In Werkstätten entsteht Kreatives. Dabei muss nicht immer gehämmert und gesägt werden. In einer Serie werfen wir einen Blick in Werkstätten der Region und sind überrascht, was es alles zu finden gibt. Heute: Willi Raiber, der als Künstler bekannt für Metallskulpturen und große Wandgemälde ist, aber auch Comics zeichnet. 

Im Wohnzimmerregal reihen sich die Skizzenbücher aneinander. In einem hat Willi Raiber die Hände einer Stadtführerin festgehalten. Hände, die in eine Richtung deuten oder in Bewegung sind. Manche Zeichnung zeigen Personen mit Hintergrund, auf anderen Seiten sind nur körperlose Gesten der Hände skizziert.

Raiber wohnt in Degerfelden. 1973 ist er nach Rheinfelden gezogen. Gezeichnet wird im ganzen Haus. Am liebsten arbeitet er im Keller, wo er Künstlerwerkstatt und Zeichenatelier hat, aber im Wohnzimmer hat er auch einen Arbeitsplatz. Vor vielen Jahren hat Raiber schon Ritter-Geschichten gezeichnet, die stark an Prinz-Eisenherz-Comics erinnern.

Leidenschaft für Comics erwacht

Die bekannte Comicreihe inspirierte Raiber zum Zeichnen. In geringer Auflage ist seine Comicreihe „Unterwegs“ erschienen, in der ein kleiner Junge auf eine Traumbett-Seereise geht. Raiber verarbeitet oft Gesehenes und Erlebtes. In „Unterwegs“ hat er viele Kindheitserinnerungen eingewoben. Nächstes Jahr will er den sechsten Band der Reihe herausbringen.

Ein weiteres von Raibers Skizzenbüchern zeigt Ansichten des Wehratals. Hohe und enge Felsschluchten, Felsabgänge, ein Wasserfall, der weite Blick von oben ins Tal. Die Grobentwürfe macht er oft mit Kuli. „Ich bin eigentlich permanent am Zeichnen, wenn ich unterwegs bin“, sagt der 75-Jährige.

Sage wird zu einer Geschichte ausgeschmückt

Die Skizzen hat Raiber in seinem Comic über die Sage um das Kreuz auf dem Wildenstein im Wehratal verarbeitet. Der Wildenstein ist eine 200 Meter hohe Felspartie, die im tiefen Mittelalter dem Burgfräulein Agnes von Bärenfels Zuflucht vor dem verhassten Freier Kuno von Stolzenberg bot, als sie von der gleichnamigen Burg floh.

Ein Bild aus dem Comic über die Sage um das „Kreuz auf dem Wildenstein“.
Ein Bild aus dem Comic über die Sage um das „Kreuz auf dem Wildenstein“. | Bild: Horatio Gollin

„Die Sage ist eigentlich kurz und trocken, aber ich habe die Geschichte ausgeschmückt“, erzählt Raiber, der in Wehr aufgewachsen ist. „Ich habe Anfang und Ende genommen und dann meiner Fantasie freien Lauf gelassen.“ In Raibers Comic begleiten Zwerge und Gnome Agnes auf ihrer Flucht. Ein weißer Ritter tritt als Kunos Gegner auf, dessen Ende weniger ungewiss ist als in der Sage, in der er einfach im Wald verschwindet.

Skizzen einer Abtei dienen als Vorbild

Tage hatte Raiber im Wehratal verbracht und Skizzen gemacht. Er versuchte, die Abgeschiedenheit zu erfassen, die vor 1000 Jahren in dem unzugänglichen Tal geherrscht haben muss. Die Skizzen dienten als Bildhintergrund, in den er Agnes oder andere Figuren einsetzte. Für die Architektur der Burg Wildenstein orientierte er sich an Skizzen einer Abtei, die er besichtigt hatte.

Die finalen Zeichnungen hat er mit Tusche und schwarzen Faserstiften gemacht. „Aber das habe ich bereut, die sind nicht wasserfest. Das war dann beim Kolorieren ein Problem.“ Um ein druckfähiges Bild zu zeichnen und zu kolorieren, braucht es einen Tag, schätzt er. Die meiste Arbeit machten die Vorarbeit, die Recherche und das Anfertigen etliche Entwürfe in verschiedenen Ausführungen. „Der Text war für mich das schwierigste. Der sollte die Vergangenheit widerspiegeln und trotzdem verständlich sein“, erzählt Raiber.

Die verschiedenen Entwicklungsstufen eines Bildes.
Die verschiedenen Entwicklungsstufen eines Bildes. | Bild: Horatio Gollin

Die Pflege des Kreuzes auf dem Wildenstein übernehmen seit vielen Jahren die Wehrer Pfadfinder, die als Zwerge im Comic auftauchen. Zur Präsentation des Comics hat Raiber die Protagonisten der Geschichte auch auf Leinwand gebannt. Anders als in den Comics zeigt sich hier Raibers Malstil, wie man ihn auch von den großen Wandgemälden „Paris und Helena“ oder „Aphrodite“ im Seidenweberareal kennt.

„Diese alten Sagen sollte man nicht begraben und vergessen“, findet der Künstler. Die Menschen sollten sich unabhängiger von der Massenware machen, da durch die Globalisierung sonst die eigene lokale Geschichte verloren gehe. Zu der Comicumsetzung der Sage hatte Raiber ein Vortrag über archäologische Funde und Erkenntnisse über die Burg Wildenstein angeregt. „Jede Sage fußt auf einer älteren Sage. Es kann gut sein, dass die mittelalterliche Sage auf einer keltischen Sage beruht und meine Geschichte ist einfach eine weitere Überstülpung“, meint Raiber. „Burg Bärenfels, Agnes und der Wildenstein da kommt alles zusammen, da geht es los mit der Fantasie.“