Die Corona-Krise animiert Ausstellungshäuser weltweit zu einem neuartigen Geschäftsmodell: Kunst frei Haus, übers Internet direkt an den Rezipienten ins traute Heim geliefert. Man sieht ihn schon vor sich, den Ausstellungsbesucher der Zukunft: als Nutzer in Pantoffeln und Schl­abber­hose, mit Computermaus und Bier­chen neben der Tastatur, wie er gegen Bezahlung durch virtuelle Ausstellungen navigiert.

Geringere Versicherungssummen

Neben Virensicherheit von Prä­sen­ta­ti­onen dieser Art hätten sie für Museen noch weitere Vor­teile. Etwa den, dass die bei hochkarätigen Ausstellungen nicht selten immensen Versicherungssummen entfielen oder zumindest deutlich reduziert wür­den.

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Abgesehen von dem (freilich gravierenden) Nachteil, die Kunst nicht in echt zu sehen, hätte auch der Kun­stbe­trachter am Monitor Vorteile. So könnte er sich im virtuellen Rundgang un­gestört und völlig frei über den Parcours bewegen. Ist die Präsenz in Social-Me­dia-Kanälen für Museen und Galerien längst Pflicht, so existieren An­gebote in Sachen digitales Museum gerade bei vielen kleineren Ausstellungshäusern häufig noch nicht – bei Leuchttürmen wie der Staatsgalerie Stuttgart dagegen schon.

So sieht‘s Baden-Württemberg aus

  • Staatsgalerie Stuttgart: 17 774 der gut 30 000 digital er­fassten Objekte bietet das Museum aktuell im Internet an. Neben Ex­ponaten aktueller Son­deraus­stellungen und den über 1000 Objekten der Schausammlung findet man auf der Website mo­mentan 561 Werke inter­nationaler Kunst von 1900 bis 1980, dazu 3150 Zeichnungen aus der Sammlung – stets mit Objektdaten und Beschreibung – sowie weitere digitale Bildangebote. http://www.staatsgalerie.de
Wassily Kandinsky: Komposition, 1922. Bild: Staatsgalerie Stuttgart / Graphische Sammlung
Wassily Kandinsky: Komposition, 1922. Bild: Staatsgalerie Stuttgart / Graphische Sammlung | Bild: Staatsgalerie Stuttgart / Graphische Sammlung
  • Württembergisches Landesmuseum: Beim Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart kommt zu den annähernd 34 000 digitalisierten Objekten ein 3D-Rund­gang durch die Ausstellung „LegendäreMei­ster­Werke“ hinzu – eine Kulturgeschichte Württembergs im Zeitraffer. Einzelne Abbildungen sind frei verwendbar. Das Kunstmuseum kündigte noch für das Frühjahr eine Online­-Sam­m­lung seiner Bestände auf der dann relaunchten Website an. http://www.landesmuseum-stutt­gart.de
  • Kunsthalle Karlsruhe: Online in der Sammlung stöbern kann man auch auf der Seite der Kunsthalle Karlsruhe. Hans Thomas formidabel gezeichneter „Kopf der Mutter des Künstlers“ lässt sich hier so gut im Detail studieren wie Rembrandts Selbstbildnis um 1645/48. Die 7767 Objekte sind nach Gattungen, Tech­niken oder Epochen filterbar. Das Badische Landesmuseum bietet Teile seiner Sammlung online an (http://kata­log­.lan­desmuseum.de) und stellt täglich ein Objekt in einem Video vor. Der virtuelle Katalog der 8000 Kun­st­werke des 20. und 21. Jahrhunderts des ZKM Karlsruhe (http://zkm.de/de/sammlung­-archive) lässt sich nach Techniken, Titeln und Entstehungsjahren aufschlüsseln. An der Auflösung der Abbildungen könnte man hier wie bei den mei­sten bisher genannten Aus­stel­lungshäusern noch feilen. http://www.kunst­halle-karlsruhe.de
Besucherin in der Kunsthalle Karlsruhe: Aktuell lässt sich die Sammlung nur von zuhause aus besichtigen – online. Bild: Bruno Kelzer, kelzer.de
Besucherin in der Kunsthalle Karlsruhe: Aktuell lässt sich die Sammlung nur von zuhause aus besichtigen – online. Bild: Bruno Kelzer, kelzer.de | Bild: Bruno Kelzer | kelzer.de © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
  • Zeppelin Museum Friedrichshafen: Das Zeppelin Museum in Friedrichshafen hat gerade begonnen, seine Sammlung von 6000 Technikobjekten und 4000 Kunstwerken online zu stellen. Momentan sind 100 Objekte zugänglich. http://www.digitalesammlung.­zep­­pe­lin­-muse­um.­de
  • Biennale für aktuelle Fotografie: Auch das in den drei Städten Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg stattfindende Festival ist virtuell glänzend aufgestellt. Sein Motto: „The Lives And Loves Of Images“ (Leben und Lieben der Bilder). http://www.biennalefotografie.de
„She dances on Jackson“: Fotografie von Vanessa Winship, zu sehen in der Mannheimer Kunsthalle im Rahmen der Biennale für aktuelle Fotografie.
„She dances on Jackson“: Fotografie von Vanessa Winship, zu sehen in der Mannheimer Kunsthalle im Rahmen der Biennale für aktuelle Fotografie. | Bild: VanessaWinship

Zu allen sechs Ausstellungen werden 3D-Rundgänge im Netz angeboten. So nah, als stünde man unmittelbar davor, kann man sich dabei an jedes einzelne Ob­jekt heranzoomen. Wünschenswert wäre noch eine Einzelbilddarstellung in hochauflösender Bildqualität.

