Der Totalitarismus ist europaweit auf dem Vormarsch, und alle Warnungen vor einem Verlust an Meinungsfreiheit und Bürgerrechten scheinen vergeblich. Was hat auch ein Bürger zu befürchten, der bloß einen sicheren Job haben will, und dafür gerne auf politische Meinungsäußerungen verzichtet?

Eine Lappalie bedeutete Lebensgefahr

Mehr als die Appelle zur Bewahrung hehrer Werte würde es vielleicht helfen, die konkrete Gefahr im Alltäglichen zu beschreiben. Ist der demokratische Rechtsstaat nämlich erst einmal erodiert, steckt in jeder Lappalie potenziell Lebensgefahr. Welche Kleinigkeit genügt, um inhaftiert, deportiert oder getötet zu werden, beschreibt jetzt ein Roman, der an einem bislang eher wenig beachteten Schauplatz des Zweiten Weltkriegs spielt: Slowenien, damals Teil Jugoslawiens.

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Drago Jancar ist einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren dieses Landes. Als Ausgangspunkt für sein Buch „Wenn die Liebe ruht“ hat er sich eine Postkarte vorgenommen, die eine Szene in Maribor 1943 zeigt. Zu sehen sind zwei junge Frauen am Straßenrand. Eine blickt sich gerade um, hinter ihr marschiert nämlich ein Herr in Uniform vorbei. Schwarze Stiefel, grauer Rock: SS-Mann. Was kann aus einer solchen Situation entstanden sein?

Alter Freund aus Kindheitstagen

Jancar spekuliert: Die Blonde dreht sich um, weil sie in ihm Ludek erkennt, einen alten Freund aus der Kindheit. Wie viele andere in seinem Land hat er mit dem Einmarsch der Wehrmacht seine deutschen Wurzeln entdeckt.

Ankunft in Maribor 1941: Gauleiter Siegfried Uiberreither (Mitte). Bild: Heinrich Hoffmann
Ankunft in Maribor 1941: Gauleiter Siegfried Uiberreither (Mitte). Bild: Heinrich Hoffmann | Bild: Heinrich Hoffmann

Slowenien gehörte bis 1918 zur Habsburgermonarchie, Maribor hieß noch Marburg und war überwiegend deutsch-österreichisch geprägt. Die Angliederung ans spätere Königreich Jugoslawien erfolgte gegen den Willen der Bevölkerung, es kam zu Umsiedlungen, Vertreibungen, auch Erschießungen. Es war ein zerrissenes Land, das die Wehrmacht 1941 besetzte: Diejenigen, die sich eben noch als Deutschstämmige diskriminiert sahen, begrüßten die Eindringlinge als Befreier.

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Ludek gehört dazu, nennt sich jetzt Ludwig, zitiert gern Goethe und Schiller und ist bei der SS zum Obersturmbannführer aufgestiegen. Die junge Frau, die ihn entdeckt hat, heißt Sonja. In Graz hat sie Medizin studiert, doch ihre Identität ist slowenisch. Das hält sie nun aber nicht davon ab, Ludwig nachzulaufen und ihn um Hilfe zu bitten. Hilfe für ihren Freund Valentin, der seit Wochen im Gefängnis sitzt – grundlos als Partisan verdächtigt. Die plötzliche Eingebung am Straßenrand: Sie soll der Fehler ihres Lebens werden.

Zweck heiligt die Mittel

In einem System ohne Recht heiligt der Zweck jedes Mittel. Ludwig verspricht zu helfen. Aber nur, wenn Sonja ihn mal zu Hause besuchen kommt.

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Es ist kein einfaches Leben als SS-Mann in Maribor. Die Stimmung hat sich gedreht, seit immer mehr Bewohner in Kellern der Gestapo gelandet sind. Ludwig ist einsam, sehnt sich nach Kontakt. Sex gegen Hilfe? Das muss nicht sein Ansinnen sein – aber kann.

Sehnsucht nach Nähe

Sie sehnt sich nach ihrem Freund, er nach menschlicher Nähe und sexueller Befriedigung. Und so verstricken sich beide in eine Abfolge immer weiterer Fehlentscheidungen: Sonja entgeht nur knapp einer Vergewaltigung. Ludwig muss für die Freilassung Valentins mit dienstrechtlichen Konsequenzen rechnen. Einziger Ausweg: Sonja ins „Lager Nord“ einweisen. Sie wird an der Front als Prostituierte arbeiten müssen.

Unverhoffte Freiheit

Selbst für Valentin ist die unverhoffte Freiheit kein Segen. Aus den Gefängnissen der Gestapo kommt für gewöhnlich niemand mehr lebend heraus. Und wenn doch, so steht er unter Kollaborationsverdacht: als V-Mann, der den Deutschen Informationen über die Partisanen verschaffen soll.

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Will er überleben, muss er den Verdacht ausräumen. Zum Beispiel, indem er das Töten lernt: einen deutschen Soldaten. Töten, um selbst leben zu dürfen, so lautet die Spielregel im Krieg.

Schwere Schuld

Jancar zeichnet eine Welt, in der die Erfüllung einfachster Bedürfnisse schwere Schuld mit sich bringt. Menschen, die eigentlich nur das Gute wollen, sich dabei aber umso tiefer in die Logik des Bösen verstricken.

Für die Liebe ist kein Platz

Ursächlich dafür ist nicht nur das Fehlen rechtsstaatlicher Strukturen. Sondern auch der Zwang, sich in einer multiethnischen Region einer gesellschaftlichen Gruppierung, einer spezifischen Kultur anzuschließen. „Wir gegen die“ ist das Grundprinzip, dem sich in dieser Welt jeder zu unterwerfen hat: Zwitterstellungen, unklare Zugehörigkeiten werden nicht geduldet. Für etwas Vielschichtiges wie Liebe ist kein Platz.

Nüchterne Eleganz

Drago Jancar schreibt darüber mit nüchterner Eleganz. Sein allwissender Erzähler kommentiert nicht und enthält sich auch jeder sentimentalen Anwandlung. Gerade das verleiht dem Werk seine Glaubwürdigkeit, die Figuren machen mit ihren so plausiblen wie tragischen Handlungen die Widersprüche ihrer Zeit nachvollziehbar.

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Die dem Roman als Ausgangspunkt dienende Postkarte ziert das Cover der deutschen Übersetzung: Maribor als idyllisches Gebirgsstädtchen. Die Angst in den Seelen der Bewohner hält keine Fotografie für die Nachwelt fest.

Drago Jancar: Wenn die Liebe ruht. Roman, übersetzt von
Daniela Kocmut. Zsolnay-Verlag, Wien 2019, 400 Seiten, 25 Euro