Der Satz, auf den alle gewartet haben, fällt am Freitag ganz am Anfang, gleich nachdem Cornelie Eßlinger-Graf, Vorsitzende Richterin an der 4. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts, das Strafmaß von fünf Jahren Jugendstrafe gegen Mert T. verkündet hat. „Dass Sie ein Mörder sind, konnten wir nicht feststellen“, sagt die Richterin.

Der Unfallort: Mit über 100 km/h rammte der Jaguar (Bildhintergrund) in die Seite des Kleinwagens, der in einer Ausfahrt stand. Beide Insassen des Citroen wurden durch die Wucht des Aufpralls sofort getötet. Der Fahrer des Jaguar und sein Beifahrer blieben praktisch unverletzt.
Der Unfallort: Mit über 100 km/h rammte der Jaguar (Bildhintergrund) in die Seite des Kleinwagens, der in einer Ausfahrt stand. Beide Insassen des Citroen wurden durch die Wucht des Aufpralls sofort getötet. Der Fahrer des Jaguar und sein Beifahrer blieben praktisch unverletzt. | Bild: Kohls

Sind Raser Mörder? Diese Frage stand von Anfang an über dem Prozess gegen den heute 21-jährigen Mert T., der in der Nacht des 6. März dieses Jahres in der Stuttgarter Innenstadt mit einem geliehenen 550-PS-Jaguar F-Type R einen verheerenden Unfall produzierte, bei dem zwei junge Menschen im Wrack ihres Kleinwagens starben.

Gaspedal voll durchgedrückt

Riccardo K., 25, und Jaqueline B., 22, waren sofort tot, gerammt mit 100 km/h. Noch fünf Sekunden vorher hatte Mert T. das Gaspedal des Jaguar voll durchgedrückt, Tempo mindestens 163 km/h, in einer Wohn- und Geschäftsstraße, in der 50 km/h erlaubt sind. „Es steht außer Frage, dass der Tod der beiden Menschen eine Folge Ihres Fehlverhaltens ist. Der Unfall beruht auf nichts anderem als dieser hirnlosen Raserei“, sagt die Richterin.

Am Ort des Unfalls haben die Angehörigen der Opfer eine kleine Gedenkstätte gestaltet.
Am Ort des Unfalls haben die Angehörigen der Opfer eine kleine Gedenkstätte gestaltet. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Die moralische Frage, ob Mord oder nicht, sei nur begrenzt geeignet, diese Tragödie aufzuarbeiten, sagt die Richterin. „Sie haben den Angehörigen unendliches Leid zugefügt.“

Der Vater eines der Opfer im Gerichtssaal des Landgerichts Stuttgart. Auf seinem T-Shirt ist ein Foto des bei dem Unfall getöteten Paars zu sehen.
Der Vater eines der Opfer im Gerichtssaal des Landgerichts Stuttgart. Auf seinem T-Shirt ist ein Foto des bei dem Unfall getöteten Paars zu sehen. | Bild: Marijan Murat

Das Urteil erfolgt nach dem 2017 eingeführten neuen „Raserparagrafen“ 315d im Strafgesetzbuch, der illegale Autorennen und deren Folgen fast ebenso hart bestrafen kann wie einen Mord. Vier Jahre lang wird Mert T. zudem der Führerschein entzogen, die Frist beginnt, sobald er nicht mehr in Haft ist. Dass er überhaupt je wieder fahren könnte, liegt daran, dass Mert T. bislang nicht einmal mit einer Ordnungswidrigkeit auffällig wurde. „Sie sind niemand, der sich generell nicht an Regeln hält“, hält ihm die Richterin zugute.

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Auf dem Stand eines Zwölf- bis 16-Jährigen

Aber sie zeichnet dann ein zwiespältiges Bild. Hier ein unauffälliger, aber völlig unselbstständiger junger Mann aus wirtschaftlich und familiär geordneten Verhältnissen, der Schule und Ausbildung mit großem Fleiß absolviert. Ein umsorgtes Nesthäkchen, das abends von der Mutter noch wie ein Kind zu Bett gebracht wird, seine Freundin verschweigt und eine „fast problematisch enge Bindung“ zur Mutter hat, wie die Richterin sagt. Der Gutachter bescheinigt ihm den Entwicklungsstand eines Zwölf- bis 16-Jährigen.

