Stefano Patuanelli ist italienischer Minister für Landwirtschaft. Der 47-jährige Politiker der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung war mal Systemkritiker. Heute verteidigt er Italiens Traditionen mit dem eigenen Leib. „Ich habe 25 Kilo abgenommen und das nur mit der Mittelmeer-Diät“, sagte er kürzlich. Patuanelli hat sich an die Spitze der italienischen Lebensmittel-Industrie gesetzt, die einen gefährlichen Feind italienischer Lebensart am Horizont ausgemacht hat. Sein Name: Nutri-Score.

Adé Mozzarella und Pommes Frites?

Damit ist ein Kennzeichnungssystem gemeint, das EU-weit eingeführt werden könnte. Patuanelli und die italienischen Lebensmittelerzeuger und Landwirte fürchten, Italiens Leibspeisen würden dadurch schwer benachteiligt und könnten keine Abnehmer mehr finden, vor allem im Ausland. Dort werden Parmesan, Parmaschinken und Mozzarella nicht nur geschätzt, sondern auch bestens verkauft.

Wenn nun Nutri-Score käme, könnte es damit zu Ende sein. Denn einige traditionelle italienische Lebensmittel schneiden nach dem System eher schlecht ab. Nutri-Score sei „absurd“, sagt der Minister. Er hat Brüssel den Kampf angekündigt.

Stefano Patuanelli ist Landwirtschaftsminister in Italien und mag den Nutri-Score überhaupt nicht.
Stefano Patuanelli ist Landwirtschaftsminister in Italien und mag den Nutri-Score überhaupt nicht. | Bild: FILIPPO MONTEFORTE, AFP

Das System wurde 2013 in Frankreich entwickelt, eine Tatsache, die in Italien an sich schon Verdacht hervorruft, weil man in dem Land den größten Konkurrenten bei der Herstellung typisch mediterraner Produkte sieht. Nutri-Score ist ein Ampelsystem, das den Nährwert verpackter Lebensmittel anhand einer Skala von Grün bis Rot und mit den Buchstaben A bis E kennzeichnet.

Ballaststoffe gut, Fett schlecht

Weist ein Produkt viel Eiweiß und Ballaststoffe auf, bekommt es eher Grün und A, enthält es viele gesättigte Fettsäuren, Salz oder Zucker, geht es in Richtung Rot und E. Verbraucher sollen auf den Verpackungen so schnell Information über den Nährwert der Lebensmittel bekommen. Tiramisu, Gorgonzola, Parmesan, Mailänder Salami, Grissini aber auch kaltgepresstes Olivenöl schneiden eher schlecht ab.

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Sieben EU-Mitgliedsstaaten haben Nutri-Score bereits zugelassen, darunter Deutschland, Frankreich und Belgien. In einer Umfrage sprachen sich 57 Prozent der Befragten in Deutschland für Nutri-Score als am besten verständliches Kennzeichnungssystem aus.

Bofrost, Danone und Pepsi wenden die Etikettierung bereits freiwillig an, auch der Discounter Aldi macht mit. Die Idee ist, dass die Konsumenten mit einem schnellen Blick auf die Verpackung ähnliche Produkte auf den Nährwert hin vergleichen können. Italien fühlt sich benachteiligt, denn Maßstab für die Berechnung sind 100 Gramm. Parmesan oder andere italienische Lebensmittel würden aber in geringeren Dosen verwendet, heißt es – das System benachteilige Italiens Küche.

Der Nutri-Score hat Schwächen

Gänzlich überzeugend ist Nutri-Score tatsächlich nicht. Kohlehydratreiche Hartweizengrieß-Spaghetti aus Weißmehl bekommen in der freien Datenbank für Nahrungsmittel „Open Food Facts“ Nutri-Score-Bestnoten. Pommes Frites, Chips und Tiefkühlpizza sind dort Mittelmaß.

Kritiker wenden außerdem ein, hochverarbeitete Lebensmittel hätten Vorteile. So könnten Hersteller von Cornflakes den Zucker mit Süßstoff ersetzen und schnitten dann besser ab. Zuspruch bekam das System aber auch aus Italien selbst: 2019 forderten fünf renommierte Wissenschaftler die Regierung des Landes auf, die Initiative zu unterstützen, da sie leicht verständlich Anhaltspunkte für eine ausgewogene Ernährung gebe.

Unter anderem die italienische Käse-Lobby läuft aber Sturm gegen Nutri-Score. Dario Dongo, Gründer des italienischen Online-Magazins „Gift“, vermutet hinter dem Widerstand die großen Lebensmittelkonzerne des Landes. Dongo behauptet, der Süßwarenhersteller Ferrero habe die Kampagne begonnen. Ferrero stellt unter anderem Nutella – die Nuss-Nougat-Creme landet bei Nutri-Score im roten Bereich.