Vollkornbrot tötet Krebszellen, Hering schützt vor Brustkrebs, Kurkuma vor Darmkrebs. Immer wieder liest man solche Schlagzeilen. Aber gibt es wirklich Lebensmittel, die vor Krebs schützen können?

Wir haben Daten zu solchen Fragestellungen aus zwei Arten von Forschungen. Die einen sind sogenannte epidemiologische Daten, die wir erhalten, wenn wir große Bevölkerungsgruppen untersuchen. Damit können wir statistische Zusammenhänge erstellen: Wer kriegt welche Krankheit? Wer hat sich wie ernährt? Aber: Je mehr ich rechne, desto mehr Zusammenhänge werde ich herausfinden. Das ist statistisches Gesetz. Zum Teil werden da kausale Beziehungen erfasst, zum Teil sind diese aber nur zufällig. Um das eingangs genannte Beispiel „Hering schützt vor Brustkrebs“ aufzugreifen: Eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist, wirkt nicht nur bei Brustkrebs vorbeugend, sondern bei allen Krebsarten. Die Schlagzeile ist also nicht falsch, aber übertrieben richtig.

Jutta Hübner ist Professorin am Uniklinikum Jena.
Jutta Hübner ist Professorin am Uniklinikum Jena. | Bild: UKJ/Schroll

Sie sprachen von zwei Arten von Daten, die Wissenschaftler heranziehen, um das Zusammenspiel von Ernährung und Erkrankungen zu untersuchen.

Genau, dazu als Beispiel die Schlagzeile „Kurkuma schützt vor Darmkrebs“. Wo es um den einzelnen Inhaltsstoff eines pflanzlichen Lebensmittels geht, in diesem Falle Curcumin, einen sogenannten sekundären Pflanzenstoff, beruhen die Ergebnisse fast immer auf laborexperimentellen Untersuchungen. Da wird eine Tumorzelle im Reagenzglas gezüchtet, anschließend der sekundäre Pflanzenstoff darauf geträufelt und dann schaut man, was passiert. Mit ein bisschen Glück werden Sie beobachten, dass die Zellen nicht weiterwachsen. Im Reagenzglas können Sie das mit fast jeder Substanz erzeugen.

Heringe können gesund sein – jeder Versprechung sollte man dennoch nicht glauben.
Heringe können gesund sein – jeder Versprechung sollte man dennoch nicht glauben. | Bild: Stefan Sauer/dpa

Warum?

Es gibt hunderte sekundäre Pflanzenstoffe. Im Reagenzglas haben alle Einfluss auf das Tumorwachstum. Meistens wird in Berichten darüber aber nicht offengelegt, dass es sich um Laborexperimente handelt. Ein Beispiel ist der Stoff Resveratrol, der im Rotwein enthalten ist. Im Reagenzglas funktioniert die Substanz zur Tumorbekämpfung. Um diese Mengen aber zu sich zu nehmen, müssten Sie Unmengen Rotwein trinken – Sie wären sehr betrunken. Hinzu kommt, dass die Wirkung mancher Substanzen sich abhängig von der Dosis ins Gegenteil umkehren kann. Patienten aber lesen die Schlagzeilen und kaufen sich Präparate.

Vollkorn-Produkte sind wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung.
Vollkorn-Produkte sind wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung. | Bild: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Können Sie denn dann überhaupt Lebensmittel empfehlen?

Ja, das ist die positive Botschaft: Mediterrane Kost, also viel Gemüse, Fisch, Olivenöl und Nüsse, kann das Krebsrisiko reduzieren. Gesunde Fette, Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten sowie „fünf am Tag“, also fünf Portionen Obst und Gemüse – das ist die Art, wie Menschen sich ernähren sollten.

In welcher Menge muss ich die Lebensmittel zu mir nehmen, damit sie wirken?

Genau das wissen wir nicht. Das kann man aus Reagenzglas-Versuchen nicht herausrechnen. Der positive Effekt gesunder Ernährung tritt ja nicht ein, wenn Sie das mal ein halbes Jahr machen. Sie müssen sich über Jahrzehnte so ernähren. Gruppenstudien dazu sind schwierig: Angenommen, in einer Studiengruppe ernähren sich die Probanden gesund. Das funktioniert vielleicht eine Weile. Nach einem halben Jahr fallen viele wieder in alte Muster zurück. Wieder andere sind in der Kontrollgruppe, die sich ungesünder ernähren soll – und essen dennoch gesund. Damit sind die Studien unbrauchbar.

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Bekommen Krebspatienten durch solche Schlagzeilen den Eindruck, sich falsch ernährt zu haben und selbst schuld zu sein an ihrer Erkrankung?

Ich würde sagen ja, durchaus. In meinen Patientensprechstunden sehe ich, dass gerade diese Patienten gefährdet sind, die sowieso schon mit dieser „Wieso ich?“-Frage kommen. Die vergleichen ihre Verhaltensweise mit solchen Schlagzeilen. Kommunikativ ist das sehr schwer aufzulösen, denn oft stehen ja berühmte Forschungseinrichtungen dahinter. Ich versuche dann, diese Zusammenhänge auch für Laien verständlich zu erklären. Denn sonst kann das wirklich richtig Schaden auslösen.

Ist der Kampf gegen den Krebs tatsächlich so einfach, dass es reicht, bestimmte Lebensmittel verstärkt zu essen?

Ich glaube, wenn wir rein über den Faktor Ernährung reden, dann ist es so einfach. Wenn sie sich aber die meisten Menschen anschauen, sieht es anders aus. Krebs ist eine schicksalhafte Geschichte. Man kann zwar das Risiko zu erkranken beeinflussen. Aber man kann es nicht absolut verhindern. Hinzu kommt: Wir sprechen ja nicht über die Ernährung alleine. Mindestens so wichtig ist körperliche Betätigung.

Alkohol kann eine Krebsbildung begünstigen.
Alkohol kann eine Krebsbildung begünstigen. | Bild: Peter Endig/dpa

Gibt es denn auch Lebensmittel, von denen bekannt ist, dass sie die Entstehung von Krebs begünstigen?

Alkohol ist ein eindeutiger Risikofaktor. Wir wissen auch, dass tierische Fette das Risiko, an Krebs zu erkranken, erhöhen. Auch Nitritpökelsalze sind nicht gut. Damit ist alles, was in Richtung Wurstwaren geht, nicht ohne. Auch Schimmelpilzgifte sind eindeutig krebserregend. Die kommen manchmal in so kleinen Mengen vor, dass Sie sie nicht sehen können. Bei Nüssen kommt das vor, häufig bei unbehandelten Bio-Nüssen. Paradox, denn Nüsse sind ja eigentlich gut.