Die Zukunft von Daimler sieht schwarz aus. Jörg Burzer, Produktionsvorstand bei Mercedes-Benz, steht vor einer nicht enden wollenden Reihe an neuen Mercedes S-Klassen und wundert sich etwas. „Alle schwarz“, sagt er leicht überrascht, nur um sofort nachzuschieben: „In China lieben die Kunden schwarz.“

Mit 286 bis zu 435 PS und als Hybrid – S-Klasse aus Sindelfingen.
Mit 286 bis zu 435 PS und als Hybrid – S-Klasse aus Sindelfingen. | Bild: Mercedes-Benz AG - Global Communications Mercedes-Benz Cars & Vans

Es ist das erste Mal, dass die Öffentlichkeit die neue S-Klasse von Daimler in der eigens für das Fahrzeug gebauten Fabrik in Sindelfingen zu sehen bekommt. Sieben Jahre ist es her, dass der Konzern das Vorgängermodell vorgestellt hat. Damals, im Jahr 2013, mietete man einen riesigen Flugzeug-Hangar in Hamburg, ließ einen Airbus A 380 hineinrollen und stellte sein neues Top-Modell im Blitzlichtgewitter Hunderter Scheinwerfer davor – und 700 Politiker, Wirtschaftsbosse und Journalisten dahinter. Die Botschaft war klar: Selbst das größte Flugzeug der Welt kann dem größten Stück automobiler Ingenieurskunst nicht die Schau stehlen.

Der Innenraum der neuen S-Klasse: Knöpfe und Schalter sucht man vergebens.
Der Innenraum der neuen S-Klasse: Knöpfe und Schalter sucht man vergebens. | Bild: Silas Stein, dpa

Damit verglichen wirkt die Vorstellung des aktuellen Spitzenmodells, das im Dezember zu den Händlern rollt, fast demütig: Eine freigeräumte Fläche mitten in der 30 Fußballfelder großen neuen Fabrikhalle, ein paar Daimler-Vorstände, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Lokalpolitiker, 35 Journalisten und eine 50 Quadratmeter große Video-Leinwand mit Live-Übertragung in alle Welt. Das wars.

Baden-Württemberg Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) bei der Eröffnung der neuen S-Klasse-Fabrik Factory 56 in Sindelfingen. Das Werk sein ein „Meilenstein in der Geschichte des Unternehmens“ auf dem Weg zu Digitalisierung und Dekarbonisierung, sagte Kretschmann.
Baden-Württemberg Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) bei der Eröffnung der neuen S-Klasse-Fabrik Factory 56 in Sindelfingen. Das Werk sein ein „Meilenstein in der Geschichte des Unternehmens“ auf dem Weg zu Digitalisierung und Dekarbonisierung, sagte Kretschmann. | Bild: Silas Stein, dap

Der für automobile Verhältnisse minimalistische Rahmen sollte indes nicht über die Bedeutung des Tages hinwegtäuschen – für den Automobilstandort Baden-Württemberg und vor allem für den Konzern.

1500 Mitarbeiter bauen die S-Klasse in Sindelfingen.
1500 Mitarbeiter bauen die S-Klasse in Sindelfingen. | Bild: Silas Stein, dpa

Seit Daimler Chef Ola Källenius im Mai vergangenen Jahres den Chefposten beim ältesten Autobauer der Welt übernommen hat, hagelt es schlechte Nachrichten. Waren es zu Anfang noch Gewinnwarnungen, so ist Daimler im laufenden Jahr tief in die Verlustzone gefahren. Allein im zweiten Quartal belief sich das Minus auf fast zwei Milliarden Euro. Jetzt muss Daimler strikt sparen, mindestens 20.000 Mitarbeiter müssen das Unternehmen verlassen. Immerhin sind betriebsbedingte Kündigungen nach zähen Verhandlungen vom Tisch. Wie alle Autobauer spürt das Stuttgarter Unternehmen die Folgen des Corona-Lockdowns, der die Bänder über Wochen stillgelegt hat. Langfristig noch gravierender sind aber die Unsicherheiten, die der Zollstreit zwischen den USA und China, der Brexit und technologische Unsicherheiten über neue Antriebsformen und autonomes Fahren erzeugen.

