Die Buchmesse war noch nicht eröffnet, da gab es schon den ersten Aufreger. Peter Handke, frisch gekürter Literaturnobelpreisträger, wurde als Lügner beschimpft, als einer, der „uns Leser für dumm verkauft“. Die Kritik kam nicht von irgendwem: Saša Stanišic hat am Montagabend mit dem Deutschen Buchpreis selbst eine der ganz großen Auszeichnungen abgeräumt. Als Jugendlicher war er einst vor serbischen Milizen aus seiner bosnischen Heimat geflohen. Vor Verbrechern, die nach Ansicht Handkes gar keine gewesen sind.

„Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten“, empörte sich Stanišic in seiner Dankesrede: „Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert, dass so was prämiert wird!“ Peter Handke hat diese Breitseite offenkundig zugesetzt, ein Journalistengespräch soll er wegen einer Frage zu Stanišic kurzerhand abgebrochen haben.

Saša Stanišic, frisch gekürter Träger des Deutschen Buchpreises, kritisiert die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke.
Saša Stanišic, frisch gekürter Träger des Deutschen Buchpreises, kritisiert die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke. | Bild: Andreas Arnold/dpa

Nun hat so ein zünftiger Dichterstreit dem Literaturbetrieb schon immer nur zum Vorteil gereicht. Und wer auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs ist, gewinnt den Eindruck: Von dieser Angelegenheit abgesehen hat sich die Stimmung im Vergleich zu früheren Jahren aufgehellt.

Schöngeistiges statt politischer Gereiztheit

Zwar gab es zur Eröffnung Warnungen vor antidemokratischen Strömungen. Die politische Gereiztheit aber – vor zwei Jahren war es sogar zu Schlägereien gekommen – hat sich inzwischen gelegt. Wo sich in den vergangenen Jahren Titel wie „Mit Rechten reden“ stapelten, liegt jetzt Schöngeistiges zum anstehenden 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin aus. Und statt völkisch tönender Gäste wie Björn Höcke schaut das smarte Kronprinzenpaar aus Norwegen vorbei.

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Es ist, als sehnten sich alle danach, endlich wieder über andere Themen zu sprechen als Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt. Zum Beispiel über Grimms Märchen. Die Autorin Felicitas Hoppe hat einige von ihnen herausgegeben und zwar für „Heldinnen von heute und morgen“. Es gehe darum, sagt sie, in „Dornröschen“ oder „Hänsel und Gretel“ die weiblichen Figuren neu zu entdecken. Die seien nämlich ganz anders als bislang bekannt: stärker, emanzipierter, aber auch gemeiner, bösartiger. Die Geschlechterdebatte, sie erreicht jetzt sogar das Rotkäppchen.

Die Geschlechterdebatte erreicht Grimms Märchen. Die Autorin Felicitas Hoppe hat eine Auswahl für „Heldinnen von heute und morgen“ getroffen.
Die Geschlechterdebatte erreicht Grimms Märchen. Die Autorin Felicitas Hoppe hat eine Auswahl für „Heldinnen von heute und morgen“ getroffen. | Bild: Reclam

Auch im Sachbuchsegment interessiert man sich wieder mehr für die Digitalisierung statt den Rechtspopulismus. Der Blogger Sascha Lobo beispielsweise warnt vor der künftigen Digitalmacht China.

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Es sei schon schlimm genug, dass wir uns an die tägliche Unterwerfung gegenüber US-amerikanischen Unternehmen wie Google und Facebook gewöhnt haben. Wenn wir aber demnächst in ähnlichem Umfang die Apps chinesischer Anbieter nutzen, werden wir die Kontrolle über unsere Daten auch noch einem strukturell autoritären statt demokratisch geprägten System anvertrauen. Die in China übliche Datenüberwachung des Bürgers erscheine uns hier in Europa immer so absurd, sagt er: „Dabei merken wir gar nicht, dass wir uns längst selbst schon ständig vermessen und bewerten lassen!“

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Was also tun? Welche Gesetze erlassen gegen diese Bedrohung? Wenn es nach Lobo geht, offenbar gar keine. Er setze auf eine Bewusstseinsveränderung des Einzelnen, auf „Einsicht statt Zwang“. Das freilich hat schon im Umgang mit den Digitalriesen aus Kalifornien nicht funktioniert.

