Wenn am 26. und 27. Juli die Cross Country Mountain Bike-Rennen (XCO) im Rahmen der Olympischen Spiele übertragen werden, dann werden mit Sicherheit auch einige Bonndorfer vor den Bildschirmen sitzen. Auch in Sommerau wird mitgefiebert, denn die Physiotherapeutin Julia Hegar betreut in Japan die Schweizer Mountain Biker.

Jubel-Team – in Rio freute sich Julia Hegar (rechts) über den Erfolg der Sportler bei Olympia.
Jubel-Team – in Rio freute sich Julia Hegar (rechts) über den Erfolg der Sportler bei Olympia. | Bild: Privat

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat für die Spiele in Tokio das olympische Motto nun ergänzt. Ab sofort heißt es „Schneller, Höher, Stärker – Gemeinsam“ – oder auf Lateinisch „Citius, Altius, Fortius – Communiter“. Die internationale Solidarität setzt sich auch im Kleinen fort. Ob Sportler, Trainer, Betreuer, für alle im Team ist es ein Höhepunkt, einmal bei Olympia in offizieller Funktion dabei sein zu können. Für die Physiotherapeutin Julia Hegar sind es nach Rio 2016 schon die zweiten Olympischen Spiele. 2016 war sie mit der US-Delegation in Brasilien, in Tokio betreut sie die Mountain-Biker des Schweizer Verbands, und auch für die Leichtathleten darf sie Aufgaben übernehmen. Nach einem zehntägigen Hitzetraining in der Toskana war die Bonndorferin mit Wohnsitz in der Schweiz noch zu Hause in Sommerau. Sie nennt es ihre „Wohlfühloase“, wo sie sonst gern ein paar Tage verbringt, über die Wiesen und im Wald reitet. Diesmal war es nur ein Tag, aber vor dem Abflug nach Tokio wollte sie die Familie besuchen. Ein Stündchen nahm sie sich Zeit, um über die besonderen Umstände bei den olympischen Spielen und das Thema Spitzensport in Corona-Zeiten zu sprechen.

Julia Hegar muss als Physiotherapeutin zupacken können.
Julia Hegar muss als Physiotherapeutin zupacken können. | Bild: privat

Den amtierenden Olympiasieger von Rio kennt Julia Hegar sehr gut. Das Ausnahmetalent, der Schweizer Nino Schurter, ist Mitglied des Scott Sram Mountainbike Racing Teams. Es ist das Profiteam, mit dem sie seit 2017 das ganze Jahr fest zusammenarbeitet. Die 37-jährige Schwarzwälderin ist weit über die reine Physiotherapie ins Team eingebunden. Sie hilft allen als bedeutende Bezugsperson. Im Training und an Wettkampftagen übernimmt Julia Hegar auch organisatorische Aufgaben, kümmert sich um die Ernährung und geht einkaufen. „Wir sind wie eine Familie, ich bin die Mutter“, stellt sie scherzhaft fest. Und als größter Fan des Teams mit drei Schweizern und einer Amerikanerin fiebert sie natürlich bei jedem Rennen mit.

Pandemie bremst Rennkalender aus

Die Corona-Pandemie traf sie überraschend, das Team war gerade zum „Cape Epic“-Rennen in Südafrika gereist, als sie 2020 die ersten Nachrichten über die Krankheit hörten. „Es wurde jeden Tag brenzliger“, erinnert sie sich. Als das Rennen schließlich abgesagt wurde, dachten alle nur: „Wir müssen schnell heim, solange das noch geht“. Monatelang sah es dann aussichtslos aus, beim Blick auf den Rennkalender war es „als ob man ein Steak brutzelt, es aber nicht essen darf“.

