In den ersten 20 Minuten passiert nichts. Und auch im weiteren Verlauf ihrer pausenlosen, zweieinviertel stündigen Bühnenfassung zu Franz Kafkas Romanfragment „Amerika“ lässt Lilja Rupprecht Ideenreichtum und geistreichen Witz vermissen, während sie sich für ihre erste Inszenierung in Stuttgart mehrfach schon anderswo gesehener Bilder bedient.

Kafkas am Anfang des Romans stehende Erzählung „Der Heizer“ etwa findet gänzlich auf einer vor die Bühne gespannten Videoleinwand statt, mit Porträts in ständiger Nahaufnahme, statt mit Schauspielern aus Fleisch und Blut. Damit verwehrt Rupprecht, unter anderem Preisträgerin bei Kurzfilm-Festivals, den Darstellern schon im ersten dichten Konflikt des sich für den Heizer einsetzenden Protagonisten Karl Roßmann mit dem Schiffskapitän die Gelegenheit, sich zu beweisen. Die sich öffnende Bühne versperrt mit Lamettavorhängen (Bühne: Anne Ehrlich) zugleich die Sicht auf die Darsteller. Selbst wenn sich die in farbigem Licht glitzernden bodenlangen Fäden als Amerikas Glamour-Welt mit albtraumhaft-kafkaesken Zügen lesen lassen, in der sich Karl rettungslos verfängt, stören sie zunehmend und verschwinden erst nach zwei Stunden vollständig im Schnürboden.

Die Handlung bleibt nahe am Roman: Mit Verve und großem Ausdruck legt der aus dem Ensemble herausragende Ferdinand Lehmann den Karl als eine zwischen Naivität, Anpassung und Unterordnung wankende und sich am Ende selbst verlierende typische Kafka-Figur an. Auf einer geneigten Drehbühne, die mit ihrer hohen Wand plakativ für die unüberwindbaren Hindernisse steht, schlittert er die meiste Zeit in von braunem Schlamm bespritzter Nacktheit von einer Katastrophe in die nächste: Wegen einer ungewollten Schwangerschaft des Dienstmädchens von den Eltern nach Amerika geschickt, ist er der Willkür der anderen ausgesetzt, die vorgeben ihm zu helfen, ihn aber der Reihe nach ausnutzen und denunzieren, bis selbst die wohlwollende Oberköchin ihn fallen lässt. Die von Andreas Leupold, Rahel Ohm, Moritz Grove und Manja Kuhl gespielten 13 Rollen – vom Onkel übers Hotelpersonal bis zu zwei schrägen Halunken – sind zu flach angelegt und überzeugen kaum. Zumal weniger gespielt als erzählt wird, auch romanhaft in der dritten Person. Plumpe Späße wie die Badewannen-Szene mit einer überschminkten und mit Hörnern und sirenengleichem Gesang überdeutlich an Wagner-Charaktere erinnernden fülligen Brunelda im Nacktanzug (Kostüme: Christina Schmitt), der Karl zu Diensten sein muss, können diesen Theaterabend ebenso wenig retten wie das vom geräuschvollen Rhythmus begleitete Video gnadenlos rotierender Maschinerie, das Chaplins „Moderne Zeiten“ zitiert. Das Stück bleibt wie der Roman Fragment und hätte an beliebiger Stelle zu Ende sein können. Für Karl erscheint das Theater schließlich als Rettung. In Stuttgart tut es das leider nicht.

Nächste Aufführungen: 17., 27. April, 4. 7. Mai im Schauspielhaus Stuttgart. Weitere Informationen: www.schauspielstuttgart.de