Die Zahl der Treffer für den Suchbegriff „Flugscham“ ist bei Google in den vergangenen Monaten exponentiell in die Hö­he geschnellt: Die Klimabewegung „Fri­days for Future“ lässt grüßen. Momentan liegt die Trefferzahl bei etwa 180 000. Selige Zeiten, als man noch ohne Gewissensbisse in ei­nen Flie­­ger steigen konnte. Erst vor gut 125 Jahren schloss der Mensch sich das Reich der Lüfte auf. Bis dahin lag die Luft­hoheit bei Göttern und Heiligen, He­­xen und Vögeln.

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Flie­gen ist ein uralter Men­sch­heits­traum. Vor der Erfindung des Flugzeugs musste man sich mit der bloßen Vorstellung begnügen: Als Vorboten glei­ch­sam und Dum­mies der Fantasie schwangen sich in antiken My­then Ge­stal­ten wie Dä­dalus und Ikarus in die Lüfte. Nicht selten nahm das beschw­ingte Abenteuer einen desaströsen Aus­gang – so in den Sagen von Ik­a­rus und Phaeton. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts schickte sich die Men­schheit an, den Luftraum real zu erobern. Der erste Mensch, dem dies gelang, war der Berliner Flug­pionier Ot­to Lilienthal.

Otto Lilienthal am Fliegeberg in Lichterfelde, 1895 diesmal fotografiert von Richard Neuhauss (1855–1915).
Otto Lilienthal am Fliegeberg in Lichterfelde, 1895 diesmal fotografiert von Richard Neuhauss (1855–1915). | Bild: Otto Lilienthal-Museum, Anklam

Für „Deutschland von oben“ muss man sich heute (wir raten: versteckt hin­ter einer Sonnenbrille) lediglich in den Flieger oder, ganz unbebrillt, in den Fernsehsessel setzen. „Die Welt von ob­­en. Der Traum vom Fliegen“ im Mu­se­um LA8 für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden­-Baden dagegen führt den Besucher in jene Zeit zurück, als die Menschheit das Fliegen lernte.

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Die Aus­stellung ist eine Kooperation mit dem Otto­-Lilien­thal­-Mu­seum in Anklam. Zu den gut 40 Leihgaben des Museums an der Ostsee tritt eine ganze Reihe von hochkarätigen Gemälden, Grafiken und Skulpturen, mit denen bedeutende Kün­st­ler im 19. Jahrhundert die Fantasie der Men­­schen beflügelten und den Auf­enthalt in den Lüften schon mal in der Vorstellung vor­wegnahmen.

Weißstörche zeigten ihm wie‘s geht

Das Highlight der Schau ist ein ori­gi­nalgetreu und in Ori­ginalgröße nachgebauter Flugapparat Lilienthals. Jahrelange physikalische Experimen­te und Berechnungen lagen dem Bau der ver­schiedenen Fluggeräte des Pioniers zu­grunde. An Weißstörchen hatte Lilienthal die Gesetze des Fliegens studiert. Ob sein Schlagflügelapparat, der Normalsegel- und auch der Vorflügelapparat oder der kleine respektive große Dop­peldecker – die meisten von Lili­en­thals Konstruktionen sind lediglich fotografisch überliefert. Das Mu­seum präsentiert eine reiche Auswahl dieser Aufnahmen; dazu jede Menge Skizzen und Konstruktionspläne seiner Fluggeräte sowie Ex­em­plare seines Buchs „Der Vo­gelflug als Grundlage der Fliegekunst“.

Otto Lilienthal mit dem kleinen Schlagflügelapparat 1894 auf dem Fliegeberg in Lichterfelde (Berlin), fotografiert von Ottomar Anschütz (1846–1907).
Otto Lilienthal mit dem kleinen Schlagflügelapparat 1894 auf dem Fliegeberg in Lichterfelde (Berlin), fotografiert von Ottomar Anschütz (1846–1907). | Bild: Otto Lilienthal-Museum, Anklam

Im Flug war Lilienthal, der gern mit Hut oder Mütze abhob, mit seiner Apparatur gewissermaßen verwachsen: Fast buchstäblich wurde er Teil des Flugzeugs: Sein Körper bildete so etwas wie dessen Rumpf, und mit den Armen bewegte und justierte er die Flügel. Letztere waren Vogelschwingen nachgebildet: Am Beispiel der Weiß­­störche hatte Lilienthal die Physik des Auftriebs kennen gelernt.

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Das Fliegen verband er mit utopischen Hoffnungen: „Welch ein „Cultur­­-Fort­schritt wäre errungen, wenn man die freie Atmosphäre zum allgemeinen Ver­kehr benutzen könnte … Die Grenzen der Länder würden ganz ihre Bedeutung verlieren. Man kann sich kaum vorstellen, dass Zölle und Kriege dann noch möglich sind“.

Künstler interessierten sich fürs Fliegen

Lilienthals Flugversuche und, in noch stärkerem Maß, die wenig später, nach der Erfindung des Motorflugzeugs durch die amerikanischen Gebrüder Wright ein­setzenden Flugschauen zogen scha­renweise Schaulustige an. Bemer­kens­wert ist, dass just in der Periode, als sich abzeichnete, dass der Traum vom Fliegen wirklich werden würde, das The­ma gerade bei Künstlern Aufmerksamkeit fand. Die ersten Luftauf­nah­men – entstanden in einer Montgolfière – stammten von dem Franzosen Félix Nadar. Dessen Freund Honoré Daumier stellte den Fotopionier in einer Lithografie von 1862 bei dieser Tätigkeit dar. Schon davor hatten fliegende Menschen oder geisterhafte Wesen Ein­gang in Goyas „Caprichos“ und „Dis­para­tes“ gefunden.

Félix Nadar, hier dargestellt in einer Karikatur von Honoré Daumier (1808–1879), gelangen die ersten Luftaufnahmen.
Félix Nadar, hier dargestellt in einer Karikatur von Honoré Daumier (1808–1879), gelangen die ersten Luftaufnahmen. | Bild: henrik elburn

Auch Hans Thoma, Max Klinger oder der Bildhauer Georg Kolbe beschäftigten sich künstlerisch mit dem Fliegen. Arnold Böcklin schickte sich in mehreren Versuchen sogar an, mittels selbst entwickelter Flugapparate den Luftraum zu erobern; allesamt scheiterten sie ziemlich kläglich. Der Maler wurde Zeuge von Lilienthals Flugschauen und begegnete ihm persönlich.

Der Sturz des Ikarus in einer Darstellung des aus Bernau im Schwarzwald stammenden Malers Hans Thoma (1888).
Der Sturz des Ikarus in einer Darstellung des aus Bernau im Schwarzwald stammenden Malers Hans Thoma (1888). | Bild: Dieter Conrads

Die erste Frau, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Motorflugzeug die Lüfte bereiste, war die preisgekrönte Bildhauerin Melli Beese – ein weiterer Beleg für die starke innere Affinität zwischen der Schwerelosigkeit künstlerischer Imagination und der Erdenthobenheit des Fliegens selbst.

Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts / Museum LA8, Lichtentaler Allee 8, Baden-Baden. Bis 8. März 2020, Di. bis So. 11-18 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.la8.de