Für die deutsche Kulturlandschaft sind die Jahre zwischen 1618 und 1648 zweifellos keine Blütezeit gewesen. Bibliotheken verschwanden in ferne Länder, Kirchen wurden zerstört, ganze Städte ausradiert. Und doch: Im Dreißigjährigen Krieg entstand auch Neues. Zum Beispiel ein literarisches Wunderwerk wie „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“. Gut, so richtig mitten im Krieg ist der Roman des aus Hessen stammenden Dichters Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen nicht entstanden. Als er 1668 erstmals in einer fünfbändigen Ausgabe erschien, herrschte vielmehr seit bereits 20 Jahren Frieden.

Und doch ist das Grauen mit Händen greifbar in dieser opulenten, oft bitteren Moralsatire. Kein Wunder: Hat doch der Verfasser selbst den Krieg hautnah erlebt. Unter anderem war er wohl 1631 an der Belagerung Magdeburgs beteiligt. Die eigenen Erfahrungen bildeten ganz unzweifelhaft den Steinbruch, aus dem der Autor sein Jahrhundertwerk erschuf.

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen in einer undatierten Darstellung.
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen in einer undatierten Darstellung. | Bild: dpa

Worum geht es? Kurz gesagt: um den Wahnsinn auf Erden. Erzählt wird die Geschichte vom zehnjährigen Viehhirten, der mit ansehen muss, wie aus heiterem Himmel eine Horde Soldaten ins Dorf einfällt, Frauen vergewaltigt, Männer ermordet, Bauernhöfe niederbrennt. Auf der Flucht kommt er bei einem frommen Einsiedler unter, der ihm erst einen Namen gibt (Simplicius, der „Einfältige“) und dann den guten christlichen Glauben beibringt. Als der Einsiedler stirbt, geht sein Schüler – inzwischen zum frommen Christen ausgebildet – in die weite Welt hinaus. Dort traut er seinen Augen kaum. Was er alles in langen Unterrichtsstunden so brav gelernt hat über die zehn Gebote, über Barmherzigkeit und Nächstenliebe: Was genau hat das jetzt mit der Wirklichkeit zu tun? Mit diesem Chaos aus Gewalt und Grausamkeit?

Simplicius erlebt wilde Abenteuer als Soldat wie als Schauspieler, als Wunderheiler wie als Weltreisender. Er findet Reichtum und Armut, Erotik und Entsagung, Genuss und Verzicht. Nur Moral, die findet er nicht. Und so flüchtet er schließlich in die einzige Lebensform, mit der sich dieser Irrsinn aushalten lässt: als Einsiedler wie sein Lehrer.

Das Buch hat unsere Kultur bis heute beeinflusst. Das fängt schon an bei der literarischen Form des Romans selbst. Im Mittelalter haben sich die Menschen noch mehr am Raum orientiert als an der Zeit. Den Raum konnte man selbst gestalten, als Landwirt auf dem Acker oder als Handwerker im Haus. Was die Zeit mit sich bringt, lag dagegen allein in Gottes Hand. Das eigene Leben im Voraus zu skizzieren mit festen Karrierezielen, Familienplanung und Projekten für den Ruhestand: Diese Idee wäre den meisten Menschen wohl als Anmaßung erschienen.

Entsprechend fern lag auch der Gedanke, ein solches Leben in ein literarisches Gesamtkunstwerk umzumünzen. Deshalb finden sich in den zahlreichen erhaltenen Schriftstücken des Mittelalters zwar Lieddichtungen, Briefe und Abenteuerberichte in Hülle und Fülle – aber weder Biografien noch Romane im heutigen Sinne. Selbst so berühmte Schelmenfiguren wie etwa Till Eulenspiegel kannte man nur aus einer losen Sammlung einzelner Anekdoten. Eine derartige Figur von frühester Kindheit bis ins hohe Alter literarisch zu begleiten: Mit diesem Projekt war Grimmelshausen eine echte Innovation gelungen.

