Die anhaltenden Engpässe bei der Impfstofflieferung bringen nun auch den Zeitplan der baden-württembergischen Impfkampagne durcheinander. In den rund 50 Kreisimpfzentren (KIZ) werden die ersten Spritzen deshalb eine Woche später als ursprünglich geplant aufgezogen.

„Grund hierfür sind die Impfstofflieferungen durch den Bund“, teilte das Gesundheitsministerium am Donnerstag in Stuttgart mit. Das Land habe bisher knapp 170.000 Impfdosen erhalten, die alle bereits aufgezogen oder verplant seien.

Erst am 18. Januar wieder Impfstoff

Eine weitere Lieferung an Impfstoff werde für dieses Wochenende erwartet, hieß es. Erst am 18. Januar gebe es dann wieder Impfstoff vom Bund, der anteilig den Kreisimpfzentren zur Verfügung gestellt werden soll.

„Es ist nicht möglich und auch nicht sinnvoll, diesen Impfstoff eine Woche lang bis zum Start der Kreisimpfzentren zu bunkern“, sagte Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne). „Wir haben immer gesagt: Jede Impfdosis, die hier ankommt, wird auch sofort verimpft.“

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Es mache daher keinen Sinn, die Infrastruktur in den Kreisimpfzentren hochzufahren, wenn kein Impfstoff zur Verfügung stehe.

Kreisimpfzentren starten am 22. Januar

In Baden-Württemberg soll es insgesamt 50 KIZ geben, die meisten davon sind bereits startklar. Weitere neun Zentrale Impfzentren (ZIZ) setzen seit Ende Dezember die ersten Spritzen.

Während die ZIZ bereits seit Mitte Dezember betriebsbereit sind, sollte es auf Kreisebene eigentlich ab dem 15. Januar 2021 losgehen. Nun wird der Start auf den 22. Januar verschoben.

Nach den Berechnungen des Ministeriums sind für die Kreisimpfzentren täglich etwa 800 Impfungen geplant. Später im Jahr soll die Impfung auch beim Hausarzt möglich sein.

Was bedeutet das für unsere Region?

Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurde Landrat Sven Hinterseh am Donnerstagmorgen über den späteren Start der Kreisimpfzentren informiert, wie er gegenüber dem SÜDKURIER sagt: „Das ist schade, wir sind gerichtet.“

Die Hoffnung auf einen früheren Impfstart hat er aber noch nicht aufgegeben: „Derzeit führen wir Gespräche mit dem Land. Eventuell könnten mobile Teams schon früher mit den Impfungen in den Alten- und Seniorenheimen beginnen.“

Mit einer Beantwortung dieser Frage rechnet er sehr bald. Impftermine müssen trotz der Verschiebung nicht neu vergeben werden. Denn: „Wir konnten bislang aus technischen Gründen noch gar keine Termine vergeben. Das liegt aber nicht an uns, sondern am Land“, sagt der Schwenninger Impfzentrumsleiter Daniel Springmann.

Betroffen von der Verschiebung ist auch das Kreisimpfzentrum in Friedrichshafen. Auf dem Messegelände war bereits im Dezember ein Impfzentrum eingerichtet worden.

„Das ist mehr als bedauerlich“, so Landrat Lothar Wölfle auf SÜDKURIER-Anfrage zur Verzögerung. Wenn das Land den Impfstoff nicht beschaffen könne, mache es aber auch keinen Sinn, den Menschen Hoffnungen zu machen, die dann nicht erfüllt werden können.

Der Landrat bleibt zuversichtlich: „Dass die EU jetzt einen weiteren Impfstoff zulässt, gibt dann doch eine gewisse Hoffnung, dass nach schleppendem Start die Impfungen im Laufe der Zeit in größerem Umfang durchgeführt werden können.“

Glücklicher Zufall in Singen

Die Bürger im Landkreis Konstanz, die bereits einen Termin für den 15. Januar haben, dürfen sich freuen. Denn sie werden geimpft, ein Einzelfall in Baden-Württemberg!