Sich selbst mit Tempo 270 gefilmt

Und dort ein Autonarr im Wahn, ein 550-PS-Auto auch dank der Sicherheitssysteme jederzeit beherrschen zu können. Der sich Sportwagen ausleiht und gefährliche Situationen provoziert, um vor den Kumpels mit seinen vermeintlichen Fahrfähigkeiten anzugeben und Anerkennung zu bekommen – „ein Tatmotiv, an Sinnlosigkeit nicht zu überbieten“, sagt die Richterin. Am Unfalltag filmt sich Mert T. selbst in dem geliehenen Jaguar auf der Autobahn bei Stuttgart mit dem Handy, eine Hand am Steuer. Der Tacho zeigt 270 km/h.

Keiner sagte: Hör auf

Die Instagram-Storys seiner Freunde von den Spritztouren an diesem Tag dokumentieren einen „riskanten, rücksichtslosen, gewollt gefährlichen Fahrstil in völliger Überschätzung der eigenen Fertigkeiten“, wie die Richterin formuliert. Die Beifahrer hätten den damals 20-Jährigen noch durch unkritisches Verhalten bestärkt. „Keiner hat gesagt: Hör auf damit, lass mich aussteigen“, sagt die Richterin, „sondern sie fanden es geil.“ Mert T. aber sei klar gewesen, dass andere durch seine Fahrweise zu Schaden kommen könnten, selbst wenn er das nicht gewollt habe.

„Für meine Mandanten ist er ein Mörder“, sagt Rechtsanwalt Christof Müller-Holtz, Anwalt einer Opferfamilie, nach dem Urteil vor der Presse im Stuttgarter Landgericht.
„Für meine Mandanten ist er ein Mörder“, sagt Rechtsanwalt Christof Müller-Holtz, Anwalt einer Opferfamilie, nach dem Urteil vor der Presse im Stuttgarter Landgericht. | Bild: Tom Weller

„Sie wussten das, aber es war Ihnen egal“, sagt die Richterin, „Sie haben diese Gefährdung mit Wissen und Wollen geschaffen.“ Die Haftstrafe, nach Jugendstrafrecht verhängt, diene als Sühne, nicht als Abschreckung. „Das funktioniert in dieser Szene wohl auch nicht“, sagt die Richterin mit leichter Resignation. Mert T., der nach acht Monaten Untersuchungshaft depressiv und in „gesichertem Haftraum“ ist, brauche eine stabile pädagogische Betreuung, der Erziehungsbedarf sei hoch. „Aber das kann der Vollzug leisten“, sagt die Richterin. Mert T.‘s Verteidiger ist davon nicht überzeugt.

Die Eltern des getöteten Riccardo K. tragen am Tag des Urteils – wie während des gesamten Prozesses – T-Shirts mit einem aufgedruckten Foto der beiden Opfer. Das junge Paar hatte in einem Kleinwagen an einer Ausfahrt gewartet, als dieser von dem Jaguar mit Mert T. am Steuer mit über 100 km/h gerammt wurde. Beide waren sofort tot. Bilder: dpa
Die Eltern des getöteten Riccardo K. tragen am Tag des Urteils – wie während des gesamten Prozesses – T-Shirts mit einem aufgedruckten Foto der beiden Opfer. Das junge Paar hatte in einem Kleinwagen an einer Ausfahrt gewartet, als dieser von dem Jaguar mit Mert T. am Steuer mit über 100 km/h gerammt wurde. Beide waren sofort tot. Bilder: dpa | Bild: Marijan Murat

Das Urteil ist verkündet, da bahnt sich die Mutter des getöteten Riccardo K. energisch ihren Weg hin zu Mert T., der sich gerade mit gesenktem Kopf Handschellen anlegen lässt. Wie ihr Mann trägt sie ein T-Shirt mit aufgedrucktem Foto des getöteten Paares. Kurz und heftig redet sie auf ihn ein, bis Justizbeamte sie sanft wegdrängen. Mert T. hält den Kopf gesenkt. Es seien keine versöhnlichen Worte gewesen, sagt später sein Verteidiger Markus Bessler. Und Mert T. trage schwer an seiner Verantwortung. „Für meine Mandanten ist er ein Mörder“, sagt dagegen Christof Müller-Holtz, der Anwalt von Riccardos Familie.