Am Strand ertönt ein langgezogenes „Iiiii . . .!“ Ein Mädchen hat eine angeschwemmte tote Qualle entdeckt. Sofort werden Mama und Papa informiert, die nicht weit entfernt auf einem Handtuch dösen. Natürlich muss einer von beiden herbeieilen, um den glibbrigen farblosen Klumpen in Augenschein zu nehmen und die wichtigste aller Kinderfragen zu beantworten: „Ist die giftig?“ Da der Überrest des Meeresbewohners bereits auf der Handfläche des Vaters liegt, erübrigt sich diese Frage. Dennoch bleiben die Kinder auf Abstand. Man weiß ja nie. Der Versuch von Papa, einen kleinen Vortrag über die Faszination von Quallen zu halten, endet schnell. Er weiß einfach zu wenig über diese Lebensform. So bleibt die tote Qualle auf dem Sand liegen und verschrumpelt langsam in der Hitze.

Was aber hat es mit diesen geheimnisvollen Organismen auf sich? Handelt es sich überhaupt um Tiere – auch wenn sie keinen Mund, keine Knochen, kein Herz und kein Gehirn haben? Das alles braucht man tatsächlich nicht, um ein Tier zu sein. Quallen sind einfach uralt. Es gab sie schon, bevor Lebewesen überhaupt Knochen, Hirn und einen Blutkreislauf entwickelt hatten. Seit 600 Millionen Jahren kreuzen Quallen durch die Weltmeere, viel länger als die Fische. Allein das macht sie zu Überlebenskünstlern. Sie haben sich auch ohne Hirn an ihre Umwelt angepasst – von den eisigen Meeren der Polgebiete bis zu den Warmgewässern der Tropen.

Die meisten Quallen ernähren sich von Plankton

Quallen sind einerseits simpel aufgebaut. Ihr Grundbaustein ist Wasser, das gut 90 Prozent ihrer Masse stellt. Kleinkinder von Homo sapiens bestehen übrigens zu 70 bis 80 Prozent aus Wasser. Merkwürdig durchsichtig wirkt die Qualle, weil ihr Körper aus einer Stützgallerte nur von zwei dünnen Zellhäuten zusammengehalten wird. Sie bilden nach innen einen Hohlraum, in dem der Magen liegt. Nicht alle, aber die meisten Quallen haben einen Speisezettel. Oft steht nur vegetarisches Plankton darauf, doch es gibt auch Jäger. Sie können mit dem Nesselgift ihrer Tentakeln ganze Fischschwärme lähmen.

Diese Würfelqualle (Cubozoa) ernährt sich von Krebsen.
Diese Würfelqualle (Cubozoa) ernährt sich von Krebsen. | Bild: Lisa-Ann Gershwin

Andererseits sind Quallen eine komplizierte Spezies, denn sie sind im Gegensatz zu den Wirbeltieren schwer zu katalogisieren. So gibt es bei den Augen eine große Bandbreite: Von gar nicht vorhanden über Organe, die nur Hell und Dunkel unterscheiden, bis hin zu komplexen Systemen, die wie beim Menschen Linse, Netzhaut und Hornhaut umfassen. Damit kann die Qualle sogar Farben und Formen erkennen. Die wegen ihres Gifts gefürchteten Würfelquallen ordnen sogar jeweils mehrere Augen in drei Reihen untereinander an. Bis zu acht Augen nehmen Formen wahr, bis zu 16 Augen sind für Hell-Dunkel zuständig.

Die Quallen mit ihrem Pudding-Körper sind für Zoologen auch in der Theorie schwer zu greifen. Die meisten und bekanntesten Arten entspringen dem Stamm der Nesseltiere, zu dem mit seinen 9000 bisher bekannten Arten auch Korallen und Seeanemonen gehören. Bei ihnen spricht man von Medusen. Sie haben den charakteristischen Fallschirm-Kopf, in dem ein Muskelring liegt. Durch das ruckartige Zusammenziehen wird Wasser aus dem Hohlraum gestoßen. Dieses sogenannte Rückstoßprinzip ermöglicht eine hocheffiziente Fortbewegung, die viel weniger Energie braucht als bei der Bewegung der Fische. Öffnet sich der Medusen-Schirm wieder, wird Wasser eingesaugt und der Rückstoß beginnt von Neuem.

Auch in Sachen Fortpflanzung sind Quallen vielseitig

Beim Kapitel Fortpflanzung stößt man zunächst auf Altbekanntes. Alle Quallen haben weibliche und männliche Organe für die Zeugung von Nachkommen, sie produzieren also Ei- oder Samenzellen. Manche Arten besitzen jedoch beides und klonen sich quasi selbst. Manche Medusen geben Eier und Spermien einfach ins Wasser ab und überlassen den Rest sich selbst. Andere brüten die befruchteten Zellen im Körper aus und bewachen die Larven.