Julia Hegar (links) versorgt den Rio-Olympiasieger Nino Schurter.
Julia Hegar (links) versorgt den Rio-Olympiasieger Nino Schurter. | Bild: privat

Das erste Rennen war ein Welt-Cup in der Tschechei im September 2020, es folgte die WM im September und die EM im Oktober. Alle im Team hatten Downs (Niedergeschlagenheit), dabei kann es leicht zu Depressionen kommen. Mental-Trainer, Autogenes Training und Yoga haben geholfen. Körper und Psyche waren weit mehr gefordert, als in normalen Jahren. Es galt für Julia Hegar und das Team, die eigenen Probleme zurückzustellen, die positive Stimmung musste transportiert werden. Alle im Team – vom Mechaniker bis zum Owner – freuten sich umso mehr, als Nino Schurter die Europameisterschaft gewinnen konnte. Glücklich ist Julia Hegar über die Tatsache, dass es im Profiteam bisher keinen einzigen positiven Corona-Befund gab.

Große Ehre

Dass sie für den Schweizer Verband zu den Olympischen Spielen reisen darf, freut sie nicht nur, es sei eine große Ehre für sie, mit dem Schweizer Kader und dem Ausnahmetalent Nino Schurter nach Tokio reisen zu dürfen. Auch der junge Matthias Flückiger ist ein Medaillenanwärter. Die Fahrer kennt sie sehr gut, die Wettkämpfe sehen natürlich mit allen Regeln und Vorsichtsmaßnahmen anders aus. Nicht nur, weil die Zuschauer fehlen. „Die treuen Fans, das besondere Flair am Rande mit Glocken und Tröten werden fehlen.“ Die Motivation sei trotzdem riesig. „Ein Mal Olympia im sportlichen Leben – das ist das absolute Highlight, egal ob mit oder ohne Podestplatz.“ Das Starterfeld ist wesentlich kleiner, bei den XCO-Weltcup-Rennen gehen über 100 Fahrer an den Start, in Tokio sind es zirka 40.

Spezielles Trikot sorgt für Abkühlung

Und beim Rennen wird es sicher sehr heiß. Ein spezielles Trikot und Liquid Ice am Rücken sorgen für Kühlung, die richtige Menge Flüssigkeit trinken ist enorm wichtig, das wissenschaftliche Team „Swiss Olympic“ hat perfekte Vorarbeit geleistet. Auf die Hitze haben sie sich zehn Tage in der Toskana vorbereitet. Das Leben in der „Bubble“ ohne Kontakt zur Außenwelt kann man sich nur vorstellen. 96 und 72 Stunden vor dem Abflug mussten Covid-Tests gemacht werden, der nächste folgte bei der Ankunft am Flughafen in Tokio. Ausflüge und jeglicher Kontakt mit den Einheimischen sind untersagt. Die ganzen Teams reisen sofort nach den jeweiligen Wettkämpfen wieder ab. Julia Hegar bleibt bis zum 2. August in Japan, sie betreut auch die Schweizer Leichtathleten, allerdings nur im Camp, nicht bei den Wettbewerben.

Und welche weiteren Pläne hat sie für die Zukunft? Sie lässt es noch offen, ist sehr zufrieden mit der jetzigen beruflichen Situation. Sie ist froh, dass sie nach ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin mit Prüfung 2009 schnell den Zugang zum Profisport gefunden hat, es ist ihre Welt. Cricketspieler in Neuseeland hat sie schon betreut und Rugbyspieler von Weltformat oder Profigolfer Adam Scott, der schon die Weltrangliste anführte. 2017 machte sie die Prüfung zur Heilpraktikerin, wenn es die Zeit zulässt, dann widmet sie sich aber auch gerne „ganz normalen Patienten“. Sie wirkt sehr energiegeladen und selbstbewusst, aber auf keinen Fall abgehoben.

Die MTB-Rennen finden gleich in der ersten Olympia-Woche statt. Am Montag, 26. Juli, sind die Herren an der Reihe, am Dienstag, 27. Juli, kämpfen die Damen um die Medaillen. Die Rennen starten jeweils um 15 Uhr in Japan, was 8 Uhr am gleichen Tag in Deutschland entspricht. Am Tag des Herren-Rennens überträgt das ZDF, am Folgetag die ARD.