Homeoffice war bislang etwas, was sich viele gewünscht haben und weniger Unternehmen bewilligten. Zu wenig Kontrolle über das, was der Angestellte zu Hause tut, ob er seine Arbeitszeit erfüllt. Zu viele Prozesse, die unternehmensintern und persönlich miteinander an einem Tisch besprochen werden müssen.

Doch mit der Coronakrise mussten viele Firmen, die sich bislang gegen das Homeoffice gewehrt haben, umdenken. Für die Angestellten ist das Neuland. Wie den Tag strukturieren, vorankommen und motiviert bleiben, so ganz alleine zu Hause, ohne die Kollegen, ohne den täglichen Austausch, der oft auch Ideen bringt?

Jutta Metzler ist selbstständig und berät seit vielen Jahren Unternehmen. Als Freelancerin hat sie den Vorteil, dass ihr die Ungewissheit, wie es weitergeht, nicht fremd ist. Woher die Kunden von morgen kommen, fällt ihr nicht in den Schoß. Die Werbetexterin kennt beide Seiten – die teils engen Strukturen der Firmen und den Freiraum als Freiberuflerin, die sich ihren Arbeitsalltag strukturieren kann.

„Wir fühlen uns alle ein wenig machtlos“, sagt sie im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Aber gerade dann, betont sie, sei es wichtig, „die Fäden in der Hand zu behalten“. „Man kann diese Zeit positiv für sich nutzen, Akteur im eigenen Leben bleiben.“

Rhythmus beibehalten

Metzler rät, den Tagesablauf des Berufsalltags beizubehalten. Es mag verlockend sein, auszuschlafen und es gemütlich angehen zu lassen. Aber im Schlafanzug vor dem Rechner zu sitzen hält die Expertin nicht für ratsam. „Natürlich kann es auch hilfreich sein, den eigenen Biorhythmus kennen zulernen“, sagt sie. Wer morgens auch mit zwei Tassen Kaffee noch nicht in die Gänge kommt, dafür aber abends kreativ wird, hat gerade jetzt im Homeoffice die Chance, das für sich zu nutzen. Wer gerade erst ins Homeoffice versetzt wurde, tue aber gut daran, die gewohnten Strukturen erst einmal aufrechtzuerhalten, sagt Metzler.

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Dazu gehört eine Mittagspause, ob alleine oder mit der Familie. „Gerade, wenn man alleine arbeitet, kann es eine gute Sache sein, sich mit Kollegen zusammensetzen über Zoom oder WhatsApp etwa, wenn man sich vereinsamt fühlt“, schlägt sie vor. In jedem Fall sei es wichtig – gerade im Homeoffice – das Haus zu verlassen, aus dem „Büro“ zu gehen.

Auch die Freizeit ist wichtig, wenn man im Homeoffice arbeitet. Nach dem Feierabend oder in der Mittagspause Sport machen, auch wenn der Verein gerade kein Training anbieten darf. Den Pilateskurs vom Fitnessstudio kann man mit YouTube überbrücken. Hauptsache: dranbleiben.

To-Do-Liste schreiben

Dennoch sei es wichtig, eine To-Do-Liste zu definieren. Kleine Dinge wie endlich einmal den Rechner aufzuräumen, sinnvolle Ordnerstrukturen anzulegen, nicht mehr gebrauchte Dateien zu löschen. Oder angesammelte Belege zu sortieren und Spesenabrechnungen aufzustellen. „Solche Dinge dürfen auch schriftlich festgehalten werden, um sie abhaken zu können“, betont Metzler. Damit sei ein positives Erlebnis verbunden, etwas erledigt zu haben.

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Anspruch beibehalten

Besonders wichtig sei es, sagt Metzler, die eigenen Ansprüche nicht zu schmälern – auch nicht an sich selbst: ein gepflegtes Äußeres, so wie man auch im Büro darauf achten würde, sei wichtig, hebt die Expertin hervor – auch und gerade mit Blick auf die Konferenzen über Plattformen wie Zoom, die sich gerade etablieren.

Angriffslustig bleiben oder werden

Metzler findet es zudem wichtig, sich selbst Ziele zu setzen, die Zeit zu Hause auch für sich zu nutzen. So könne man – auch zugunsten des Arbeitgebers, Sprachkenntnisse verbessern. „Englischkenntnisse sind bei vielen Unternehmen ein Problem“, nennt Metzler als Beispiel. Auch Programmierkenntnisse kann man sich mittlerweile gut über Online-Tutorials beibringen. „Vieles, was man jetzt lernt und sich aneignet, ist nicht nur gut für den Kopf, sondern hilft auch für die Zukunft“, erklärt Metzler.

Private Projekte sollten aber auch Platz finden im Alltag – etwa, das lang geplante Buch zu schreiben, das Fotoalbum vom letzten Urlaub gestalten oder einen Blog mit den eigenen Lieblingsrezepten aufbauen. Kurzum: den eigenen Ideen Raum geben – sie aber auch mit anderen teilen. So kann man gegen das eigene Gefühl der Machtlosigkeit vorgehen.

Offensiv mit der Situation umgehen

Selbstständige müssten sich in der Situation Gedanken machen, wie sie neue Kunden gewinnen können und die bisherigen halten können. Dazu kann gehören, Dienstleistungen stärker online auszubauen, neue Schulungskonzepte zu entwickeln oder neue Branchen zu erschließen. Metzlers Fazit: „Seien Sie nicht hilflos, sondern gehen Sie dran.“

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