Hochgiftig ist die Portugiesische Galeere. Scheinbar harmlos treibt sie an der Wasseroberfläche. Doch das Gift ihrer bis zu 30 Meter ...
Hochgiftig ist die Portugiesische Galeere. Scheinbar harmlos treibt sie an der Wasseroberfläche. Doch das Gift ihrer bis zu 30 Meter langen Tentakeln löst starke Schmerzen aus. Man kann daran sogar sterben. | Bild: epa Nic Bothma

Die für Menschen gruselige Ausstrahlung von Quallen rührt von ihren Tentakeln her. Mit ihnen wird der Beutefang bewerkstelligt. Für den Appetit auf das winzige Plankton reichen meist spinnwebenartige Fäden aus. Für den Fang großer Beute braucht es dagegen mehr. Medusen haben dafür kräftige Tentakel, die mit den giftspritzenden Nesselzellen besetzt sind. Damit wird die Beute gelähmt, eingefangen und mithilfe von dicken ausgebildeten Mundarmen einverleibt. Haarquallen können größere Beute auch außerhalb des Körpers in den Falten ihrer Arme verdauen.

Für Menschen kann der Kontakt mit Tentakeln schmerzhaft sein. Besonders gefährlich ist die Portugiesische Galeere. Sie treibt wie eine Schwimmboje auf der Wasseroberfläche und lässt die Tentakel wie Angelschnüre nach unten hängen. Selbst für einen gesunden Menschen kann es tödlich enden, wenn er sich in den Tentakeln mit ihrem hochdosierten Nesselgift verfängt.

„Quallen wurden lange Zeit von der Wissenschaft unterschätzt und bei Untersuchungen ignoriert“

Warum es immer wieder zu Quallen-Invasionen an Stränden kommt, weiß man nicht genau. Die Biologin Cornelia Japsers, am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, sagt: „Quallen wurden lange Zeit von der Wissenschaft unterschätzt und bei Untersuchungen ignoriert.“ Das erweist sich jetzt als Fehler. „Da wir keine systematischen Langzeitdaten haben, können wir auch die Frage nicht beantworten, ob es mehr Quallen gibt als früher“, so die Quallen-Expertin.

Im Alten Strom des Ostseebades Warnemünde schwimmen am 02.07.2009 unzählige Quallen. Das warme Wetter und auflandiger Wind sorgen für ...
Im Alten Strom des Ostseebades Warnemünde schwimmen am 02.07.2009 unzählige Quallen. Das warme Wetter und auflandiger Wind sorgen für wahre Massenansammlungen der Tiere. | Bild: Bernd Wüstneck (dpa-Zentralbild)

Doch deutet sich ein Zusammenhang zwischen Verschmutzung der Meere, Überfischung und Quallen-Wachstum an: Vor der chinesischen Küste, einer extrem verdreckten Zone, gedeiht die Nomura-Qualle inzwischen prächtig. Früher war sie klein, jetzt wird sie groß wie ein Kühlschrank. Die Strömung treibt sie nach Osten in japanische Fischgründe – mit einer Masse von täglich eine halben Milliarde Exemplaren. Sie liegen dann so schwer in den Netzen der Fischer, dass diese den Fang nicht mehr einholen können. Außerdem soll ihr Nesselgift schon neun Menschen das Leben gekostet haben.


Bild 4: Faszination Quallen: Von schönen und gefährlichen Tieren
Bild: Delius Klasing
Buchtipp: Lisa-Ann Gershwin, Wassergeister. Von der Faszination einer verkannten Lebensform; Verlag Delius Klasing, 224 Seiten mit 260 Farbfotos, 29,90 Euro.
 

Was zu tun ist bei Quallen-Kontakt

Das kennt vermutlich jeder, der im Sommer im Meer schwimmt: Plötzlich gibt es ein Gefühl wie einen elektrischen Schlag, gefolgt von einem Krampf, und dann brennt es wie Feuer. Der oder die Badende ist einer gefährlichen Art von Qualle in die Quere gekommen. Was tun? Sofort raus aus dem Wasser! Empfohlen wird eine Behandlung mit Salzwasser, das mit Backpulver vermischt wird. Auf keinen Fall Süßwasser verwenden, weil das das Nesselgift noch mehr anregt. Da sich Backpulver (oder Essig und Rasierschaum) eher selten in der Strandtasche findet, hilft auch das Abreiben der Wunde mit trockenem Sand (aber nie mit der bloßen Hand). Schließlich sollte die Haut mit viel Eis gekühlt und auch reichlich Wasser getrunken werden. An quallen-gefährdeten Stränden gibt es inzwischen sogar Essig-Vorräte für den Fall der Fälle.