Jetzt hat die märchenhafte Zeit wieder begonnen. In den Theatern stehen Märchen-Stücke auf dem Spielplan, auf dem heimischen Sofa hören die Kinder mit weit aufgerissenen Augen den vorgelesenen Geschichten der Brüder Grimm und von anderen Erzählern gespannt zu. Doch bei manchen Eltern oder Großeltern melden sich vielleicht Bedenken über das, was sie da eigentlich vorlesen: Kinder verbrennen eine alte Frau im Ofen, eine Königin unternimmt mehrere Mordanschläge gegen ihre Stieftochter, eine junge Frau muss in glühend heißen Schuhen tanzen, bis sie tot umfällt, da werden Köpfe abgeschlagen und kleine Mädchen von wilden Tieren gefressen.

Selbst, wenn kein Blut fließt, beschleicht die Vorleser ein ungutes Gefühl. Viele Texte erregen aus heutiger Sicht Anstoß – etwa, wenn ein Vater seine Tochter als Hauptpreis in einem Gewinnspiel auslobt, wenn Frauen ihren Männern untergeordnet oder Menschen schwarzer Hautfarbe als „Neger“ bezeichnet werden. Darf und kann man Kindern noch solche Geschichten vorlesen, in denen es nackte Gewalt, um Rassismus oder zumindest ein längst überkommenes Frauenbild geht?

Die pädagogisch-korrekte Lupe

Allenthalben wird der Ruf nach jugendfreier Kinder-und Jugendliteratur lauter, die Sensibilität vieler Eltern wächst, seit die Brutalität im Internet mühelos Grenzen und Hemmschwellen überwindet und für jeden jederzeit frei verfügbar ist. Und so nähert man sich verstärkt auch den Märchen-Büchern nicht mehr mit der Lesebrille, sondern mit der pädagogisch-korrekten Lupe und viel schlechtem Gewissen. Verlage beginnen damit, ihre Märchen-Sammlungen umschreiben zu lassen oder wenigstens zu entschärfen.

Oft widerfährt das den alten Texten bereits ein zweites Mal. Denn schon Jakob und Wilhelm Grimm, denen wir Sammlung, Pflege und Bestand der meisten traditionellen Volkssagen verdanken, haben ihrerseits als ausgebildete Juristen schon stark in die recht drastischen Texte eingegriffen, um alles, was vor 200 Jahren als erotisch zu eindeutig oder in Anbetracht der gesellschaftlichen Konventionen als anstößig erschienen wäre, zu streichen oder zumindest umzuformulieren.

Modernistischer Kahlschlag? Nein, danke!

Die erneute Bereinigung der alten Märchen-Sammlungen reicht dabei von einer behutsamen Anpassung der Texte an die heutige Lebens- und Erfahrungswelt der Kinder unter Wahrung des Charakters der Überlieferungen bis hin zu übertrieben modernistischen Kahlschlägen, bei denen vom ursprünglichen Charme und sprachlichen Reiz des alten (Vor-)Lesestoffs nicht viel übrig bleibt. Schon gibt es vergnüglich zu lesende Spott-Versionen, etwa vom bösen Rotkäppchen, das den armen Wolf auffrisst, bis hin zur billigen Beifall heischenden Verhöhnung von Emanzipation und dem Bemühen um diskriminierungsfreie Sprache.

Es ließe sich trefflich darüber streiten, ob es richtig oder falsch ist, wenn der Thienemann-Verlag in Otfried Preußlers Kinderbuch-Klassiker „Die kleine Hexe“ das Wort „Negerlein“ streichen lässt. Doch der Streit ist müßig. Denn Literatur spricht immer aus ihrer Zeit heraus. Das gilt auch für Märchen, Kinder- und Jugendbücher. Wortschatz und Stil ändern sich, ebenso wie Gebrauch und Bedeutung von Wörtern. Und keine andere literarische Gattung betont von sich aus mehr die historische Distanz als das Märchen. Nicht umsonst heißt es zu Beginn der meisten Geschichten: „Es war einmal …“

