Perfektionismus zu beschäftigen? Gab es da so eine Art persönliches Erweckungserlebnis?

In jungen Jahren hatte ich ein Studium nach vier von sechs Semestern abgebrochen, weil ich mit meinen Noten nicht zufrieden war. Ich war beruflich sehr eingespannt und dachte, dann lass ich es lieber ganz. Die zweite Anekdote: Ich wollte mal abnehmen und habe dafür mit Laufen begonnen. Innerhalb von sechs Monaten habe ich mir gleich einen Marathon vorgenommen, weil ich dachte, alles darunter ist mittelmäßig. Ich hab es auch geschafft, die Strecke zu laufen, habe auch 5 Kilo abgenommen, mir aber eine langwierige Fußverletzung zugezogen.

Da wäre es klüger gewesen, sich erst mal ranzutasten.
Ich sehe das als Coach auch bei vielen Klienten, die sich immer zu viel vornehmen, ewig im Büro sitzen, die volle Kalender haben und nicht loslassen können. Immer noch mal und noch mal ran, davon wird nichts besser. Ich habe das Buch geschrieben, weil ich gesehen habe, dass sich viele Menschen überoptimieren.

War das in früheren Zeiten noch besser?

Aus meiner Wahrnehmung ja. Wir hatten in den 90er-Jahren mal einen Boom von Dingen wie Simplify your life oder dem Tracking aller eigenen Aktivitäten. Das hat nicht zur Vereinfachung geführt, sondern zu vollgestopften Kalendern, um auch wirklich die letzte Viertelstunde rauszuquetschen. Deshalb sind die meisten Menschen heute ohne Reserven. Durch Corona hat man gesehen, dass viele Organisationen und Menschen seit Jahren zeitlich, finanziell und kräftemäßig in einem Notbetrieb arbeiten. Das geht gut, solange sonst nichts passiert, aber bei einer Störung brechen die Dinge zusammen. Das ist ein Massenphänomen unserer Zeit.

Woher kommt dieser Perfektionismus, der uns alle plagt?

Er tritt auf in Gesellschaften, in denen alles gut funktioniert. Deutschland spielt in einer sehr hohen Liga mit, was Wirtschaftskraft und Lebensqualität anbetrifft. Da gibt es nicht viele Länder, die da mithalten können. Man hat also keine existenziellen Probleme zu lösen. Wie viele Gedanken sich heute die Menschen über eine Ausbildung machen! Unsere Eltern und Großeltern haben das gelernt, was halt gerade ging und frei war, sie gingen pragmatisch ran, bildeten sich weiter. Heute überlegen manche noch mit Mitte 30, was sie machen sollen. Bei Beziehungen ist es ähnlich. Früher hat man sich entschieden und geschaut, wie man das als Paar zusammen hinkriegt. Heute wird sehr lange vorgewählt und überlegt. Manche haben mit 40 noch keine Beziehung gehabt. Es gibt halt keine Perfektion im realen Leben, sondern man muss sich arrangieren und Prioritäten setzen.

Perfektionismus hatte in Deutschland ja lange Zeit einen sehr guten Ruf. Sie sehen ihn ja sehr kritisch, bezeichnen ihn gar als „Arschloch“. Das ist kernig...

Kulturell tendieren wir zum Perfektionismus, vergleichbar mit Japan oder der Schweiz. Das hat uns – und diesen Ländern – ein hohes Niveau an Produkten und Dienstleistungen beschert, damit auch großen gesellschaftlichen und materiellen Erfolg. Gleichzeitig wird das Leben dadurch sehr komplex und reglementiert, manchmal auch etwas angespannt und freudlos. Ein bisschen ist Perfektionismus wie ein falscher Freund, der einem selbst beim größten Erfolg ständig einflüstert: „Das hättest du sicher noch besser hingekriegt, streng dich doch noch mehr an!“ So etwas macht ständig unzufrieden, weil Perfektion unerreichbar ist.

Gibt es Länder, die das „richtige Maß“ an Perfektion haben?

