Sie heißen „2004 BL86“, „2014 JO25“ oder „2009 JF1“ und die Mehrheit der Menschen hat wahrscheinlich noch nie etwas von ihnen gehört. Kein Wunder, die meisten Asteroiden rauschen weit entfernt von der Erde durch das All. Doch manche kommen dem Blauen Planeten ziemlich nahe. Für die Menschheit ging das bislang glimpflich aus, aber was, wenn aus apokalyptischen Science-Fiction-Visionen von Hollywood irgendwann Realität wird?

Bei Asteroiden von bis zu 400 Metern Durchmesser müsste man sich vor allem vor gleichzeitig auftretenden Windstößen und Druckwellen schützen, haben Forscher herausgefunden. Das Team um Clemens Rumpf von der Universität Southampton in Großbritannien hat untersucht, welcher Effekt eines einschlagenden Asteroiden auf der Erde die gravierendsten Folgen für die Menschen, also die meisten Opfer hätte.

Atmosphärischen Druckwellen und Stürme sind die größte Gefahr

Die Studie der Briten analysiert die Verteilung der möglichen Opfer nach sieben wahrscheinlich auftretenden Effekten: Tsunamis, fliegende Trümmer, Schockwellen, Hitze, Erdbeben, Winde und Kraterbildung. Ergebnis: Bei Einschlägen ins Meer führen Tsunamis naturgemäß zu den meisten Opfern. Insgesamt gesehen gehe davon jedoch keine so große Gefahr aus wie von Einschlägen auf der Erde.

Besonders gefährlich seien bei Einschlägen die atmosphärischen Druckwellen, die sich mit Überschallgeschwindigkeit ausbreiten, und dabei entstehende gigantische Stürme. Diese seien für über 60 Prozent der Todesopfer bei Einschlägen von Asteroiden bis 400 Metern Durchmesser verantwortlich. Die Luftwellen, die durch den steigenden Druck in der Atmosphäre entstehen, und Windstöße, die die Druckunterschiede ausgleichen, könnten Menschen wie bei einem Tornado durch die Luft schleudern und Gebäude einstürzen lassen. Der Wind könne die Geschwindigkeit von Orkanen – die mindestens 120 km/h erreichen – deutlich überschreiten.

In ihrem Computermodell ließen die Forscher 50 000 Asteroiden mit 15 bis 400 Metern Durchmesser – die am wahrscheinlichsten auftretenden Größen – auf die Erde treffen. Die Ergebnisse könnten Krisenmanagern bei der Vorbereitung auf einen drohenden kosmischen Einschlag helfen, kommentiert Rumpf in seiner Studie. Bei kleineren Einschlägen könne die Bevölkerung Schutz etwa in Kellern suchen, bei größeren Asteroiden seien Evakuierungen unumgänglich.

„Die Wahrscheinlichkeit eines Asteroideneinschlags ist wirklich gering"

Ein Asteroid mit rund 60 Metern Durchmesser trifft laut Rumpf im Schnitt etwa alle 1500 Jahre auf die Erde, ein rund 400 Meter breiter alle 100 000 Jahre. „Die Wahrscheinlichkeit eines Asteroideneinschlags ist wirklich gering. Aber die Konsequenzen können unvorstellbar sein“, sagt Rumpf.

Kleinere Körper, die aus dem All heranrasen, verglühen häufig in der Atmosphäre – auf der Erdoberfläche bekommt man davon meist nichts mit. 2013 aber explodierte ein etwa 20 Meter großer Meteorit über der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk und ließ die Auswirkungen solcher gefährlichen Stoßwellen erahnen: Rund 7000 Gebäude wurden beschädigt, etwa 1500 Menschen verletzt.

Das Problem: Solche kleinen Körper seien zahlreich, oft nicht sichtbar und deshalb schwer zu beobachten, sagt Kai Wünnemann vom Naturkundemuseum in Berlin. Doch wie die Explosion bei Tscheljabinsk zeigte, dürfe auch diese Gefahr nicht unterschätzt werden. Genaue Vorhersagen, wann der nächste Körper Kurs auf die Erde nehme, seien unrealistisch. In den nächsten zehn Jahren könne ein solches Ereignis aber durchaus wieder passieren.

Esa und Nasa forschen gemeinsam an der Asteroidenabwehr

Bei großen Asteroiden, die auch mal zehn Kilometer Durchmesser erreichen und dann als „global killer“ („globale Zerstörer“) bezeichnet werden, sei das zum Glück äußerst selten. Der Asteroid, der vor 65 Millionen Jahren auf dem Gebiet der heutigen mexikanischen Halbinsel Yucatan aufschlug und den Dinosauriern den Garaus machte, war so einer. Alle 100 Millionen Jahre etwa trete im Durchschnitt ein solch zerstörerisches Ereignis auf.

