Am Alleinsein kommen wir in der Corona-Pandemie zwar kaum vorbei, dafür aber vielleicht an den deprimierenden Erfahrungen von Einsamkeit. Die Kunstgeschichte ist voll von Einzelgängern und Eremiten, von verlorenen Figuren und verlassenen Orten. Alleinsein, aber richtig: Liefert uns das Wahre, Schöne, Gute die nötige Inspiration? Acht Lektionen aus Literatur, Malerei, Musik und Philosophie.

  • Erstens: Einsamkeit kann ästhetisch sein. Der amerikanische Maler Edward Hopper zeigt Menschen in sozialer Isolation – alleine am Bartresen, im Schaukelstuhl oder aus dem Fenster blickend. Tristesse? Nicht nur. In der bemerkenswerten Stimmung dieser Szenen liegt auch eine ästhetische Dimension: Hoppers Kunst lehrt, dass Einsamkeit uns erst sensibel macht für das Andere, das Herbeigesehnte und Rätselhafte in der Welt.
  • Zweitens: Einsamkeit verbindet den Menschen mit seinen Wurzeln. Caspar David Friedrich zeigt ihn in seiner Einsamkeit als Geschöpf der Natur. Und zwar nicht als von ihr emanzipiertes Wesen, sondern indem er sich auf sie wieder besinnt, ja ganz und gar in ihr verliert. Eins mit der Umwelt ist auch der „Wanderer über dem Nebelmeer“ nicht wirklich einsam, sondern Teil von etwas Größerem.
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  • Drittens: In der Einsamkeit erfahren wir uns selbst. Wer sich aus der Gesellschaft zurückzieht, befreit sich von sozialen Normen und Zwängen. Der antike Philosoph Boethius nutzt den Gefängnisaufenthalt vor seiner Hinrichtung, um über das Leben nachzudenken. Zuerst in seiner Not seelisch erkrankt, beginnt er mithilfe der Philosophie, die innere Einsamkeit zu überwinden und den Quell wahren Glücks zu ergründen. Dieses liegt für ihn nicht in materiellen Besitztümern oder der äußeren Freiheit, sondern nur in ihm selbst.
  • Viertens: Einsamkeit bringt unsere Potenziale zum Vorschein. Dieser Ansicht waren besonders die Anachoreten der frühchristlichen Zeit. Was sie da so sicher machte: ihr Vorbild, der heilige Antonius, auch der Einsiedler genannt. Seine Biografie war im 4. Jahrhundert ein Bestseller und zog eine ganze Bewegung nach sich, in deren Folge sich Gläubige vor einem religiösen Hintergrund aus der Gemeinschaft zurückzogen. Sie sahen ihre Aufgabe in der Askese, teils sogar so radikal, dass sie ihr Leben auf dem Kapitell einer Säule verbrachten. Das brauchen wir zum Glück nicht: Wir können auch in weniger Zeit und vielleicht sogar vom Sofa aus herausfinden, was wir gut können und wer wir sein wollen.
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  • Fünftens: In der Einsamkeit lernen wir unsere Umwelt besser verstehen. Denn manches, was aus der Nähe unklar erscheint, gibt sich aus größerer Distanz erst zu erkennen. So erzählt Daniel Defoe in seinem Klassiker „Robinson Crusoe“ nur bei oberflächlicher Betrachtung von der einsamen Südsee-Insel. In Wahrheit sagt der Roman weit mehr über die Gesellschaft in Europa aus. Historiker und Literaturwissenschaftler sehen in ihm sogar Bezüge zu aktuellen Ereignissen wie der Brexit-Krise.
  • Sechstens: Temporäre Einsamkeit lehrt uns den wahren Wert des Lebens. Meistens ist Einsamkeit an einen bestimmten Lebensabschnitt geknüpft, der früher oder später zu Ende geht. Das zeigt uns Henry David Thoreau, der sich in einer Art Selbstexperiment im 19. Jahrhundert für zwei Jahre an eine abgeschiedene Hütte am Walden Pond in Concord in Massachusetts zurückzog. Mit dem Ziel, einen alternativen und ausgewogenen Lebensstil zu verwirklichen. In „Walden“ berichtet der Schriftsteller dann von seiner metaphysischen Erfahrung: „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“
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  • Siebtens: Einsamkeit macht kreativ. Nicht nur Schriftsteller, auch Künstler und Musiker produzieren mehr, wenn sie alleine sind. Dabei ist die Einsamkeit selbst oft gerade der Inspirationsfunke. Die Künstlergruppe „Brücke“ zog sich Anfang des 20. Jahrhunderts aus der strengen wilhelminischen Gesellschaft zurück. Nur als Aussteiger sahen sich ihre Mitglieder in der Lage, ungestört einen neuen Malstil zu entwickeln: den Expressionismus. Ernst Ludwig Kirchner fand sein persönliches Idyll später in der Abgeschiedenheit des kleinen Schweizer Bergdorfs Davos.
  • Achtens: Einsamkeit kann eine transzendentale Erfahrung sein. Musiker wussten das schon immer: Nicht nur fördert das Alleinsein überhaupt die Produktion und Rezeption von Musik – sie lässt uns sogar Grenzen von Erfahrung und Bewusstsein überschreiten. So verrät in der sakralen und geistlichen Musik nicht nur der Text, dass wir nicht alleine sind. Die Musik bringt uns dem Göttlichen näher. Oder sie tritt gleich selbst, in der Transzendenzerfahrung, an die Stelle der Einsamkeit.