Und der Rest von Deutschland?

Legt man als Maßstab große Häuser zugrunde, die den Trend zur Digitalisierung bisher verschlafen haben, wie etwa die Schirn Kunsthalle in Frankfurt, schneidet Baden-Württemberg im Vergleich nicht schlecht ab. Nur ein Trostpflaster ist es ja, dass man auf der Schirn­-Website zahlreiche Abbildungen und kurze Texte zur Sonderausstellung „Fantastische Frauen“ findet.

  • Bayern: Dage­gen marschieren die großen bayerischen Museen im digitalen Sektor mit an der Spitze der Entwicklung. Beim Deutschen Museum in München, dem größten Technikmuseum weltweit, kann der Website-Be­sucher virtuell durch einen großen Teil der Ausstellungen flanieren (http://digital.deutsches-museum.de). Der Online-Katalog umfasst bereits gut 18 000 der über 100 000 Objekte des Museums. Auch die drei Pinakotheken (http://sammlung.pinakothek.de/de) bieten neben Galerien von Meisterwerken beispielsweise virtuelle Rund­gänge mit ausgewählten Werken an. Auch hier könnte man sich noch eine etwas bessere Auflösung der Abbildungen vorstellen.
  • Berlin: Ganz vorzüglich präsentieren sich die Staatlichen Museen zu Berlin (http://smb.mu­seum). Die weltberühmten Häuser der Museumsinsel wie das Pergamon­museum oder das Bodemuseum lassen sich in 3D­-Rundgängen erkunden (http://smb.museum/ueber-uns/google-arts-culture), die Sammlungen wie die der anderen Häuser in digitalen Katalogen durchblättern (http://smb-digital.de/eMuseumPlus). Dazu gibt es etliche 3D-Animationen oder, sehr ansprechend aufbereitet, „versteckte Ge­schichten hinter den Meisterwerken“: etwa zu Manets „Wintergarten“ oder Daubignys „Früh­lingslandschaft“. Und zwischendurch sieht man – wahrhaftig ein Erlebnis! – Nofretete in hoher Auflösung aus Zwiegesprächsdistanz tief in die Augen.

Frankreich und die Schweiz

Und wie sieht es mit den digitalen Angeboten bei unseren Nachbarn aus? Das Musée Unterlinden (http://musee-unterlinden.com/de) enttäuscht komplett, während das Kunstmuseum Basel mit schweizerischer Gründlichkeit seine umfangreiche Sammlung digitalisiert hat und zahlreiche Werke in hochauflösender Bildqualität ins Netz gestellt hat (http://kunstmuseumbasel.ch/de/sammlung/meisterwerke). Auch das Kunsthaus Zürich bietet die bis heute rund zehn Prozent digitalisierten Kunstwerke seiner hochkarätigen Sammlung im Netz an – mit Objektangaben und Werkbeschreibung.

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Selbstverständlich können digi­tale Angebote die unmittelbare Begegnung mit dem jeweiligen Original vor Ort mitnichten ersetzen. Immerhin ermöglichen sie es dem Betrachter, sofern eine hochauflösende Aufnahme zur Verfügung steht, dem Objekt so nah zu kommen wie selbst im Museum nicht.

Unerschöpflicher Fundus

Ein unerschöpflicher Bilderfundus in dieser Hinsicht ist die Website http://artsandculture.goo­gle­.com. Hier findet man zigtausend der berühmtesten Kunstwerke in hochauflösender Bildqualität: Werke von 129 Kunstrichtungen und annähernd 10 000 Künstlern (allein von Rembrandt werden nicht weniger als 2040 Gemälde und Grafiken geboten) – dazu virtuelle Rundgänge durch die be­rühm­testen Museen wie die National Gallery in London, die Uffizien in Florenz oder das Pariser Musée d‘Orsay, das Wiener Belvedere, das Rijksmuseum in Amsterdam (154 511 Objekte!) oder die Berliner Museen neben unzähligen weiteren Museen. – Digitale Querschnitte speziell durch deutsche Museumsammlungen bietet das Portal „museum-digital“ (http://nat.museum-digital.de): rund 350 000 kunst- und kulturgeschichtliche oder sonstige Objekte von annähernd 600 Museen.

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