Reflexe wie ein Tier

In diesem „tiefsten Umbruch in der Automobilgeschichte“, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann es am Mittwoch ausdrückte, kommt der neuen S-Klasse enorme Bedeutung zu. Die schwarz getünchten Limousinen, die ab sofort in Sindelfingen vom Band laufen, sollen wieder für Gewinn sorgen und die in manchen Bereichen verloren gegangene technologische Vormachtstellung der Stuttgarter zurückerobern. Kurz: Die neue S-Klasse soll der Retter in der Not sein.

Urahn der aktuellen S-Klasse: Der legendäre W 126 aus den 1980er-Jahren
Urahn der aktuellen S-Klasse: Der legendäre W 126 aus den 1980er-Jahren | Bild: Daimler AG

Die Chancen, dass dies gelingen könnte, stehen zumindest nicht schlecht. Die S-Klasse sei der „smarteste aller jemals gebauten Mercedes-Modelle und vollgepackt mit neuen Technologien“, sagte Källenius am Mittwoch. Sieht man einmal vom Antrieb ab – auf den rein elektrischen Abkömmling EQS muss man noch bis ins Jahr 2021 warten – stimmt die Aussage.

Mit dem Infotainment-System MBUX lassen sich fast alle Fahrzeug- und Komfortfunktionen über Sprache steuern. Über den Ausruf „Hey Mercedes„ kann man nicht nur das Navi steuern, sondern das Auto auch danach fragen, ob man zuhause im Wohnzimmer versehentlich das Licht angelassen hat. Für S-Klasse-Fahrer in China bestellt das Auto bei Bedarf selbstständig das Essen direkt nach Hause.

Digital und vernetzt in die Zukunft

Knöpfe gibt es in der S-Klasse nicht mehr. Das zentrale Bedienelement ist ein riesiger, an Tesla erinnernder, Touch-Bildschirm in der Fahrzeugmitte. Eine lernende Software an Bord liest die Gesten und Augenbewegungen der Insassen. Wenn der Fahrer beispielsweise über die Schulter nach hinten in Richtung Heckscheibe schaut, öffnet sie das Sonnenrollo vor der Heckscheibe automatisch. Damit der Fahrer seinen Blick nicht mehr von der Straße abwenden muss, werden die wichtigsten Informationen in die Windschutzscheibe projiziert. Für Entspannung sorgen zehn unterschiedliche Massageprogramme, die in die Sitze integriert sind.

Immendingen als Basis für die Sicherheits-Tests der S-Klasse

Die Sicherheits-Funktionen der S-Klasse wurden im neuen Daimler-Testzentrum in Immendingen maßgeblich getestet. Dazu gehört, dass sich das Fahrzeug bei einem Seitenaufprall in Sekundenbruchteilen acht Zentimeter anhebt und die Energie so ins steife Chassis ableitet. Die S-Klasse verfüge dank einer ausgeklügelten Sensorik über Reflexe, wie man sie sonst nur von Tieren kenne, sagt Källenius stolz.

Laser und Kameras

Laser, Kameras und Radar sorgen auch dafür, dass der Fahrer, wo das rechtlich schon erlaubt ist, die Hände vom Steuer nehmen kann. Dann ist es sogar möglich, Emails zu schreiben oder Filme zu schauen. Das Auto fährt selbstständig weiter.

Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, präsentiert bei der Weltpremiere die neuen Mercedes-Benz S-Klasse in der „Factory 56“
Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, präsentiert bei der Weltpremiere die neuen Mercedes-Benz S-Klasse in der „Factory 56“ | Bild: Silas Stein, dpa

Für Vortrieb sorgen Sechs- und Achtzylinderaggregate, die in Kombination mit einem E-Motor auf eine rein elektrische Reichweite von bis zu 100 Kilometern kommen. Man sehe das Potenzial, dass sich das neue Flaggschiff noch einmal besser verkaufe als sein Vorgänger, sagt Källenius. Eine halbe Million Fahrzeuge über die Modelllaufzeit peilt man an. Legt man einen Gewinn pro Fahrzeug von 15.000 bis 20.000 Euro an, den nach Analystenmeinung der Vorgänger einfuhr, wäre das ziemlich viel Geld – und für Daimler tatsächlich eine Art Lebensversicherung.

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