Das Originaltitelblatt des Romans „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“. Erschienen ist das Werk 1668.
Das Originaltitelblatt des Romans „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“. Erschienen ist das Werk 1668. | Bild: dpa

Scharfe Ironie

Noch etwas scheint aus heutiger Sicht revolutionär: die scharfe Ironie, die Lust an makaberen Bildern, der Mut zu drastischen Schilderungen von Erotik und Gewalt. Doch der Anschein des Neuen trügt. Derbe Satiren hatte es schon im 15. Jahrhundert gegeben. Und in den Jahren der Reformation gehörten sie sogar zum Alltag: Man bediente sich dieses Stilmittels, um die Anhänger der jeweils anderen Konfession der Lächerlichkeit preiszugeben. In Verruf geriet das Derbe und Böse erst später. Das aber geschah so nachhaltig, dass Günter Grass mit seiner „Blechtrommel“ 1959 einen Skandal auslösen konnte: Dabei hatte er sich doch nur an Grimmelshausens Schilderungen ein Beispiel genommen.

Nein, eine drastische Satire selbst war also nicht neu für die Menschen im 17. Jahrhundert. Sehr wohl aber, gegen wen sie sich richtete: Statt gegen Katholiken oder Protestanten ging es plötzlich gegen die ganze Welt. So, wie sie ist, kann der Mensch nur an ihr verzweifeln. Rettung bringt allein das bittere Lachen. Was für ein ungeheures Urteil über die göttliche Schöpfung!

In Simplicius’ Leiden an der grotesken Wirklichkeit seiner Zeit offenbart sich ein Seelenzustand, für den die Romantik später das Wort „Weltschmerz“ erfinden sollte. Im Wörterbuch der Brüder Grimm gilt es als Ausdruck für eine „tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt“. Heute gilt diese Empfindung als typisch deutsch. Der russischstämmige Buchautor Wladimir Kaminer etwa fühlt sich an sie erinnert, wenn hierzulande wieder mal von Feinstaubbelastungen die Rede ist: „Unsichtbaren Gefahren, die irgendwann möglicherweise nicht dein eigenes Leben, sondern das deiner Enkel beeinflussen. Ein Russe würde sich wahrscheinlich freuen über irgendetwas Feines. Solange nur Feinstaub und kein Pflasterstein fliegt.“

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hat den Deutschen den Roman gebracht und den Weltschmerz. Vor allem aber hat er uns manches über die Region verraten. Schließlich ist sein Simplicius auf seinem Abenteuer auch im Schwarzwald vorbeigekommen. Und siehe da: Schon damals gab es Ärger mit Wölfen. Von solchen umzingelt, verbringt er nämlich auf dem Weg nach Villingen voller Angst und Bangen die Nacht auf einem Hausdach. Im Unterschied zu heute freilich kannten die Einheimischen keinen Artenschutz: Als am Morgen ein paar Reiter vorbeikommen, fallen die Wölfe kurzerhand der Schrotflinte zum Opfer.

Auch Villingen stand 1634 unter Beschuss. Truppen versuchten, die Stadt einzunehmen, wie diese Federzeichnung von Christian Roder zeigt.
Auch Villingen stand 1634 unter Beschuss. Truppen versuchten, die Stadt einzunehmen, wie diese Federzeichnung von Christian Roder zeigt. | Bild: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

Hier irrt sich der Autor

Weniger treffsicher ist Grimmelshausen an anderer Stelle. Als nämlich Simplicus vom nahenden Tod seines Stiefvaters erfährt, versetzen diese Worte seine „Augen ins Wasser wie hiebevor des Feindes Erfindung die Stadt Villingen“. Was hat es damit auf sich? Tatsächlich hatten 1634 Truppen unter dem Obristwachtmeister Georg Friedrich von Holtz Villingen zu fluten versucht. An der engsten Stelle des Tales bauten sie einen Damm und stauten so das Wasser der Brigach Meter um Meter. Von Tag zu Tag wuchs in Villingen die Angst vor dem Untergang – da bereitete die Niederlage der Schweden bei Nördlingen den Plänen der Verbündeten ein Ende. Die Flutung fiel aus, Villingen blieb trocken: Und Grimmelshausen lag mit seinem Vergleich daneben.

