Schon von weitem hört Buffo das Knarzen der Steinchen auf dem Schotterweg, der zum Windberghof hinauf führt. In Windeseile spurtet der schneeweiße Rüde zum Elektrozaun und bellt lauthals den Radfahrer an, der gerade auf dem Weg Höhenmeter sammelt. Ein paar Meter noch rennt der Herdenschutzhund bellend neben dem Mountainbiker her, bis er wieder zurück zu den Milchziegen trottet, die er und sein fünf Jahre älterer Kollege Lori beschützen.

„Alles, was sich dem Zaun nähert, wird verbellt – ob das Fußgänger, Radfahrer, Autos oder Traktoren sind“, sagt Vollerwerbslandwirt Holger Albrecht, der zusammen mit seiner Frau Martina und seinem Bruder Oliver den Windberghof bewirtschaftet, den sie 2003 gekauft und danach zwölf Jahre lang renoviert haben. Als zertifizierter Bio-Betrieb mit eigener Hofkäserei, Ziegen und Kühen produzieren sie im Windbergtal Käse, Fleisch und Wurst.

Holger Albrecht
Holger Albrecht | Bild: Susanne Gilg

„Das wirkt natürlich schon furchteinflößend, aber diese Hunde wollen gar nicht über den Zaun springen – sie sind nicht so aggressiv, wie sie tun“, sagt Albrecht. Präsenz zeigen und bellen – das ist ihr Auftrag. Die 30 Milch- und die 40 Jungziegen der Familie können im ganzen Windbergtal ungestört grasen – dank ihrer vier schneeweißen Leibwächter, die Lewin, Lori, Buffo und Bombina heißen. Jeweils zwei Hunde bewachen eine Herde. „Die Hunde sind immer bei den Ziegen, Tag und Nacht“, berichtet Holger Albrecht – und ergänzt: „Es ist ein beruhigendes Gefühl, wenn die Ziegen kilometerweit vom Hof entfernt sind.“

Vor sieben Jahren kamen Lewin und Lori aus der Schweiz zu den Albrechts. Die Rückkehr des Wolfs war nicht der Hauptgrund für den Entschluss, doch jetzt sind sie froh, vorbereitet zu sein. „Wir haben die Hunde angeschafft, um Hirsche fernzuhalten, die im Herbst immer wieder die Zäune zerstört haben“, berichtet Landwirt Albrecht, der nach seiner Ausbildung Agrarwissenschaften studiert hat.

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Die Ziegen seien durch die zerstörten Zäune immer kilometerweit in der Gegend verstreut gewesen. „Teilweise haben wir Wochen gebraucht, um sie wieder einzufangen.“ Und dass der Südschwarzwald Wolfserwartungsland ist, habe man damals auch schon absehen können. Über Bekannte beim Naturschutzbund (Nabu) sind die Albrechts an die Hunde gekommen und wurden Teil des Pilotprojekts „Herdenschutz in der Praxis“, in dem der Nabu und der Landesschafzuchtverband mit Blick auf die Rückkehr des Wolfs verschiedene Schutzmöglichkeiten testen wollten.

Das Projekt ist mittlerweile ausgelaufen und Holger Albrecht hat vor zwei Jahren weitere Verstärkung auf den Hof geholt: Buffo und Bombina. „Wir sind überzeugt von den Hunden und haben gute Erfahrungen gemacht“, sagt er. In ferner Zukunft kann sich der Landwirt auch vorstellen, die Hunde zu züchten.

Ein Schild mit Verhaltensregeln (rechts) macht Wanderer und Radfahrer darauf aufmerksam, dass im Windbergtal Herdenschutzhunde im Einsatz sind.
Ein Schild mit Verhaltensregeln (rechts) macht Wanderer und Radfahrer darauf aufmerksam, dass im Windbergtal Herdenschutzhunde im Einsatz sind. | Bild: Susanne Gilg

Der Windberghof scheint nahezu prädestiniert für den Einsatz von Herdenschutzhunden: „Wir liegen in einem Seitental, haben ringsherum keine Nachbarn und keine Weide direkt an einer Straße.“ Daher blickt er auch gelassen auf die Meldungen, dass seit sechs Monaten immer wieder ein Wolf nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt vom Windberghof gesichtet wurde.

