Sie gilt als das berühmteste Süßwasserwrack in Europa und ist bis heute für hunderte Taucher jedes Jahr ein Sehnsuchtsort im Bodensee: die "Jura". Der stattliche Schaufelraddampfer sank am 12. Februar 1864, nachdem das Kursschiff "Stadt Zürich" ihn gerammt und den Rumpf aufgeschlitzt hatte.

Der Steuerstand der Jura
Der Steuerstand der Jura | Bild: Harald Utz

In knapp 40 Metern Tiefe nahezu gerade auf dem Kiel liegend, geriet die "Jura" fast 90 Jahre in Vergessenheit, bis sie Ludwig Hain zufällig fand. Und er behielt das Geheimnis des Fundorts weitere mehr als zehn Jahre für sich. Stattdessen reklamierte der Schweizer Hans Gerber, später nur noch "Jura-Hans" genannt, 1976 die Entdeckung des angeblich in Vergessenheit geratenen Wracks zunächst für sich. Dabei war alles ganz anders, und ein Tauchfreund von Ludwig Hain spielt bei dieser Geschichte eine wesentliche Rolle: Heinz-Günter Masermann, der 1961 zu den Gründern des Tauchsportclubs Friedrichshafen (TSCF) gehörte.

Ein Taucher am Wrack der Jura.
Ein Taucher am Wrack der Jura. | Bild: Karl-Heinz Weltz

Harald Utz vom TSCF ist nicht nur begeisterter Taucher und Unterwasserfotograf, sondern verwahrt im digitalen Vereinsarchiv auch alle Unterlagen und Fotos, die die wahre Geschichte der "Jura"-Entdeckung erzählen und belegen. Dazu gehört auch ein Amateur-Film von 2003, in dem Ludwig Hain und Heinz-Günter Masermann die abenteuerliche Story selbst erzählen. Masermann verstarb 2008 in Meckenbeuren, Hain ein Jahr später in Langenargen.

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Ludwig Hain tauchte nach dem Zweiten Weltkrieg im Auftrag eines Schweizer Unternehmers im Bodensee nach abgestürzten Kampfflugzeugen, um den Schrott zu verkaufen. Im Februar 1953 bat ihn die Witwe eines "Fliegers", nach der Maschine ihres Mannes vor Münsterlingen zu suchen. Mit seiner Helmtauchausrüstung wurde Hain vom Begleitboot aus in 30 bis 40 Metern Tiefe über den Grund des Sees gezogen – und stieß vor Bottighofen an etwas Metallenes. Er erkannte die Umrisse eines Schiffes, keines Flugzeugwracks. Dass er buchstäblich an der "Jura" hängen geblieben war, stellte er erst bei späteren Tauchgängen fest. Im Film erzählt Hain, dass er damals das Schifffahrtsamt in Zürich informiert habe und eine Bergung der "Jura" ein Thema war, aus Kostengründen aber nicht weiter verfolgt worden sei.

Ludwig Hain in seiner Helmtaucherausrüstung der 1950er-Jahre.
Ludwig Hain in seiner Helmtaucherausrüstung der 1950er-Jahre. | Bild: privat

Erst Jahre später gab Ludwig Hain sein Geheimnis preis – an Heinz-Günter Masermann, der ebenfalls für die Lindauer Tauchfirma Drexler im Einsatz war. Masermann besaß damals eine der ersten kommerziell einsetzbaren Unterwasserkameras. 1969 tauchte er hinab und machte wohl die ersten Aufnahmen vom Wrack, die heute der TSCF besitzt.

Heinz-Günter Masermann in seinem Tauchanzug.
Heinz-Günter Masermann in seinem Tauchanzug. | Bild: TSC Friedrichshafen

Sie zeigen noch die Schiffsglocke in der Halterung. Oder jenen aufrecht stehenden, weißen Schornstein, an dem Hain hängengeblieben war. Dann den Schriftzug "Jura" am Rumpf in mehreren Bildern oder die Klotüre, an der "Abtritt" stand. Alles Originalteile, die in den Folgejahren mit vielen anderen Stücken vom Schiffswrack verschwanden – vieles davon auf nimmer Wiedersehen in privaten Sammlungen.

Ein Schornstein der Jura, fotografiert von Heinz Masermann 1969.
Ein Schornstein der Jura, fotografiert von Heinz Masermann 1969. | Bild: Heinz Masermann
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Denn 1974 – und damit zwei Jahre vor der "Wiederentdeckung" durch Hans Gerber – tauchte der alte Dampfer ungewollt im Licht der Öffentlichkeit wieder auf. Masermann hatte Bilder von der "Jura" in einem Fotogeschäft entwickeln lassen, erzählt er in dem Film. Der indiskrete Inhaber habe davon einem Zeitungsreporter berichtet, der in Archiven – unter anderem auch in Friedrichshafen – Dokumente über die Schiffskollision von 1864 fand.

Am 20. April 1974 erschien in einer bayrischen Zeitung ein Artikel unter dem Titel "Lindauer Dampfschiff auf Seegrund entdeckt – Taucher hatte nach Kriegsflugzeug gesucht", der sich wie ein Lauffeuer um den See verbreitete. Bei Hain und Masermann riefen daraufhin -zig Leute an, um den Liegeplatz des Wracks herauszufinden. "Wir haben nichts verraten", sagen beide im Film. Die „Jura“ wurde trotzdem gefunden und schnell zum begehrten Ziel bei Tauchern. Tauchschulen und -vereine rund um den See bieten bis heute regelmäßig Touren zum versunkenen Raddampfer an.

