Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Kinder zu haben, ist eine der wunderschönsten Erfahrungen im Leben. Doch manche Mütter glauben, sie seien besonders privilegiert und könnten Kinderlosen ihre vermeintliche Unzulänglichkeit vorhalten. Oder sie machen ihre Kinder zum Projekt. Dann werden diese Supermütter peinlich und zum Albtraum. Eine Spurensuche.

  • Supermütter: Es war die ehemalige AfD-Chefin Frauke Petry, die die Kinderlosigkeit von Bundeskanzlerin Merkel verantwortlich für deren angeblich verfehlte Politik machte: „Ich habe vier Kinder, Angela Merkel hat keine“, sagte sie. Kinder veranlassen einen, über den eigenen Lebenshorizont hinaus zu sehen. Und das tut Merkel eben nicht.“

Der britischen Premierministerin Theresa May ging es ähnlich. 2016 kämpften die britischen Konservativen intern hart um die Nachfolge von Premier David Cameron. Die Energie-Staatssekretärin und dreifache Mutter Andrea Leadsom versuchte, den Eindruck zu vermitteln, sie als Mutter sei im Gegensatz zur kinderlosen May die bessere Regierungschefin: „Ganz ernsthaft fühle ich, eine Mutter zu sein bedeutet, dass dir ganz viel an der Zukunft unseres Landes liegt.“

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Dass Frauen sich nicht nur als Mütter für perfekt halten, sondern dieses Pfund auch im Wahlkampf einsetzen, gibt es auch in den USA. So warb Sarah Palin, Ex-Gouverneurin von Alaska und Mutter von fünf Kindern, 2008 als Vize-Präsidentschaftskandidatin der Republikaner um Stimmen. Sie sagte: „Eine Mutter weiß am besten, was unser Land braucht.“ Doch die konservative Vielfachmutter punktete gerade in einem Lager nicht: bei den Frauen.

"Eine Mutter weiß am besten, was unser Land braucht."<br /><strong>Sarah Palin, Ex-Gouverneurin von Alaska</strong>
"Eine Mutter weiß am besten, was unser Land braucht."Sarah Palin, Ex-Gouverneurin von Alaska | Bild: epa Smith

Petry, Leadsom und Palin sind gescheitert. Doch es gibt sie, die erfolgreichen Mütter, wie Ursula von der Leyen, die neben Studium und sieben Kindern in der Politik Karriere gemacht hat. Sie allerdings instrumentalisiert ihr Muttersein nicht, sondern hält ihr Privatleben weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Dass eine solche Karriere mit Kindern ohne Kindermädchen und einem Mann, der kürzertritt, undenkbar ist, versteht sich von selbst.

  • Feminismus: Als Alice Schwarzer in den 70er-Jahren für Gleichberechtigung und die unabhängige Frau kämpfte, spielten Kinder keine Rolle. Es galt, die Frau vom Herd zu befreien. Später ging es den Feministinnen um ihr sexuelles Selbstbewusstsein und eine neue Weiblichkeit, die sich vor allem in der Mode ausdrückte. Seit mehr als zehn Jahren melden sich nun immer mehr Mütter-Feministinnen zu Wort, von denen die meisten vier Kinder haben. Sie bringen den Druck ins Spiel, der entsteht, wenn solche Supermütter wie die ehemalige französische Justizministerin Rachida Dati 2009 zwei Tage nach der Geburt ihres Kindes in den Elysée-Palast stöckeln. Sie denken an eine Abschaffung der Mutter, wenn Ideen einer Kitapflicht aufkommen, und plädieren für ein Nacheinander von Familie und Beruf.
  • Kinder: Nur jede elfte Familie hat in Deutschland mehr als zwei Kinder. Immer öfter mündet dies in eine Überfürsorge für die Kleinen. In den USA herrscht eine besondere Hysterie: Wer dort ständig über seine Kinder wacht, gilt als Vorbild, sagt die 45-jährige Sara Zaske, die als Communication-Manager an der Universität von Idaho arbeitet, in einem Interview. Als Ursachen nennt Zaske, die dieses Jahr ein Buch mit dem Titel „Achtung, Baby“ veröffentlicht hat, die übertriebene Angst der Amerikaner, dass ihre Kinder vernachlässigt und gekidnappt werden könnten. Und außerdem wollten sie sie fit für die Zukunft machen: „Die richtige Schule, die richtige Uni, eine vielversprechende Karriere“, sagt Zaske.
  • Helikoptereltern: Die Überfürsorge für die Kleinen ist auch in Deutschland ein Phänomen, das es früher nicht gab: So wird jedes fünfte Kind von seinen Eltern zur Schule gebracht oder abgeholt. Heinz-Peter Meidinger, seit 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, nennt als Ursache die zunehmende Zahl von Ein-Kind-Familien. Besonders Mittelstandsfamilien wollen ihren Kindern die besten Startchancen geben. „Das gipfelt darin, dass Mütter Nachhilfe organisieren, nicht nur, um schlechte Noten zu vermeiden, sondern um noch bessere Noten zu bekommen“, sagt er. Er schätzt, dass über alle Schultypen hinweg betrachtet, die Hälfte der Eltern sich normal verhält, 30 Prozent sich zu wenig kümmern und 20 Prozent zu den Helikoptereltern zählen. „Doch an einem Gymnasium können diese Helikoptereltern auch mal die Hälfte ausmachen“, sagt er. An vorderster Front stehen dabei die Mütter, die beim Abholen und an Elternabenden nach wie vor in der Mehrheit sind. Martina Scherer, Landesvorsitzende der Jungen Philologen, kennt diese Mütter: „Die würden ihre Kinder am liebsten mit dem SUV ins Lehrerzimmer fahren.“ Auch die Väter stehen hier oft nicht zurück. So hat die 39-Jährige es erlebt, dass in ihrer fünften Klasse bei einem Kind in der 6. Stunde das Handy klingelte. Auf dem Display erschien „Papa“. „Warum müssen Eltern ihre Kinder in der Schule anrufen?“, ärgert sie sich. Die Lehrerin leitet in ihrer Freizeit einen Kinderchor. Früher seien die Dreijährigen allein zur Probe gekommen, die Mütter warteten draußen. Inzwischen hat sie Mütter, die während der Probe neben ihren Kindern sitzen wollen. Einerseits sei es ja gut, wenn die Eltern sich kümmern, doch die Kinder müssten auch lernen, selbstständig zu werden, und auch Fehler machen dürfen. Stattdessen kommen Fragen, warum sie denn die Fehler in Klassenarbeiten korrigiere, das verderbe den Kindern doch den Spaß am Lernen.
  • Kampfhubschrauber: Mütter können sich in Kampfhubschrauber verwandeln, wie der frühere Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sie nennt: Sie kritisieren Lehrpläne, beschweren sich über Disziplinarmaßnahmen, das Schulessen und vor allem die Notengebung. Übrigens: Wenn es hart auf hart geht, dann kämpfen auch die Väter an vorderster Front an der Seite der Supermütter.