Verkaufszahlen steigen wieder an

Auch der Buchhandel hat die Folgen der Digitalisierung zu spüren bekommen, über Jahre hinweg verzeichneten praktisch alle Verlage starke Rückgänge bei den Verkaufszahlen. Jetzt gibt es endlich Licht am Ende des Tunnels: Zum ersten Mal seit langer Zeit steigt die Kurve wieder leicht an. Manch einer spricht bereits von einer Trendwende.

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Und es gibt sogar wieder die spektakulären Erfolgsgeschichten. Zum Beispiel beim kleinen, gerade mal ein Jahr alten Kampa Verlag aus Zürich: gegründet von Daniel Kampa, einem 49 Jahre alten Verlagsexperten, der zuvor bei Diogenes sowie Hoffmann und Campe Karriere machte. Dort hat er offenbar einiges gelernt.

Kleiner Verlag mit großer Literatin

Denn schon kurz nach Gründung seines eigenen Verlags gelang Kampa sein erster Coup: John Simenon, Sohn des großen belgischen Schriftstellers Georges Simenon, überließ ihm die deutschsprachigen Rechte am Gesamtwerk seines Vaters. Und jetzt, nach gerade mal einjähriger Unternehmensgeschichte, führt er sogar eine aktuelle Literaturnobelpreisträgerin im Programm.

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk wurde nachträglich mit dem Literaturnobelpreis 2018 ausgezeichnet – ein Glücksfall für ihren deutschsprachigen Verleger in Zürich.
Die polnische Autorin Olga Tokarczuk wurde nachträglich mit dem Literaturnobelpreis 2018 ausgezeichnet – ein Glücksfall für ihren deutschsprachigen Verleger in Zürich. | Bild: Daniel Roland/AFP

Olga Tokarczuk, nachträglich für das Jahr 2018 ausgezeichnet, hatte lange nach einem Verlag für die deutsche Übersetzung ihres Tausend-Seiten-Romans „Die Jakobsbücher“ suchen müssen. „Es war ja auch ein ganz schönes Risiko“, sagt Kampa an seinem kleinen Stand fernab der großen Verlage wie Suhrkamp und Dumont. Nach ihren ersten Romanen hatte sich das deutsche Publikum nämlich kaum noch für die polnische Autorin interessiert, ihre Bücher waren nicht mal mehr lieferbar. Es gehört Mut und Fachwissen dazu, angesichts dieser Vorgeschichte in die Übersetzung eines solchen Wälzers zu investieren. Wenn auch noch ein bisschen Glück dazu kommt, kann ein kleines Zürcher Unternehmen die etablierten Verlagshäuser alt aussehen lassen.

Verleger Daniel Kampa bewies den Riecher des Jahres: Er hat die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk (rechts) im Programm.
Verleger Daniel Kampa bewies den Riecher des Jahres: Er hat die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk (rechts) im Programm. | Bild: Frank Rumpenhorst

„Noch vor einer Woche gab es für einen Termin mit Olga Tokarczuk gerade mal drei Anfragen“, erzählt der Verleger freudestrahlend und auch ein wenig triumphierend. „Jetzt könnte die Buchmesse noch acht Wochen weitergehen, sie würde trotzdem von morgens bis abends Interviews geben!“

Ein hoher Turm: Bücher von Gaby Hauptmann aus Allensbach:

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Die Geschichte vom unverhofften Nobelpreisverleger aus Zürich mutet an wie die moderne Variante eines Märchens der Brüder Grimm: ein wahr gewordenes Märchen, das symptomatisch steht für die neue Atmosphäre am deutschen Buchmarkt. Es ist die Hoffnung, dass sich mit Gründergeist und literarischer Kompetenz wieder gute Geschäfte machen lassen.

Die Frankfurter Buchmesse ist am Samstag, 19. Oktober, und Sonntag, 20. Otktober, für Privatbesucher geöffnet. Infos: http://www.buchmesse.de