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Der Krieg in der Literatur

Der Dreißigjährige Krieg hat nicht nur Spuren in den Geschichtsbüchern hinterlassen, sondern auch in den Werken einiger Dichter und Autoren. Sie versetzen ihre Helden in die Zeiten des Krieges. Ein Überblick über die bekanntesten Werke:

  • „Wallenstein“ von Friedrich Schiller (1759 bis 1805) ist zwar wohlbekannt: Ein Stück unter diesem Namen gibt es aber gar nicht. Gemeint ist damit vielmehr eine Dramentrilogie, bestehend aus den einzelnen Stücken „Wallensteins Lager“, „Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“. Schiller beschreibt damit den allmählichen Abstieg des Feldherrn Wallenstein, der sich im Dreißigjährigen Krieg vom Günstling des Kaisers Ferdinand II. zu dessen Verräter verwandelte. Friedrich Schiller schrieb einmal, die größte Schwierigkeit beim Dichten sei gewesen, eine „dürre Staatsaktion“ in eine „menschliche Handlung umzuschaffen“.
  • „Der Wehrwolf“ von Hermann Löns (1866 bis 1914) zählte während der Nazi-Herrschaft zu den beliebtesten Romanen des Deutschen Reichs. Dieser Umstand erklärt auch, warum das Buch heute in Vergessenheit geraten ist. Der preußische Heimatdichter erzählt darin die Geschichte von notleidenden Bauern, die sich im Dreißigjährigen Krieg gemeinsam marodierender Feinde erwehren. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Flakhelfer und Hitlerjungen dazu angehalten, das Buch zu lesen: Von den Romanhelden versprach man sich Vorbildcharakter.
  • „Tyll“ von Daniel Kehlmann (geboren 1975) verknüpft auf raffinierte Weise die Sage von Till Eulenspiegel mit den historischen Fakten des Dreißigjährigen Kriegs. Kehlmann beschreibt eine Zeit an der Schnittstelle zwischen der Epoche des Glaubens und jener des Forschens. Es gibt in dieser Zeit zwar Bücher, aber kaum jemanden, der sie lesen kann. Und wer sich daran unbefugt versucht, der macht sich schnell verdächtig: Eulenspiegels Vater etwa wird wegen seiner Leselust als vermeintlicher Hexer hingerichtet. Till selbst tritt bald in die Dienste des Winterkönigs von Böhmen.
  • „Mutter Courage und ihre Kinder“ ist eine Erzählung von Bertolt Brecht (1898 bis 1956). Entstanden ist die Geschichte 1938/39 im schwedischen Exil, als der Dichter vor den Nazis fliehen musste. Sie spielt im Dreißigjährigen Krieg zwischen 1624 und 1636, weshalb die Erzählung auch den Untertitel „Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“ trägt. Erzählt wird die Geschichte der Händlerin Anna Fierling, Mutter Courage, die versucht, ihr Geschäft mit dem Krieg zu machen, und dabei ihre drei Kinder verliert. Ein Stück von Brecht wäre nicht Brecht, wenn am Ende nicht eine Moral stecken würde. „Mutter Courage“ kann als Warnung an die kleinen Leute verstanden werden, die hoffen, durch geschicktes Handeln mit dem Krieg umgehen zu können.
  • „Der Augsburger Kreidekreis“ ist ebenfalls eine Erzählung von Bertolt Brecht, welche er 1940 geschrieben hat. Auch diese Geschichte spielt zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Hierbei geht es um das Schicksal eines Kindes und einer Magd, welche die Rolle der Mutter einnimmt. Die wahre Mutter lässt ihren Sohn zurück, als die Katholiken Augsburg stürmen. Nach dem Ende des Krieges kehrt die Mutter zurück und fordert ihr Kind. Der Streit landet vor Gericht. Um zu klären, wer die wahre Mutter ist, veranlasst ein Richter, dass das Kind in einen Kreidekreis gesetzt wird. Beide Frauen sollen nun das Kind an sich ziehen. Aus Angst, dass dem Sohn etwas passiert, lässt die Magd los. Das zeigt dem Richter, dass die Magd aus mütterlicher Fürsorge handelt, und spricht das Kind ihr zu. Auch hier gibt Brecht dem Leser eine Moral mit. Der Dichter möchte zeigen, dass dieses schreckliche Schicksal nur möglich wegen des Krieges war und unnötiges Leid erzeugt. (brg/kst)