Gesellschaften sind immer in ihrer Identität zu Hause, sie können nicht einzelne Aspekte einer fremden Kultur übernehmen. Warum fahren wir Deutschen so gern nach Italien und Spanien? Eben, weil das Leben dort mit etwas mehr Leichtigkeit gelebt wird. Es gibt Gesellschaften, die auf Perfektion großen Wert legen, und Länder, die mehr auf Improvisieren angelegt sind und auf zwischenmenschliche Hilfe anstatt großer Strukturlösungen.

Das Buch: Attila Albert: Perfektionismus ist ein Arschloch. Gut genug ist meist am besten. Gräfe und Unzer, 16,99 Euro, neu erschienen.
Das Buch: Attila Albert: Perfektionismus ist ein Arschloch. Gut genug ist meist am besten. Gräfe und Unzer, 16,99 Euro, neu erschienen. | Bild: Verlag

Sie sagen ja, die Schweizer und die Deutschen sind sich recht ähnlich. Gibt es auch Bereiche, wo sie sich unterscheiden?

In Deutschland gibt es immer einen, der die Situation schlecht findet. Man kann es nie allen recht machen. Das politische System der Schweiz ist ganz anders, es gibt keine echte Opposition, sondern die Regierung wird aus den vier stärksten Parteien gemeinsam gebildet. Das Parlament ist kein Berufsparlament, sondern die Abgeordneten haben alle einen Beruf. Die bekommen das ganze Jahr die Folgen ihrer Entscheidungen mit. Und die Kantone entscheiden sehr viel selbst. In der Schweiz wird auch geklagt, aber Frustrationen gehen schneller nach oben, weil die Strukturen kleiner und regionaler sind. Die Schweiz hat eine ganz andere politische und kulturelle Tradition. Den Anspruch an Perfektion gibt es auch. Den Schweizern geht es aber weniger um das Prinzip, mehr um die Lösung. Sie sind bereit, pragmatisch ranzugehen, und sie schätzen den Kompromiss. Sie sehen einen Wert darin, dass man sich einigt. Die Deutschen befinden sich eher im Sog der Amerikaner. Da will man recht haben und den anderen dominieren. Es bringt nur nichts, wenn man recht hat, aber nichts gelöst wird.

Viele haben ja von ihren Eltern schon mitbekommen, dass alles möglichst perfekt gemacht werden muss – Stichwort: Leistung. Wie kommen wir da je wieder heraus?

Indem man stärker unterscheidet, bei welchen beruflichen und persönlichen Aufgaben das bestmögliche Ergebnis überhaupt anstrebenswert ist. Wo sich also die Anstrengung lohnt, so gut wie möglich zu sein. Im Alltag reicht meist solider Durchschnitt. Wenn möglich, sollten Sie für jede Aufgabe konkrete Kriterien festlegen, wie Sie 80 % erfüllt hätten – das ist oft schon genug. Wer immer 150 % schaffen will, scheitert. Zum anderen hilft es, seine Angst vor Kritik abzubauen, denn sie ist der wichtigste Grund für Perfektionismus. Fehler gehören dazu, nur aus ihnen lernt man und wird besser. Verschwenden Sie also nicht unendlich viel Energie darauf, möglichst immer perfekt zu wirken – das ist unnötig und unmöglich!

Deutschland hat in der Corona-Pandemie ja kein gutes Bild abgegeben. Die Politik wirkt überfordert, die Behörden agieren zu langsam. Muss die Bevölkerung lernen, Fehler und Scheitern in dieser Pandemie zu akzeptieren?

Die aktuelle Impfschwäche ist für mich ein gutes Beispiel für Perfektionismus, der sich praktisch rächt: Mit der gut gemeinten Absicht, so gerecht wie möglich zu sein (Regionen-, Alters- und Risikoschlüsseln) und jedes Risiko auszuschließen, hat man sich derart in einer umständlichen Bürokratie verheddert, dass ein pragmatischer Ansatz schlussendlich wohl effektiver gewesen wäre. Mir scheinen die allgemeinen Erwartungen an den Staat, also an Politiker und Behörden, in Deutschland ungerechtfertigt hoch. Was er alles leisten, regeln und lösen soll! Da würde ich für mehr Vertrauen in die eigene Kraft des Bürgers und in die lokalen und regionalen Institutionen plädieren, nicht für zentralisierte Mega-Bürokratien.

