Zwei Frauen blicken aus dem Fenster. Die eine: nackt, mit der rechten Hand zum Vorhang greifend. Die andere: im Haus gegenüber, ihr Kleid so rot wie der Vorhang. Irgendwo dort draußen im schneebedeckten Hof müssen sich ihre Blicke treffen. Was geht hier vor? Sind wir Zeuge eines wechselseitigen Begehrens? Oder im Gegenteil eines Beziehungsdramas? Handelt es sich etwa bei der nackten Schönen um die Geliebte eines Ehemanns – und bei der Nachbarin um die Betrogene?

Magischer Blickwechsel: „Entelechie“ lautet der Titel dieses 2016 entstandenen Gemäldes.
Magischer Blickwechsel: „Entelechie“ lautet der Titel dieses 2016 entstandenen Gemäldes. | Bild: Martin Wernert/Trossingen/Germany

Der Urheber dieses Werks heißt Martin Wernert, stammt aus Meßkirch und lebt in Trossingen. Technisch bedient er sich einer Maltechnik des 15. bis 17. Jahrhunderts, ästhetisch aber ist der Bezug zu einer Strömung unverkennbar, die im 20. Jahrhundert als „Magischer Realismus“ bekannt wurde. Sie entsprach der Überzeugung, dass es eine Realität hinter der Realität geben muss, eine, die sich aus dem Zusammenspiel von Vernunft und Traum, rationalen und irrationalen Dimensionen unserer Wirklichkeit ergibt.

Es liegt etwas Unerhörtes darin, diesen magischen Realismus heute wieder zu zeigen. Zum einen ist da die Zumutung, in unserer hochgradig technisierten Zeit so etwas wie Magie akzeptieren zu sollen. Und dann auch noch die Nacktheit, der Eros als höchster Ausdruck alles Magischen: Auch er gilt inzwischen ja vielen als verdächtig, zumal wenn es sich um männliche Blicke auf weibliche Körper handelt.

Martin Wernert: „Danae (Zeus Automat)“, 2017.
Martin Wernert: „Danae (Zeus Automat)“, 2017. | Bild: Martin Wernert

Vielleicht verbirgt sich hinter der oft reflexhaft einsetzenden Empörung über solche Zumutungen auch eine Abwehrhaltung. Lassen sie doch erahnen, dass unsere Wirklichkeit mehrdeutiger, ungewisser und deshalb vielleicht auch gefährlicher ist, als uns lieb sein kann.

Erhitzte Winterluft

Bei Wernert sind durch Fenster gewechselte Blicke in der Lage, klirrende Winterluft zu erhitzen. Beiläufige Gesten blättern ganze Bände an möglichen Erzählungen auf. Und nur scheinbar zufällige Farben von Stoffen, Wänden oder Kleidern schreien dem Betrachter wortlose Botschaften entgegen. Es ist ein ungemein energiegeladenes Schauspiel, zu dem die Frau am Fenster den roten Theatervorhang öffnet. Oder schließt sie ihn vielmehr?

In diesem wie in anderen Bildern des Trossinger Künstlers entspringt die Energie einem bipolaren Spannungsfeld. An der Oberfläche zeigt sich das zunächst in wechselseitigen Blicken, in Spiegelbildern oder in stiller Kommunikation zwischen Maler und Modell. Bei näherer Betrachtung werden noch tiefere Gegensätzlichkeiten sichtbar: nämlich jene zwischen jung und alt, Lebensverlangen und Todesahnung, außen und innen.

Theaterszene am Lagerregal: „Portal“ (2015). Bilder: Martin Wernert
Theaterszene am Lagerregal: „Portal“ (2015). Bilder: Martin Wernert | Bild: Martin Wernert

Um sich am Lagerregal einen Überblick zu verschaffen, stützt sich eine junge Frau in mädchenhaft theatralischer Koketterie auf die Zehenspitzen. In Wahrheit wäre das gar nicht nötig. Ihre Kollegin dagegen ist über diese Spielarten der Selbstdarstellung längst hinweggekommen: Wo die andere nach außen wirkt, versenkt sie sich ins Innere.

Auch aus dem Gegenüber von Mensch und Tier oder Mensch und Maschine kann sich die Magie entzünden. Stummer Zeuge dieses Geschehens ist dabei auffallend oft ein Wasserkrug. Durch sein Glas sehen wir die Welt in ihrer verzerrten Gestalt. Oder ist es im Gegenteil deren eigentliche Erscheinung?

Ein Stillleben mit Wasserkrug.
Ein Stillleben mit Wasserkrug. | Bild: Martin Wernert

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün“, schrieb einmal Heinrich von Kleist. Martin Wernert macht uns mit dem unheimlichen Gedanken vertraut, dass wir vielleicht tatsächlich so etwas wie grüne Gläser tragen statt eines Organs, von dem wir glauben, es zeige uns ein einzig und objektiv gültiges Bild der Realität.

Wer diesen Gedanken zulassen, sich ihm gar bewusst stellen will, für den gibt es jetzt einen opulent aufbereiteten Kunstband. „Verfinsterung“ lautet sein Titel: Die Finsternis dieser fotorealistischen Malerei lässt uns manches klarer sehen, als es die Fotografie vermag.

Martin Wernert: „Verfinsterung“ (kommentiert von Rudolf Brandner), Gmeiner Verlag: Meßkirch 2020; 160 Seiten, 48 Euro.