Um das Thema weiter in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr den 30. Juni zum Welt-Asteroiden-Tag ausgerufen. Das Datum markiert den Jahrestag des größten Asteroideneinschlags der jüngeren Geschichte: Am 30. Juni 1908 hatte ein Treffer in der Tunguska-Region in Sibirien rund 2000 Quadratkilometer unbewohntes Gebiet verwüstet. Der Asteroid hatte nach Forscherschätzung einen Durchmesser von 30 bis 40 Metern.

Sollte ein solcher Brocken in seiner Flugbahn wieder Kurs auf die Erde nehmen, gibt es für die europäische Weltraumagentur Esa nur zwei Möglichkeiten: ablenken oder zerstören. Es gebe viele Vorschläge, von Sonnenspiegeln bis zu Wasserstoffbomben. Technisch oder finanziell umsetzbar sind die meisten davon allerdings nicht. Realistischer sei der Einsatz von Einschlagprojektilen zur Bahnablenkung. Kinetischer Impaktor oder einfach „Prellbock“, nennt Wünnemann die Objekte, die einem Asteroiden auf dem Weg zur Erde aktiv in den Weg gesetzt werden sollen. Die gemeinsame „Aida“-Mission von Esa und Nasa, die der Asteroidenabwehr gilt, soll hierüber Erkenntnisse bringen.

„2014 JO25“ sei Mitte April vergleichsweise dicht an der Erde vorbeigeflogen, teilte die US-Raumfahrtbehörde Nasa mit – konnte eine Kollision mit dem 650-Meter-Asteroiden aber glücklicherweise schon früh ausschließen. Die Entfernung betrug rund 1,8 Millionen Kilometer oder die 4,6-fache Erde-Mond-Distanz. Die nächste Annäherung eines vergleichbaren Asteroiden ist von der Nasa für 2027 vorhergesagt. „1999 AN10“ wird dann in 380 000 Kilometer Entfernung an der Erde vorbeirauschen. Genauso dicht, wie der Mond der Erde ist. Das sei zwar nah, erklärt Wünnemann. Aber: „Alles was vorbeifliegt, ist nicht gefährlich.“

 

Große Einschläge in der Erdgeschichte

In der Erdgeschichte hinterließen Meteoriten nur wenige so große Krater, dass ihre Spuren bis heute sichtbar sind.

  • Vredefort, Südafrika: Als größter sichtbarer Einschlagkrater der Welt gilt Vredefort nahe Johannesburg. Vor zwei Milliarden Jahren traf dort ein vermutlich 150 000 Kilometer pro Stunde schneller Meteorit mit einem Durchmesser von zehn Kilometern die Erde. Er drang etwa 17 Kilometer tief ein. Der Krater misst rund 100 Kilometer im Durchmesser.
  • Yucatán, Mexiko: Der Einschlag des Meteoriten an der Nordküste der mexikanischen Halbinsel Yucatán hatvor etwa 65 Millionen Jahren das Aussterben der Dinosaurier verursacht. Die beim Einschlag freigesetzte Energie entsprach mehr als dem Zehntausendfachen des gesamten Weltarsenals an Atomwaffen und setzte riesige Mengen an Staub und Gas frei. Der Meteorit (Durchmesser: zehn Kilometer) traf die Erde mit etwa 90 000 km/h. Der Krater war bei einem Durchmesser von etwa 180 Kilometern bis zu 900 Meter tief. Etwa die Hälfte des Kraterrings ist unter der Meeresoberfläche des Golfs von Mexiko verborgen.
  • Nördlinger Ries: Es ist ein fast kreisrunder Kessel mit einem Durchmesser von etwa 25 Kilometern. Der Riesenkrater entstand vor etwa 14,5 Millionen Jahren, als ein fast ein Kilometer großer Steinmeteorit mit einer Geschwindigkeit von geschätzten 70 000 km/h nahe dem heutigen Nördlingen aufprallte. Er drang 1000 Meter tief ein. Die Wucht bewegte 150 Kubikkilometer Gestein. Das kosmische Geschoss soll die Zerstörungskraft von 250 000 Hiroshima-Bomben gehabt haben.
  • Barringer, USA: Vor etwa 50 000 Jahren traf ein Meteorit mit einem Durchmesser von 45 Metern und einem Gewicht von 270 000 Tonnen auf die Erde. Beim Aufprall im Gebiet des US-Bundesstaates Arizona war er 72 000 km/h schnell und riss ein mehr als 170 Meter tiefes Loch in die Erde. Der Krater fast kreisrund und hat einen Durchmesser von 1,6 Kilometern. (dpa)