Als Gegenbeispiel zur deutschen Fehlerkultur werden ja immer die Amerikaner genannt. Andererseits sollte man ja auch nicht jedes versemmelte Projekt unter „Schöner Scheitern“ verbuchen...

Das amerikanische Modell würde für uns nicht passen, denn das Scheitern hat dort ja oft wirklich harte existenzielle Konsequenzen. Die Form der Armut und sozialen Unsicherheit, die dort große Teile der Bevölkerung betrifft, entspräche sicher nicht unseren Vorstellungen von einer gelungenen Gesellschaft. In Deutschland scheint mir weniger die Fehlerkultur ein Problem zu sein als der Anspruch, alles immer gleich grundsätzlich und prinzipiell lösen zu wollen. Ein bisschen mehr leichtgängiger Pragmatismus – Ausprobieren, Anpassen – würde helfen. So sollte man in der Digitalfrage nicht gleich noch eine Behörde, ein angebliches Digitalministerium, fordern, sondern lieber die Regulierungen und Steuern für Gründer und Kleinunternehmer senken und diese dann auch einfach einmal machen lassen.

Sie sagen, es gibt einen guten Perfektionismus und einen schlechten. Die Kunst ist dann also, zu wählen, wann es sinnvoll ist, sich richtig viel Mühe zu geben, und wann eine ordentliche Arbeit ausreicht...

Auf jeden Fall! Negativer Perfektionismus ist getrieben von Angst – vor dem Scheitern, vor Kritik und Blamage. Er ist damit zwanghaft und laugt aus. Fast immer arbeitet man sich dabei an Dingen ab, die langfristig gar keine Rolle spielen, etwa einer Präsentation, die schon bald wieder vergessen ist. Positiver Perfektionismus ist getrieben von Leidenschaft und Begeisterung – fur andere Menschen, fur kreative und geistige Leistungen. Oder wenn wirklich hohe Sicherheitsrisiken abgefangen werden müssen. In diesen Fällen geht es um etwas, das langfristig bedeutsam ist, nicht um unbedeutsamen Kleinkram.

Auf Ihrem Buchtitel zeigen Sie ein Bild des Schiefen Turms von Pisa. Hätte der Turm am Ende gerade gestanden, wäre er aber niemals so bekannt geworden...

Das stimmt! Aber wenn Sie derjenige sind, der wegen Planungsfehlern langsam untergeht, freuen Sie sich wahrscheinlich weniger an diesem zweifelhaften Ruhm als die Zuschauer. Katastrophen in Zeitlupe schaut man sich besser nur an, als dass man sie selbst erlebt. Der Turm muss ja regelmäßig gesperrt und teuer stabilisiert werden, erfüllte seine eigentliche Hauptaufgabe also kaum. Aber die Abbildung soll natürlich auch ein wenig Augenzwinkern vermitteln: Ein kleiner Perspektivwechsel rückt vieles schon wieder zurecht.

Neun Denkanstöße aus dem Buch

  • Perfektion ist meist völlig unnötig
  • Gut genug ist meist am besten
  • Fehler sind absolut normal
  • Ich lerne nur durch Irrtümer
  • Pragmatisch heißt nicht schlampig
  • Mein Wert hängt nicht von meiner Leistung ab
  • Nicht perfekt sein macht erst interessant
  • Ich trage nicht für alles die Verantwortung
  • Nach jedem Scheitern kommt ein Neuanfang

    Das Buch: Attila Albert:
    Perfektionismus ist ein Arschloch. Gut genug ist meist am besten. Gräfe und Unzer, 192 Seiten, 16,99 Euro.