Eine Sechsjährige lebt mit ihrer Mutter in einem Billig-Motel in Florida. Der Hausmeister, gespielt von Willem Dafoe, ist ein Lichtblick in dem hoffnungslosen Leben der Bewohner. SÜDKURIER-Mitarbeiter Sascha Rettig hat den Film gesehen und lobt ihn als stark und ergreifend. Mit Trailer!

Wahnsinn, wie unwirklich diese Farben aus der Umgebung heraus leuchten. So pink, so blau, so flieder zwischen Parkplätzen, vielspurigen Straßen, Touristen-Shops und Billig-Motels. Die bunten Unterkünfte haben zwar schillernde Namen wie „Magic Castle“ – doch für diejenigen, die sich darin eingemietet haben, hat das Leben wenig Magisches, und eine Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft gibt es meist auch nicht. Die Wirklichkeit, die Sean Baker in „The Florida Project“ einfängt, könnte nicht weiter von irgendwelchen Märchenschlössern entfernt sein. So wirft der Regisseur wie in seinen vorherigen Werken einen ganz eigenen Blick auf die Peripherie der Gesellschaft. Dieses Mal steht die junge Mutter Halley (Bria Vinaite) im Mittelpunkt, die sich mit ihrer sechsjährigen Tochter Moonee in einem engen Zimmer im „Magic Castle“ eingerichtet hat. Sie lebt von der Hand in den Mund. Um Geld für das Nötigste zu haben, verkauft sie unerlaubt vor Hotels Parfum. Und immer wieder prostituiert sie sich, während ihre Tochter nebenan in der Badewanne sitzt.

Auch wenn sich die Situation bis zur fulminanten Schlusseinstellung drastisch zuspitzt, verzichtet Baker auf ein übergestülptes Erzählkorsett. Vielmehr heftet sich die Kamera einfach über weite Strecken an die Fersen Moonees und ihrer Freunde und folgt ihnen durch den sommerlichen Alltag. Die Kleine hat nie ein anderes Leben kennengelernt und scheint daher die verwahrlosten Verhältnisse um sich herum so gut wie gar nicht wahrzunehmen. Bei aller Trostlosigkeit, die in dieser Milieu-Studie steckt, findet Baker trotz der Unfähigkeit der unreifen Mutter nicht nur Momente von Zuneigung, Liebe, Fürsorge. Aus Moonees Perspektive wird das „Magic Castle“ für sie und ihre Freunde zum großen Spielplatz. Während Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) immer ein Auge auf die Kinder hat, spielen sie in diesem Kosmos aus seltsamen Gebäuden, lassen ihrer Fantasie freien Lauf und treiben Unfug.

Für Moonee ist jeder Tag ein Abenteuer – und die erst achtjährige Brooklynn Prince mit all ihrer Natürlichkeit eine kleine Entdeckung. Die vielen Schauspiel-Newcomer schultern eindrucksvoll die Momentaufnahmen. Trotz der kraftvollen visuellen Überhöhung durch die knalligen Farben verstärkt das die Authentizität. Selbst ein so bekanntes Gesicht wie Willem Dafoe fügt sich nahtlos in diese Welt ein. Dafoe überrascht in einer für ihn ungewöhnlichen Rolle: Als Bobby ist er mehr als nur der Manager des „Magic Castle“, er ist auch warmherzige Bezugsperson und unfreiwilliger Sozialarbeiter der Gestrandeten. Was für ein schöner, heftiger, ergreifender Film, der einem beim Zuschauen auf den letzten Metern endgültig das Herz bricht.

 

Abspann

Land: USA 2017

Regie: Sean Baker

Darsteller: Brooklynn Prince, Willem Dafoe, Bria Vinaite, Christopher Rivera und andere

FSK: freigegeben ab 12 Jahren

Länge: 111 Minuten

Verleih: Prokino

Fazit: Verwahrloste Familienleben am Rande der Gesellschaft inmitten bonbonbunter Florida-Motels – ein starker, ergreifender Film.

Der Trailer zu "The Florida Project":