Herr Bronner, die Schule, an der Sie unterrichten, das Friedrich-Gymnasium Freiburg, ist eine von 18 Tablet-Modellschulen in Baden-Württemberg. Das heißt: Für Sie ist Corona kein Problem, oder?

Ja, genau so ist es. In unseren Tablet-Klassen läuft der Unterricht jetzt fast normal weiter. Heute Morgen bei unserer Videokonferenz habe ich einen Heftaufschrieb gemacht, wir hatten ein Lehrer-Schüler-Gespräch, Schüler haben zu Hause ein physikalisches Experiment durchgeführt und dazu ein Erklärvideo erstellt. Die Filme wurden in die Cloud geladen, wo sich die anderen die Videos anschauen konnten. Anschließend gab‘s eine Online-Bewertung, das heißt, die Schüler haben sich gegenseitig bewertet, wie gut die Aufnahmen und die Erklärungen waren. Für die Schüler ist dieser Unterricht auf die Ferne möglich, das hat vom ersten Tag an funktioniert.

Patrick Bronner ist Lehrer für Mathe und Physik in Freiburg.
Patrick Bronner ist Lehrer für Mathe und Physik in Freiburg. | Bild: Patrick Seeger

Patrick Bronner, 41, stammt aus einer Bäckerfamilie in Freiburg.

Was braucht man an technischer Grundausrüstung, damit so ein Unterricht auf die Ferne funktionieren kann?

Sie brauchen erst mal einen leistungsfähigen Schulserver, auch wegen des Datenschutzes. Bei uns haben alle 400 Schüler eine Schul-E-Mail-Adresse. Ich kann als Lehrer der gesamten Klasse 8b eine E-Mail schreiben und auch mit Klarnamen agieren. Ganz wichtig ist außerdem die Schul-Cloud, mit der wir heute Morgen ein bisschen Probleme hatten, weil noch nie so viele Menschen zugleich mit großen Dateien auf die Cloud zugegriffen haben. Das ist eine Herausforderung, die wir leider selber lösen müssen. Da sind wir auf uns alleine gestellt – und das ärgert mich total.

Sie sind ja Lehrer an der Schule – und gleichzeitig der IT-Administrator?

Genau. Ich bekomme zwei Stunden pro Woche dafür angerechnet – das reicht aber hinten und vorne nicht, um 170 Tablets, 17 iMacs, das WLAN-System mit 45 Sendern zu betreuen, und jetzt den kompletten Cloud-, Mail- und Server-Support… Was wir eigentlich bräuchten, wären Schulträger, die an allen Schulen das gleiche Serversystem stehen haben und das auch intensiv pflegen.

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Aber wenn nicht gerade der Server zusammenbricht, läuft es?

Ja! Ansonsten lief es rund. Wir haben uns ja schon zwei Wochen, bevor die Schulen geschlossen wurden, auf den Fall vorbereitet. Wir dachten uns: Wenn in Italien die Schulen schließen, ist es bei uns auch nicht mehr weit. Also haben wir ein Video-Konferenzprogramm auf dem Server installiert, und noch am Montag vor der Schulschließung eine Lehrerfortbildung gemacht, damit sich alle damit auskennen.

Wie steht denn Baden-Württemberg da, was die technischen Voraussetzungen für den Fernunterricht angeht?

Die Schulen sind komplett unterschiedlich ausgestattet. Das meiste hängt vom Schulträger ab, also der Kommune oder dem Kreis. Aktuell, durch den neuen Digitalpakt, müssen sich die Kommunen teilweise zum ersten Mal ein Gesamtkonzept überlegen. Bislang gibt es häufig einen Wildwuchs von Einzellösungen an den Schulen. Jede Schule kocht ihr eigenes Medien-Süppchen. Die Corona-Krise wird das Bildungssystem in Baden-Württemberg vermutlich viel stärker prägen als alles, was das Land in den vergangenen Jahren bei der Digitalisierung gemacht hat. Plötzlich merken alle: Wow, Digitalisierung ist ja wichtig. Und es wird auch klar, welche Chancen digitale Medien in der Bildung haben. Ich unterrichte zum Beispiel das Thema binomische Formeln per Fernunterricht. Anschließend gibt es einen Mathetest ohne Noten über das Lernportal bettermarks, und sobald der Schüler abgibt, bekommt er neben dem Ergebnis eine vollständige Korrektur: Ihm und auch mir als Lehrer werden die Aufgaben angezeigt, die er falsch hat. Dann sag ich dem Schüler: Guck mal, das sitzt noch nicht bei Dir, mach bitte Übungsaufgaben zum Thema auf dem Lernportal. Und in einer Woche schreiben wir den gleichen digitalen Test noch mal, dann will ich sehen, dass Du Dich verbessert hast.

Schüler arbeiten im Friedrich-Gymnasium im Unterricht mit dem Smartphone. Ein Projekt von Bronner und seinen Kollegen.
Schüler arbeiten im Friedrich-Gymnasium im Unterricht mit dem Smartphone. Ein Projekt von Bronner und seinen Kollegen. | Bild: Patrick Seeger

Sie unterrichten Mathe und Physik. Das sind Fächer, die digital gut funktionieren, weil es da konkrete Ergebnisse gibt. Gibt es auch Fächer, in denen das nicht klappt? Wie zum Beispiel Deutsch?

