Heinz Vesenmayer dürfte nicht nur einer der treuesten, sondern vor allem langjährigster Stammgast in dem Gasthaus sein. Bereits als Kind durfte er seinen Vater in die Germania begleiten. „Heinzi“ nennen ihn Conny und Marion Adler, die guten Seelen des Gastbetriebs, freundschaftlich. Auch er und seine Frau Karin haben an der bevorstehenden Schließung zu knabbern.

Ein schlichtes Gasthaus mit romantischer Gartenwirtschaft auf einer Postkartenansicht – die Germania wurde 1900 gegründet.
Ein schlichtes Gasthaus mit romantischer Gartenwirtschaft auf einer Postkartenansicht – die Germania wurde 1900 gegründet. | Bild: Martha Weishaar

„Wir hatten alle Familienfeiern in der ‚Germania‘. Unsere Hochzeit, die Silber- und Goldhochzeit, alle Taufen, Erstkommunionen, Schulentlassfeiern“, blicken die beiden wehmütig zurück. Dabei sind Vesenmayers beileibe nicht die Einzigen, die über die Schließung traurig sind. Denn die „Germania“ gehört für viele Menschen aus Bonndorf und der näheren Umgebung, wie man so schön sagt, „einfach dazu“.

Die Anfänge

Am 23. Dezember 1900 eröffneten Baptist Sattler und seine Frau Maria das kleine Gasthaus mit Gartenwirtschaft. In den 1930er Jahren übernahmen Frieda und Wilhelm Adler. Dieser war ein Bruder von Hans Adler, der hier vor genau 100 Jahren die gleichnamige Metzgerei und spätere Fleischwarenfabrik gründete. Rolf, der 1931 geborene Sohn von Frieda und Wilhelm Adler, erlernte im renommierten Hotel Adler in Hinterzarten hochwertiges Kochhandwerk und lernte dort Lina Ockenfuß kennen, seine spätere Frau.

Historische Aufnahme aus dem Gasthaus Germania: Stammtischrunde beim Cego-Spiel zusammen mit Wirtin Frieda Adler (links).
Historische Aufnahme aus dem Gasthaus Germania: Stammtischrunde beim Cego-Spiel zusammen mit Wirtin Frieda Adler (links). | Bild: Repro Stefan Limberger-Andris

Das Paar sammelte gemeinsam Berufserfahrung in Meersburg, führte anschließend das „Kurhaus Rothaus“. In den frühen 1960er Jahren übernahmen Lina und Rolf Adler die „Germania“. Sie verdoppelten die Sitzplatzkapazität durch einen Anbau auf rund 80 Plätze. Andererseits wurde der Terrassenbereich im Zuge der Neugestaltung der Bundesstraße eingeschränkt. Unter der Führung von Rolf und Lina Adler wurde aus dem vormals schlichten Gasthaus ein Restaurant für gehobene kulinarische Ansprüche, das weit über die Ortsgrenzen hinaus Bekanntheit erlangte.

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Vor 50 Jahren stieß Willi Sibold als Kochlehrling zur Familie. Und blieb bis auf den heutigen Tag treu. Mehr als 30 Köche und Köchinnen wurden in der „Germania“ ausgebildet. Gemeinsam mit Rolf Adler erlangte Willi Sibold regelmäßig Empfehlungen im Monatsmagazin „Der Feinschmecker“ – eine beachtliche Auszeichnung. „Uns war immer wichtig, dass unsere Gäste zufrieden sind“, fasst Willi Sibold das gemeinsame Wirken mit seinem „Chef“ bescheiden zusammen. „Der Feinschmecker“ nahm die „Germania“ in den Kreis der besten 500 Landgasthäuser Deutschlands auf. Solcherlei Würdigung hatte zur Folge, dass etliche Prominente den Weg in das Bonndorfer Hotel-Restaurant fanden. Willi Millowitsch, das Gesangsduo Baccara, Karl-Heinz Böhm, Peter Weck, Kurt-Georg Kiesinger, Christo und Jean-Claude oder auch Wolfgang Schäuble kehrten neben weiteren prominenten Persönlichkeiten bei Familie Adler ein.

Für die Einheimischen war die „Germania“ derweil nicht nur eine gute Adresse zum Essen. Vielmehr tobten sich hier in den zurückliegenden Jahren auch an der Fastnacht die Narren aus. Zeitweilig platzten die Räumlichkeiten am Hemdglunkerball oder auch am Fasnet-Sunndig, wenn Gruppen durch die Lokale ziehen, schier aus den Nähten. Die Narretei liegt „den Germanen“, wie sie gerne genannt werden, im Blut. Ihr Vorfahre Friedrich Sattler war in den 1920er Jahren selbst Narrenvater. Im Blut liegt Marion Adler auch die Liebe zur alemannischen Mundart. Ihre selbst verfassten Verse haben längst Kultstatus erlangt.

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Auch als Caterer war die „Germania“ zuverlässiger Partner für Veranstalter, Firmen oder Familien. Eine Veranstaltung des Autobauers Mercedes für 350 Gäste in der Stadthalle war die erste große Herausforderung. „Als da ein Bus nach dem anderen vorgefahren ist, wurde uns etwas mulmig“, erinnert sich Conny Adler. Im Lauf der Zeit gewann man jedoch Routine, stemmte Buffets für bis zu 650 Personen in der Stadthalle. Nebenbei waren die „Germanen“ 25 Jahre lang auf dem Wochenmarkt präsent, wirkten über viele Jahre hinweg mit ihren legendären Nikolaus-Baguettes beim Weihnachtsmarkt mit, initiierten auch die deutsch-französischen Abende mit Küchenchef Chevalier vom Hotel de la Source aus der französischen Partnerstadt La-Vôge-les-Bains.