Frohe Hausarzt-Kunde: Der drohende Versorgungskollaps in Schopfheim ist abgewendet. In Fahrnau wird in den Räumen der bisherigen Praxis von Dr. Magdalene Blessing unter dem Dach des Medi-Verbunds ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) öffnen. Bürgermeister Dirk Harscher ist froh über diese Lösung. Nicht nur, dass „jetzt erst einmal das Schlimmste abgewendet ist“. Auch könne das Konzept Grundstein für ein Schopfheimer Gesundheitshaus sein.

  • Die Situation: In Schopfheim drohte zum 1. Januar 2020 ein Hausärztemangel, weil in jüngerer Zeit mehrere Mediziner ohne Nachfolge in Ruhestand gegangen sind und nun zum Jahresende auch Dr. Magdalene Blessing und Jörg Suckow eigentlich das Stethoskop an den Nagel hängen, zumindest aber nicht mehr weiter alleine eine Praxis leiten wollten. Bis zu 5000 Patienten hätten keinen Hausarzt mehr gehabt. Ärzte und andere lokale Gesundheitsakteure hatten deshalb Druck bei Politik und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gemacht, etwa mit einer Unterschriftenaktion. Sie hatten im Hintergrund aber auch aktiv an Lösungsvorschlägen gearbeitet.
  • Die Lösung: So sind die hiesigen Ärzte, insbesondere Dr. Magdalene Blessing und die Grünen-Stadträtin Dr. Marianne Merschhemke, an der jetzt gefundenen Lösung maßgeblich beteiligt. Das betonten am Dienstag in einem Pressegespräch Bürgermeister Dirk Harscher, Wolfgang Fink von Medi-Verbund und Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Harscher bedankte sich ausdrücklich für das „große Engagement“ gerade auch dieser beiden. Anlass für das Pressegespräch am Dienstag war, dass eine frohe Botschaft verkündet werden konnte: Die Betreuung der Patienten der Praxen Blessing und Suckow ist weiter gewährleistet. Möglich macht das zum einen Medi-Verbund. Er führt die beiden Praxen an einem Ort – den Räumen der Praxis von Magdalene Blessing in Fahrnau – zusammen und baut ein (allgemein-)Medizinisches Versorgungszentrum auf. Zum anderen ist es ein Verdienst mehrerer Hausärzte, die gewillt sind, dort mitzuarbeiten – darunter auch Dr. Magdalene Blessing und Jörg Suckow selbst.
  • Das MVZ: Das MVZ, das am 7. Januar an den Start gehen soll, arbeitet unter dem Dach des Haus- und Fachärzteverbandes Medi-Verbund Baden-Württemberg beziehungsweise Medi-MVZ. Gründer, also Investoren, sind allerdings Ärzte aus dem Medi-Verbund, nicht der Verband selbst. Das Konzept sieht vor, dass sich die Medi-MVZ um die Verwaltungsaufgaben kümmert, die in einer Praxis anfallen. Außerdem beschäftigt es die Ärzte im Angestelltenverhältnis. Fünf Ärzte haben zugesagt, zum Start im MVZ tätig zu sein. Das Pensum variiert, reicht von zehn Wochenstunden bis hin zu einer Vollzeitstelle. Unterm Strich „ist das Pensum mit zusammen etwas mehr als drei Vollkräften größer als jetzt im Moment“, erläutert Fink. Zu Beginn sind mehrere bekannte Gesichter am Start: Außer Dr. Magalena Blessing und Jörg Suckow werden im MVZ auch Dr. Georg Friedrich Schröder und Dr. Axel Eisenmann tätig sein. Außerdem komplettiert die Ärztin Naseema Steigerwald-Shaik das Quintett erfahrener Allgemeinmediziner. Darüber hinaus sollen zwei angehende Ärzte in Weiterbildung das Team ergänzen. Diese personelle Ausstattung ermöglich es, das MVZ an fünf Tagen die Woche ganztags zu öffnen.
  • Die Vorteile: Seit 2017 hat die Medi-MVZ an vier Orten in Baden-Württemberg solche – wie sie Fink nennt – „Teampraxen“ gegründet. Sie reagiert damit auf einen Trend. Gerade jüngerer Mediziner kämen größeren Einrichtungen entgegen. Fink: „Immer mehr wollen keine eigene Praxis als Allrounder betreiben, sondern angestellt im Team arbeiten“. Im MVZ werde ihnen zum einen der Rücken von unliebsamer Verwaltungstätigkeit freigehalten, um sich allein um die Patienten kümmern. „Zum anderen können sie sich dort mit Kollegen auch austauschen.“ Von dieser Konstellation würden Ärzte, als auch die Patienten profitieren. So sieht das auch Kai Sonntag von der KV, die das Vorhaben unterstützt, in dem sie den Kontakt zwischen Medi-MVZ und den Schopfheimer Akteuren vermittelt hat. „Es ist nicht so, dass Ärzte nicht in den Ländlichen Raum gehen wollen.“ Wohl aber müssten die Arbeitsbedingungen attraktiv gestaltet sein. Das Schopfheimer MVZ sei so gesehen „ein Modell für die Zukunft der Ärzteversorgung und ein Gewinn für die Patienten.“
  • Die Aussichten: Fink bittet bei den Patienten um Nachsicht, wenn zu Beginn noch nicht alles rund läuft. „Normalerweise benötigen wir für so ein Projekt ein Jahr Vorlauf.“ In diesem Fall müsse das Ganze, weil der erste Kontakt erst im September stattfand, in einem Viertel der Zeit gestemmt werden. Fink spricht daher von einem „Prozess“, der Anfang Januar auch noch nicht abgeschlossen sei. Perspektivisch gehe es nicht nur um neue Ärzte – die meisten, die jetzt am Start sind, haben das Ruhestandsalter erreicht – sondern auch um neue Räume. Das sieht auch Bürgermeister Harscher so. Er sieht im MVZ in Fahrnau eine „Übergangslösung für die nächsten Jahre“. Längerfristig kann er sich im geplanten Kohlegässle-Quartier ein Gesundheitshaus vorstellen, in dem sich außer dem MVZ weitere Praxen ansiedeln. Das freilich sei erst denkbar, wenn der Campus gebaut ist, also nicht vor 2024/2025.