Kinder müssen ihre eigenen Wege gehen. Der Schweizer Psychologe Allan Guggenbühl über Freiräume, was in der Schule falsch läuft und wie Jugendliche ticken.

Herr Guggenbühl, der Titel Ihres Buches heißt provokant: „Für mein Kind nur das Beste“. Was ist daran schlecht?

Wenn man Kinder gern hat, dann will man das Beste für sie. Das ist klar. Das Problem ist, dass das, was wir als Eltern, als Schule und Gesellschaft als das Beste ansehen, nicht immer das Beste ist. Wir orientieren uns an Vorstellungen, die wir selber als optimal und progressiv empfinden, die jedoch effektiv die Bedürfnisse der Kinder missachten.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Das selbsttätige Lernen in Schulen zum Beispiel. Heute wird die Ansicht vertreten, dass es gut für die Kinder sei, wenn sie selbstständig die Lernziele definieren und die entsprechenden Inhalte wählen. Das hört sich zunächst einmal so an, als komme man den Schülern entgegen und berücksichtige ihre Anliegen. Doch bei den Kindern kommt das anders an: In der Schule sehen sie eine Zwangssituation. Sie sehen jedoch ein, dass sie sich fügen und lernen müssen. Sie wollen lernen, was kulturell relevant ist, und von den Erwachsenen erfahren, was wichtig ist. Es macht keinen Sinn für sie, wenn sie diese Inhalte selbsttätig zusammensuchen müssen. Das Beste im Sinne von „autonom“ empfinden sie als Betrug.

Das heißt, diese Freiheit, die man ihnen zugesteht, ist keine wirkliche Freiheit?

Ja. Kinder merken ja sehr rasch, dass sie nur erwachsen werden können, wenn sie sich nach den Eltern und den Lehrern richten. Sie können zwischen wirklicher Freiheit und Pseudofreiheiten unterscheiden. Wenn ihnen gesagt wird, dass sie auf einem Spielplatz frei herumtoben dürfen, dann realisieren sie, dass es sich um einen kontrollierten Raum handelt, der durch Erwachsene definiert wird. Das ist nicht schlecht, doch Kinder wollen auch für sich sein und ab einem gewissen Alter die Umgebung auch allein erforschen. Sie wollen Risiken eingehen. Sie brauchen nicht immer die Präsenz der Erwachsenen.

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Sie sprechen in Ihrem Buch von einer Verwöhnungsfalle, wenn das Geben zum Hauptmerkmal der Beziehung der Eltern zum Kind wird. Da kommen Sie als Psychotherapeut sicher an Ihre Grenzen, wenn Sie es mit Kindern zu tun haben, die selbst für nichts kämpfen müssen, die keine Niederlagen erleben. Wie gehen Sie damit um?

Ja, das stimmt. Die Verwöhnungsfalle droht, wenn wir Kindern alle Sorgen und Ängste abnehmen und jedes Scheitern verhindern wollen. In begüterten Kreisen ist die materielle Verwöhnung verbreitet, sie hat oft mit Schuldgefühlen zu tun. Die Eltern haben ein schlechtes Gewissen, dass sie zu wenig Zeit mit dem Sohn oder der Tochter verbringen. Eltern können jedoch nicht immer präsent sein, Kinder müssen auch lernen, auf Mutter oder Vater zu verzichten, und zum Leben gehört, dass man auch hie und da scheitert.

Können Eltern ihre Kinder auch emotional verwöhnen?

Ja, zum Beispiel, wenn Eltern jede Missstimmung oder Frustration des Kindes als Problem betrachten. Sie suchen seine Nähe, lenken es ab, organisieren einen Ausflug, schenken ihm etwas zu essen oder trösten es, indem sie das Problem wegreden. Die Kinder haben es schwerer, Fähigkeiten wie Ausdauer, Geduld und Frustrationstoleranz zu entwickeln.

In der Schule ist das gar nicht so einfach zu realisieren. Was raten Sie Lehrern, um genau das umzusetzen?

Den Lehrern rate ich zu mehr Ehrlichkeit. Sie sollten sagen, welches ihre Erwartungen sind, und den Schülern helfen sie zu erfüllen. Wichtig ist auch, dass sie sich bei anderen Themen zurückhalten. Die Schüler müssen in der Schule Regeln respektieren, doch es geht nicht um Persönlichkeitsbildung, wie es der Begriff der sozialen Kompetenzen suggeriert. Wie die Kinder miteinander umgehen, geht die Lehrpersonen nur bei Konflikten und Regelverstößen etwas an. Kinder dürfen sich gegenseitig ignorieren, missachten und untereinander blöd tun, solange der Unterricht nicht gestört wird. Die Idee jedoch, dass die Schule gezielt Persönlichkeitsbildung betreibt, ist abwegig.

Sie kritisieren die Schule an sich und vergleichen heutige Bildungsmaßnahmen mit einer heimlichen Dressurmaßnahme der Jugend. Was meinen Sie damit?

