Die Hamburger Staatsoper sucht für eine Inszenierung von Giuseppe Verdis „Falstaff“ freiwillige Akteure mit ganz besonderen Anlagen. Neben Spielfreude und selbstsicherem Auftreten ist eine beachtliche Konfektionsgröße gefordert: von „extrem korpulenten Kleindarstellern“ ist in der offiziellen Ausschreibung die Rede. Da möchte man nicht Opernkritiker sein.

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Wir erinnern uns: Drei Monate ist es her, da sah sich ein Kollege von der Tageszeitung „Die Welt“ einem Diskriminierungsvorwurf ausgesetzt. Er hatte von „dicken Frauen in engen Korsetten“ geschrieben. Eine Sängerin sah sich in ihrer Würde verletzt, das Wort „Bodyshaming“ machte die Runde. Wie man es sonst beschreiben soll, wenn ein Regisseur nun mal dicke Frauen in engen Korsetten zeigt, blieb offen.

Wer nicht in Verdacht geraten will, Bodyshaming zu betreiben, wird sich bei der Premiere des „Falstaff“ in Hamburg also gut überlegen müssen, wie er über die zu erwartenden Auftritte sprechen soll: „Dick“ sind diese Personen schon mal auf gar keinen Fall. Aber macht „extrem korpulent“ die Sache wirklich besser?

Verflixte Fallen

Es ist schon verflixt mit diesen Diskriminierungsfallen. Mancher stößt sich bereits am Wort „Kleindarsteller“. Erst „extrem korpulent“ und dann auch noch von kleinem Wuchs: Da wird aber wirklich eine Randgruppe vorgeführt!

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Nun liegt dieser Deutung eine Fehlannahme zugrunde. „Kleindarsteller“ meint nämlich gar nicht die Körpergröße, sondern allein eine Rolle mit geringfügigem Textanteil. Man ist darin ein bisschen mehr als ein Komparse (der nichts sagt, aber ein bisschen schweigend mitspielen darf) und noch ein bisschen mehr als ein bloßer Statist (der nur stumm auf der Bühne herumsteht).

Lieber „textarme Rollen“

Und dennoch: Auch in dieser Hinsicht könnten empfindliche Gemüter die Bezeichnung „klein“ als Herabwürdigung ihrer Arbeit verstehen. Sollte also besagter Kritiker dem Gedanken verfallen, nach der „Falstaff“-Premiere die Kleindarsteller zu loben – Vorsicht! Besser: „Interpreten textarmer Rollen.“

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Nur weil Opernhäuser „extrem korpulente“ Menschen suchen, dürfen wir diese noch lange nicht so bezeichnen. Ja, eigentlich dürfen wir so etwas nicht einmal denken! Sollten Sie sich bei einem Besuch des Hamburger „Falstaff“ bei dem Gedanken ertappen: „Gott, ist diese Person dick!“ So zögern Sie nicht, sich folgenden Satz vorzusagen: „Ich sehe gerade einen ganz und gar durchschnittlich gebauten Menschen in einer textarmen Rolle!“ Wenn wir alle so verfahren, gibt es bald kein Übergewicht mehr. Schon gar nicht auf Theaterbühnen.

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