„Seit sechs Monaten hält sich das Tier hier auf – und bisher ist nichts passiert.“ Durch die Hunde und seine Zäune sieht er sich gut geschützt und vorbereitet. „Der Wolf wird kommen – und der Landwirt muss damit leben.“

Die teils hitzigen Diskussionen um die Rückkehr des Raubtiers kann Albrecht nicht immer nachvollziehen: „Die Argumente vieler Landwirte sind berechtigt und verständlich, aber mir ist in den Diskussionen zu viel Emotion und zu wenig Verständnis.“ Keine Zugeständnisse machen zu wollen und nicht nach Lösungen suchen zu wollen, das kreide er an. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Landwirte immer unter Zeitdruck stehen und dass die Wertschätzung für die Arbeit oft fehlt“, sagt Albrecht. Doch es nutze nichts, sich pauschal gegen den Wolf zu positionieren.

„Man muss alle Argumente hören und gemeinsam eine Lösung suchen“, findet er, und fügt hinzu: „Wir haben in der Landwirtschaft viel größere Probleme als den Wolf: Weltweit gehen Agrarböden in erschreckendem Tempo verloren – zum Beispiel fallen der Erweiterung der Stuttgarter Messe beste Böden zum Opfer.“ Mit Blick auf die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sehe er die zunehmende Landversiegelung als ein viel größeres und drängenderes Problem der Landwirtschaft. „Der Wolf kann jeden Landwirt persönlich treffen – aber es interessiert den hiesigen Landwirt nicht, wenn in Stuttgart beste Böden verbraucht werden.“ Und das findet er schade. „Denn es gibt Möglichkeiten, sich vor dem Wolf zu schützen.“ Natürlich brauche es dafür Unterstützung.

Buffo bellt einen Radfahrer an.
Buffo bellt einen Radfahrer an. | Bild: Susanne Gilg

Klar ist Albrecht auch, dass die eigenwilligen Herdenschutzhunde, die mitunter 50 Kilogramm auf die Waage bringen, nicht für jeden Landwirt geeignet sind. „Man muss das schon wollen“, sagt er. Wie alles in der Landwirtschaft brauche auch die Zusammenarbeit mit den Schutzhunden Zeit: „Manche Ergebnisse sieht man erst nach zehn Jahren, das muss einem bewusst sein.“

Holger Albrecht blickt zufrieden auf die Entwicklung mit den vier Hunden. Als er sich der Herde mit den Milchziegen nähert, kommen Lori und Buffo schwanzwedelnd zu ihm, im Schlepptau die Ziegen. Auch wenn die Hunde zwischen Schafen und Ziegen aufwachsen, sollen sie sich vom Menschen nicht entfremden, ihm aber auch nicht zu sehr zugetan sein. Daher sei es am Anfang wichtig, dass immer wieder Menschen in den Stall kommen, in dem die Tiere dann noch bei ihrer Mutter sind. „Ansprechpartner ist das Tier, nicht der Mensch“, erklärt Albrecht. „Sonst würden die Hunde nicht bei den Ziegen bleiben, sondern mit Menschen mitgehen wollen.“

Seit die Hunde da sind, hat sich das Problem mit den Hirschen erledigt. Und dass Lori und Buffo ihre Aufgabe ernst nehmen, zeigen sie wieder, als zwei Spaziergänger neben der Weide laufen. „Am besten ist es, die Hunde einfach zu ignorieren, sie nicht anzusprechen und einfach weiterzugehen“, sagt Albrecht. Zwischenfälle gab es noch nie, wohl aber besorgte Anrufe und Nachfragen. „Das kann sich niemand leisten, dass ein Herdenschutzhund einen Fußgänger oder Radfahrer beißt.“ Und als ob er es gehört hätte, läuft Buffo wieder schnurstracks zur Herde zurück, die sich im Schatten eines Baums niedergelassen hat.

Weitere Infos zum Windberghof gibt es im Internet:
www.windberghof.de

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