Doch wie kommt es dazu? „Es lief wohl so ab, dass die KIZ im Land bereits Terminslots in das System einpflegen konnten, ohne dass diese jedoch vom Plattformbetreiber des Bundes KV Digital (Anmerk. d. Red.: Kassenärztliche Vereinigung) freigeschaltet wurden. Aus Versehen wurden wohl die KIZ-Termine in Singen für einen kurzen Zeitraum freigeschaltet“, antwortet eine Pressesprecherin des Sozialministeriums auf eine Anfrage des SÜDKURIER. Durch diese organisatorische Panne hat Singen also eine kleine Dosis Impfstoff beschert.

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Lieferungen nach Baden-Württemberg wohl weiterhin auf niedrigem Niveau

In den vergangenen Tagen war breite Kritik an der Strategie der Bundesregierung und auch der Länder für das Beschaffen, Verteilen und Spritzen der Impfdosen laut geworden. Oppositionspolitiker und Landespolitiker hatten Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgeworfen, dass der Impfstart schlecht laufe und er dafür verantwortlich sei.

Eine Entspannung auf kurze Sicht erhofft sich das Gesundheitsministerium auch nicht durch die jüngste EU-Zulassung des Impfstoffes des US-Unternehmens Moderna. „Es ist gut, dass nun ein weiterer Impfstoff zugelassen wurde“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Dies werde die Situation auf längere Sicht entspannen.

„Von heute auf morgen ist jedoch auch durch den Moderna-Impfstoff keine nennenswerte Steigerung der Impfungen im Land möglich, da die Lieferungen nach Baden-Württemberg – wie in allen anderen Bundesländern – wohl weiterhin auf niedrigem Niveau bleiben“, sagte er weiter.

Bis Donnerstag wurden laut Ministerium landesweit 42.899 Menschen geimpft. Die meisten der bundesweit Geimpften wurden nach Angaben des Robert Koch-Instituts aus beruflichen Gründen geimpft. Es kann sich dabei zum Beispiel um Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte mit sehr hohem Ansteckungsrisiko und um Personal in der Altenpflege handeln.

Zudem wurde das Präparat inzwischen bundesweit mehr als 168.000 Bewohnern von Pflegeheimen verabreicht. Die Impfungen können derzeit auch wegen hohen Alters und/oder aus medizinischem Anlass geboten sein.

Impfstoff überall Mangelware

In Baden-Württemberg erklärt sich die Diskrepanz zwischen den 170.000 erhaltenen Impfdosen und den bislang mehr als 42.000 gespritzten Portionen unter anderem durch die notwendige zweite Impfung, für die etwa die Hälfte der Lieferungen zurückgehalten wird. „Zweitens kommt es letztlich auf die Strategie an“, sagte der Ministeriumssprecher.

„Ein Bundesland, das zunächst vor allem auf mobile Impfteams in Pflegeheimen setzt, wird am Ende auch eine niedrigere Impfquote haben als ein Land, das am Anfang bereits stark in Zentren impft.“ Impfungen durch mobile Teams in Heimen müssten geplant, die Anfahrten organisiert werden.

„Es vermag zwar auf den ersten Blick in der Statistik besser aussehen, schnell zu impfen“, sagte der Ministeriumssprecher. Es mache aber am Ende keinen Unterschied, denn der Impfstoff sei überall Mangelware und es könne nur genutzt werden, was geliefert werde.

Die FDP gibt sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Lucha habe stets gewusst, wie viel Impfstoff das Land erhalte. „Wenn er nun behauptet, es sei zu wenig geliefert worden, so will er nur von seiner eigenen organisatorischen Überforderung ablenken“, sagte FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Er schlug erneut vor, ältere Menschen durch die Krankenkassen einladen zu lassen.