Digitalisierung klappt in allen Fächern. Jedes Fach braucht andere Apps und Lernplattformen. Im Fach Deutsch ist zum Beispiel die App Padlet zu empfehlen. Da kann die ganze Klasse an einem Dokument arbeiten – das funktioniert auch im Fernunterricht. Bei der Mathe-Plattform, von der wir vorhin gesprochen haben, haben sich in den letzten Wochen über 300 000 Schüler angemeldet, sodass die total überfordert waren und erst mal die Anmeldung geschlossen haben. Das heißt: Die ganzen Systeme waren schon da, nur haben sich die wenigsten Lehrer dafür interessiert. Da herrscht ein riesiger Fortbildungsbedarf.

Wie sieht Ihr Schultag in Zeiten von Corona aus?

Ich habe noch keine Kinder, die ich betreuen müsste, wie viele meiner Kollegen. Deshalb halte ich mich an den ganz normalen Stundenplan. Ich schreibe den Schülern eine Mail, mit den Arbeitsblättern, dem Stundenverlauf, dem aktuellen Zugangscode für die Videokonferenz und den neuen Hausaufgaben. Alle Schüler, die nicht können, zum Beispiel weil sie auf jüngere Geschwister aufpassen, müssen an der Videokonferenz nicht teilnehmen. Die können die Stunde nachmittags oder abends eigenständig nachholen. Trotzdem sind meist 90 Prozent der Schüler im Video-Chat anwesend.

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In einer Videokonferenz können alle Schüler miteinander und mit Ihnen reden?

Ja. Die Schüler haben aber auch Online-Meeting-Karten – das ist ganz nett: Da steht zum Beispiel drauf „Ja“, „Nein“, Gefällt mir“, „Lauter sprechen“ oder „LOL“. In der Videokonferenz ist das Mikro aus, wenn man nicht redet – sonst hört man jedes Rascheln. Ich spreche und fragt dann: Max, was meinst du dazu? Und dann macht er das Mikro an. Max darf aber auch einfach so dazwischenquaken, wen er etwas nicht verstanden oder eine andere Meinung hat.

Die Schüler sehen sich auch gegenseitig – und haben noch so ein bisschen Klassengefühl.

Ja, und das ist ganz wichtig. Lernen ist ein sozialer Prozess. Das passiert im Klassenverband, durch gegenseitigen Respekt, durch Vorbildfunktion, durch Lob, auch durch Enttäuschung. Deswegen sind digitale Medien im Lernprozess nur ein Hilfsmittel. Es kommt nach wie vor auf den Lehrer an. Ohne engagierte und motivierte Lehrer geht es auch im digitalen Zeitalter nicht.

Patrick Bronner wurde 2006 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet, gemeinsam mit seinem Team am Friedrich-Gymnasium in Freiburg, wo mit Hilfe von Tablets und Smartphones unterrichtet wird.
Patrick Bronner wurde 2006 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet, gemeinsam mit seinem Team am Friedrich-Gymnasium in Freiburg, wo mit Hilfe von Tablets und Smartphones unterrichtet wird. | Bild: Richard Kiefer

Was fehlt Ihnen in dieser Corona-Zeit am meisten?

Der direkte Schülerkontakt, das Soziale. Ich hocke jetzt acht Stunden an meinem Schreibtisch zu Hause. So eine Videokonferenz ist toll, schon weil mir keiner reinquatscht (lacht). Aber gerade das macht ja die Dynamik im Klassenzimmer auch aus – und das fehlt.

Was, würden Sie vermuten, fehlt Ihren Schülern am meisten?

Ich würde sagen: die Schule! Diese gibt Struktur, einen geregelten Tagesablauf. Da komm ich als Schüler auch aus meiner Familie raus. Nicht in jeder Familie herrscht zu Hause Friede, Freude, Eierkuchen. Neben der Struktur vermissen die Schüler natürlich das soziale Miteinander. Über andere lästern und alles, was Schule so ausmacht… Auch die Angebote, die Schule sonst noch macht: Theater-AG, Musik-AG, Chor, Bigband und Philosophie-Kurs. Da, wo die meisten ihren Selbstwert rausholen.

Das Friedrich-Gymnasium setzt als Modellschule verstärkt auf digitale Hilfsmittel, aber setzt dabei auch Grenzen:

Wird Unterricht nach Corona anders aussehen?

Auf jeden Fall. Ich behaupte, dass die Corona-Krise das Lehren und Lernen nachhaltig beeinflussen wird. Gerade bei der Digitalisierung wird jetzt klar, was möglich ist. Und auch im Umgang miteinander: Eine Pädagogik, die nur auf Druck und Kontrolle fußt, greift jetzt gar nicht mehr. Wir brauchen das Vertrauen der Schüler, zum Beispiel darin, dass sie die Videokonferenzen nicht boykottieren und selbstständig arbeiten. Den Schülern auf Augenhöhe zu begegnen, das ist ganz wichtig – und es zeigt sich jetzt, dass es nur so geht.

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