Kinder müssen in die Schule und sich fügen. Doch Schulen deklarieren das nicht so. Es wird behauptet, es gehe um die Förderung persönlicher Kompetenzen und Autonomie. Soziale Kompetenzen zu fördern ist wichtig, doch wenn Kinder pathologisiert werden, wenn sie andere unterbrechen, frech, umtriebig, laut sind oder ihre Gefühle nicht in Worten ausdrücken, dann mutiert die Förderung zu einer indirekten Disziplinierung. Ich plädiere dafür, dass man Anstandsformen einführt, die man beachten muss. Wer sie nicht beachtet, ist dann nicht „gestört“ und erhält eine Diagnose. Das Verhalten des Menschen wird auch vom Kontext beeinflusst. Wenn sich ein Schüler in der Schule unmöglich verhält, heißt das nicht, dass er sich in einer Gruppe oder später auch so verhält.

Welche Rollen sollte man Kindern außerhalb der Schule zutrauen?

Im öffentlichen Raum ist man in unserer Gesellschaft erst wer, wenn man etwas machen darf oder konsumieren kann. Kinder wollen ab einem bestimmten Alter auch ihren Beitrag leisten. Sie suchen nach Verantwortung, wollen Geld verdienen und ausgeben können. Ob es uns gefällt oder nicht: Geld ermöglicht uns, im öffentlichen Raum aktiv und selbstständig zu sein. Wir können uns in die Gesellschaft einbringen und haben eine Rolle, wenn wir uns durch die Stadt bewegen.

Wie würden Sie das Verhältnis der Generationen heute zueinander beschreiben, im Gegensatz zu früher?

Wir leben in einer Gerontogesellschaft, das heißt, unsere Gesellschaft richtet sich nach Werten und Vorstellungen, die Personen über 30 hegen. Den Alten sind Gesundheit, Sicherheit, Überschaubarkeit und Kontrolle besonders wichtig. Die Werte der unter 20-Jährigen sind jedoch anders. Jugendliche wollen Risiken eingehen, Experimente wagen, Extremes erleben, Tabus brechen. Aber sie sehnen sich auch danach, wirklich eingebunden zu werden und Verantwortung übernehmen zu können.

Kinder sind heute ja schon fast Raritäten. Es gibt immer mehr Ein-Kind-Familien. Welche Folgen hat das für die Kinder und Jugendlichen?

Die unmittelbare Folge ist, dass Kinder im öffentlichen Bereich kaum präsent sind. Man sieht sie weniger. Kinder selbst nehmen das auch so wahr. Man hört sie auch nirgends rufen und schreien. Kinder und Jugendliche suchen deshalb heute virtuell Kontakt über das Handy und das Internet. Das ist für sie ein Segen.

Kinder werden immer mehr verplant, nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit. Für wie wichtig halten Sie unverplante Zeit?

Für sehr wichtig. In der unverplanten Zeit kommen ihnen auch neue Ideen. Kinder lernen, mit sich selbst umzugehen, wenn sie Zeit für sich haben, frei spielen können und sich langweilen. Kinder müssen auch Nachmittage erleben, an denen sie keine Ahnung haben, was sie machen sollen.

Lässt sich abstrakt definieren, was das Beste für die Kinder wäre?

Das Beste ist, ihnen Schutz, Geborgenheit zu geben, damit sie sich selber und ihre Umwelt entdecken können, inspiriert werden. Es gilt, ihre Neugierde zu wecken, damit sie auf die Suche gehen. Gleichzeitig müssen wir ihnen unsere Werte und Anliegen mitteilen, sie zum Teil einfordern. Es muss uns jedoch bewusst sein, dass sich Kinder und Jugendliche oft von uns weg entwickeln.

Was raten Sie den Eltern?

Wichtig ist, dass man an die eigenen Kinder glaubt: Du wirst es schaffen, ich vertraue dir. Es muss uns bewusst sein, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind und wir ihre Persönlichkeit formatieren können. Wir begleiten sie als Erwachsene, doch ihre Persönlichkeit können wir nicht bestimmen.

Fragen: Birgit Hofmann

Zur Person

Allan Guggenbühl
Allan Guggenbühl | Bild: privat

Allan Guggenbühl, 66, Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Zürich, ist seit 1984 Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung in Bern und Direktor des von ihm gegründeten Instituts für Konfliktmanagement in Zürich. Er berät Schulen, Lehrer und Führungskräfte. Nach seiner Ausbildung zum Grund- und Realschullehrer ließ er sich in Mexiko-Stadt bei Manuel Lopez Ramos zum klassischen Gitarristen ausbilden. Danach arbeitete er als Gitarrenlehrer und Musiker, ehe er an der Uni Zürich Psychologie studierte und promovierte. Guggenbühl hat mehrere Bücher zum Thema Jugendgewalt, Konflikte, Jungen und Pubertät veröffentlicht. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. (ink)


Allan Guggenbühl: „Für mein Kind nur das Beste – wie wir unseren Kindern die Kindheit
rauben.“ Orell Füssli-Verlag, Zürich, 221 S., 20 Euro