Corona macht Angst vor Nähe. Umarmen, küssen – alles tabu. In Zeiten von Abstand und Schutzmasken ist daran nicht zu denken – zumindest unter denen, die nicht zusammen leben. Dabei bemerken viele vielleicht erst jetzt, wie sehr ihnen diese Form der Nähe fehlt.

Andere können gut und gern auf die Schmatzer verzichten. Auch in der europäischen Politik wurde in den letzten Jahren häufig geküsst. Und so manchem wird jetzt erst klar: So richtig hygienisch ist der Kuss an sich nicht. Wird man jemals wieder unbeschwert jemanden küssen, den man noch nicht allzu gut kennt? Und werden sich die Menschen überhaupt wieder mit Küsschen auf die Wange begrüßen? Kurzum: Hat der Kuss ein Image-Problem?

Für Italien war es hart

In Italien – dem Land der „Baci“ – riet schon Anfang März der wissenschaftliche Beraterstab der Regierung den Bürgern, wegen Corona auf die traditionellen Begrüßungsküsschen zu verzichten. Nachdem die Maßnahmen wieder ein wenig gelockert wurden und die Menschen mittlerweile wieder aus dem Haus und Familienangehörige treffen dürfen, wurden auch wieder sich heimlich küssende Pärchen gesichtet.

Busseln geht jetzt nicht mehr: Der französische Präsident Emmanuel Macron begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel, natürlich noch in Vor-Corona-Zeiten.
Busseln geht jetzt nicht mehr: Der französische Präsident Emmanuel Macron begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel, natürlich noch in Vor-Corona-Zeiten. | Bild: THIBAULT CAMUS/AP/dpa

Das wollen die Österreicher verhindern: Kurz vor der Öffnung der Gastronomie dort stellte Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) in einem Interview klar, dass Küssen in der Öffentlichkeit gegen die bestehenden Regeln verstoße.

Küsschen? Nicht doch!

Könnte es auch in Deutschland konkrete Kuss-Empfehlungen geben? Das Robert Koch-Institut verweist auf die Regel, weiterhin mindestens 1,5 Meter Abstand von anderen Menschen zu halten und in bestimmten Situationen zusätzlich eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. „Schon vom Händeschütteln wird abgeraten“, heißt es auf Anfrage. An Küsschen ist nicht zu denken.

Heike Melzer, Fachärztin für Neurologie und Sexualtherapeutin in München, sieht darin aber auch Chancen für andere Begrüßungsrituale. Küsschen, Handschlag, Umarmung, Verbeugung – das alles seien kulturell ritualisierte Formen der Kontaktaufnahme, um seinem Gegenüber zu signalisieren: „Ich sehe dich, ich wertschätze dich, ich mag dich, ich komme in friedlicher Mission.“

Küssen ist gut fürs Immunsystem, nur nicht jetzt

Ein hygienisches Problem sei das – außerhalb der Pandemie – übrigens eher nicht. Innige Umarmungen und Küsschen könnten eher dazu beitragen, die Immunabwehr zu stärken.

Dennoch: In anderen Kulturen funktioniert die Begrüßung ohne Berührung – auch hierzulande könnte man sich durchaus daran gewöhnen, meint Melzer. „Wenn wir im Kulturkreis neue Rituale vereinbaren und unser Gegenüber lesen können, dann kann eine wertschätzende Verbeugung wie im asiatischen Raum üblich mindestens genauso wertschätzend sein wie das Küssen von zum Teil wildfremden Menschen.“ Das übrigens wirke auf manche Kulturen doch sehr befremdlich und gewöhnungsbedürftig.

Die Prinzen fanden‘s eklig

Gar nicht so scharf aufs Küssen waren zumindest Anfang der 1990er-Jahre Die Prinzen. Die Band aus Leipzig landete mit „Küssen verboten“ einen Hit. „Doch da gibt es eine Sache, die ich gar nicht leiden kann – kommen deine feuchten Lippen zu nah an mich ran“, sangen Sebastian Krumbiegel und Kollegen damals. „Küssen verboten, streng verboten.“

Viele Österreicher dürften nun wieder einen Ohrwurm bekommen: Nachdem der Gesundheitsminister sich zu den Kuss-Regeln geäußert hatte, machte bei Twitter und Co. der Hashtag #küssenverboten die Runde.

Paare, die zusammen leben, haben es gut. Sie küssen einfach weiter. Anders geht es denen, die gerade jemanden kennengelernt haben oder eine Fernbeziehung führen. Leidet womöglich die Psyche unter dem Knutsch-Entzug? „Beim Küssen öffnet sich nicht nur der Mund, sondern auch das Herz und die Seele“, sagt Melzer.

Beim Küssen wird der Partner gecheckt

„Denn mit unserer Steuerzentrale Kopf sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen wir – und erkennen so schnell, wer zu uns passt und wer nicht.“ Das sei auch ein Grund dafür, dass Langzeitpaare mit chronischen Paarproblemen zuerst das Küssen einstellen. „Wenn ich meinen Partner nicht mehr ‚riechen‘ kann, dann fällt auch das Küssen zunehmend schwerer.“

Hier sehen Sie ein Video der Umarmungen

Von einem Image-Problem könne aber nicht die Rede sein, meint Melzer. „Den Kuss wird es immer geben, nur werden wir bewusster mit ihm umgehen.“ Was rar und knapp sei, werde umso begehrenswerter. Runterfahren und Reduktion könnten auch hier wertvoll sein. „Wenn Sie bislang oft und viel geküsst haben, und es nun wegen der Pandemie monatelang nicht tun – dann wird der erste Kuss ein Hochgenuss.“

Der Umarmungs-Vorhang

Im Netz ging dieser Tage ein Video viral, das eine Kanadierin zeigte, die ihre Mutter an Muttertag durch eine Art Duschvorhang mit vier Ärmeln zum Hineinschlüpfen umarmte. „Jute statt Plastik“, krakelten Spötter früher an Kondom-Automaten. Der Mensch braucht Nähe, auch in Zeiten von Corona. Und er findet Möglichkeiten, sie zu bekommen, zur Not mit Umwegen. Hoffentlich auch weiterhin.

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