Die ersten Buchstaben des Schriftzugs an der Jura, fotografiert 1969 von Heinz Masermann.
Die ersten Buchstaben des Schriftzugs an der Jura, fotografiert 1969 von Heinz Masermann. | Bild: Heinz Masermann

Die Veröffentlichung blieb nicht ohne Auswirkungen. Als Heinz-Günter Masermann mit der Kamera Anfang der 1980er-Jahre den Zustand der "Jura" erneut dokumentierte, weil er mit Ludwig Hain eine Initiative zur Bergung des Schiffes vorbereitete, "war nichts mehr so wie 1969", stellte er im Film fest. Vor allem die vielen Annäherungsversuche von Booten, deren Schleppanker das Wrack beschädigten, haben Spuren hinterlassen. Das Wrack wurde regelrecht geplündert, vieles abgebaut und als Trophäe mitgenommen.

Der Aufruf von Ludwig Hain und Heinz-Günter Masermann, um Spender für die Bergung der "Jura" zu finden.
Der Aufruf von Ludwig Hain und Heinz-Günter Masermann, um Spender für die Bergung der "Jura" zu finden. | Bild: Cuko, Katy

Die Bemühungen von Hain und Masermann, Unterstützer und Geldgeber für die Bergung und Restaurierung des Wracks zu finden, liefen ins Leere. Erst viele Jahre später plante die Stiftung Historische Schifffahrt Bodensee, das berühmte Schiffswrack zu heben. Schließlich ist die "Jura" das älteste existierende Dampfschiff, die rund 70 Jahre vor der "Hohentwiel" in Betrieb ging. Doch alle Bemühungen scheiterten, vor allem wegen der Kosten, die die Stiftung auf 3,5 Millionen Euro taxiert hatte. Im Dezember 2004 wurde die "Jura" schließlich als "Unterwasser-Industriedenkmal" vom Regierungsrat des Kantons Thurgau unter Schutz gestellt – um zumindest weitere Souvenirjäger fern zu halten.

Die Schiffsglocke der "Jura" am Seegrund. Heinz-Günter Masermann hat die Glocke als Einziger unter Wasser fotografiert.
Die Schiffsglocke der "Jura" am Seegrund. Heinz-Günter Masermann hat die Glocke als Einziger unter Wasser fotografiert. | Bild: Heinz-Günter Masermann
Die von der "Jura" geborgene Schiffsglocke steht heute im Seemuseum Kreuzlingen.
Die von der "Jura" geborgene Schiffsglocke steht heute im Seemuseum Kreuzlingen. | Bild: Harald Utz

Wie die Schiffsglocke der "Jura" ins Seemuseum Kreuzlingen kam

Viele Jahre war die Schiffsglocke der "Jura" verschollen. Heute steht sie im Seemuseum Kreuzlingen, wo sie ausgestellt ist.

Ludwig Hain und Heinz-Günter Masermann wurde nach Tauchgängen zur "Jura" klar, dass sie nicht mehr die Einzigen waren, die den Liegeplatz des Schiffswracks kannten. Somit stieg die Gefahr, dass Inventar des Dampfers verschwinden würde. Wann genau die beiden beschlossen haben, die Schiffsglocke zu sichern, ist schwer festzustellen. Bis dato sind nur Fotos von Heinz-Günter Masermann aufgetaucht, die die Glocke der "Jura" in der Origninalverankerung auf dem untergegangenen Schiff zeigt.

Auf seiner Internetseite schreibt "Jura-Hans" Hans Gerber am 19. Oktober 2015 über das "mysteriöse Auftauchen" der Glocke. Er habe immer geglaubt, dass Ludwig Hain vor ihm der einzige Taucher an der Jura war, räumt aber ein, dass es noch eine Zweiten gegeben haben muss. Er behauptet in dem Beitrag, Ludwig Hain habe ihm erzählt, die Glocke verscherbelt zu haben, wohin, habe er nicht mehr gewusst. Gerber gab an, er habe das Stück über einen Antiquitätenhändler von einer Witwe gekauft, die damit den Auftrag verband, "dass die Glocke auch irgendwann ins Seemuseum gelange".

In dem Film von 2003, in dem Hain und Masermann interviewt werden, erklärt der Sprecher, das viele Teile der "Jura" in privaten Sammlungen verschwunden seien. Und dann sagt er: "Die Schiffsglocke wurde schon lange in Sicherheit gebracht und wird sicher irgendwann in einem Museum zu finden sein."

Letztlich erfüllte sich dieses Vermächtnis, auf welchem Umwegen auch immer. Im April 2012 eröffnete das Seemuseum Kreuzlingen eine Sonderausstellung über die "Jura", die bis heute zu sehen ist – auch die Schiffsglocke. Übrigens: Das im Seemuseum Kreuzlingen ausgestellte Modellschiff der "Jura" hat ein Häfler in mühsamer Arbeit gebaut: Frank Rheiner.