Kinder unterscheiden Dichtung und Wahrheit

Mit diesem märchenhaften Einstieg in eine Geschichte ist den Kindern intuitiv sofort klar, dass sie Realität und Gegenwart verlassen und eintauchen in eine ferne, geheimnisvolle Welt der Fantasie. Da gibt es Riesen und Zwerge, Elfen und Feen, die Tiere können sprechen und es gelten andere, eindeutige Gesetze für Gut und Böse. Ob eine Strafe zu streng oder zu brachial ist, interessiert Kinder nicht, darüber sinnieren nur Erwachsene. Und auch nicht in der Fantasie-Welt, sondern in der Gegenwart. Wichtig für die Kinder ist, dass am Ende das Gute siegt – Empathie mit dem Bösen ist ihnen zum Glück fremd.

Aus diesem Grund ist es nicht notwendig, all die wunderbaren Märchen aus fernen Zeiten zu bearbeiten oder gar umzuschreiben. Auch gutgemeinte Versuche, die Texte in die Sprache der Gegenwart oder gar der Kinder zu transkribieren, sind wenig hilfreich. Im Gegenteil, eine solche „Übersetzung“ könnte sogar die von den Kindern vorgenommene sorgfältige Trennung in Fantasie und Wirklichkeit gefährden, durch mangelnde Distanz Verwirrung stiften oder Ängste schüren.

Texte beim Vorlesen erklären

Sollte sich ein Text an der einen oder anderen Stelle zu sehr von der Erfahrungswelt der Kinder entfernen oder auch unverständlich erscheinen, kommt dem Vorleser die Rolle eines erklärenden Vermittlers zu – und für das Kind ist die Welt schnell wieder in Ordnung. So ist es weit sinnvoller, Texte beim Lesen zu erklären, anstatt sie umzuschreiben und damit aus ihrem Entstehungszusammenhang zu reißen und sie möglicherweise ihrer oft kunstvollen sprachlichen Form zu berauben.

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Für Silke Fischer, die Geschäftsführerin von „Märchenland – Deutsches Zentrum für Märchenkultur“, hat das Vorlesen gegenüber Film und Fernsehen noch einen weiteren Vorteil. „Kinder können sich dann alles so vorstellen, wie sie es am besten aushalten. Bei filmischen Darstellungen gibt es häufig Bilder, die die Kinder überfordern.“ Und auch die Bedenken wegen grausamer Stellen in Märchen kann Silke Fischer entkräften. „Wer als Kind mit Märchen aufgewachsen ist, der erinnert sich an das Schöne, und nicht daran, dass die Märchen grausam waren. Warum sollte es den eigenen Kindern heute anders damit ergehen?“, fragt sie.

Lassen wir also unbesorgt die Hexe im Ofen schmoren und den bösen Wolf die Zähne fletschen. Hauptsache, es wird vorgelesen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Die Grausamkeiten der Gebrüder Grimm

In „Rotkäppchen“ werden Menschen von einem Wolf gefressen, in „Schneewittchen“ versucht eine Mutter aus Eifersucht auf die Schönheit ihrer Tochter, diese umzubringen – all das ist brutal, allerdings wird das Böse am Schluss erfolgreich besiegt. Es gibt aber auch Märchen, die nicht gut ausgehen und reichlich grausam sind. Einige Beispiele:

  • „Frau Trude“: Ein neugieriges Mädchen geht in den Wald, wird von einer Hexe in einen Holzblock verwandelt und verbrannt. Ende des Märchens.
  • „Blaubart“: Der Adlige mit dem blauen Bart, dem goldenen Wagen und sechs Pferden wird zunächst als Märchenprinz eingeführt. Als seine Braut auf dem Schloss aber eine verbotene Tür öffnet, findet sie darin arg zugerichtete Frauenleichen. Nun muss sie selbst eine von ihnen werden.
  • „Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben“: Zwei Kinder spielen Schlachten – der eine spielt den Metzger, der andere das Schwein. Dabei sticht der eine Bruder den anderen tatsächlich ab. Die Mutter stößt daraufhin das Messer vor Zorn dem lebenden Kind ins Herz. Derweil ertrinkt ihr kleines Kind im Bad. Sie ist untröstlich und erhängt sich. Der Mann kommt heim, sieht das Drama und stirbt kurz darauf vor Trauer. (esd)