Handel, Gastronomie und Tourismus haben die volle Wucht der Corona-Krise schon abbekommen. Deutet sich hier nun eine Entspannung der Lage an, bleiben viele Probleme in der Industrie bestehen. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) sieht das Job-Rückgrat der Republik „unmittelbar vor einer wirtschaftlichen Katastrophe“. Eine Umfrage unter gut 1800 Betrieben hat Mitte April ergeben, dass mehr als jedes zweite Unternehmen weitere vier Wochen Shutdown finanziell nicht überstehen werde. Der SÜDKURIER hat sich zwischen Schwarzwald, Alb und Bodensee ein Bild gemacht und die Chefs mehrerer Mittelständler aus der Region befragt. Eine Übersicht:

Fruitcore – der Roboterbauer vom Bodensee

Jenen Freitag, den 13. März 2020, wird Jens Riegger noch länger im Gedächtnis behalten. Der Geschäftsführer des Konstanzer Roboter-Spezialisten Fruitcore Robotics wollte sich eigentlich gerade ein Feierabendbierchen einschenken, da begann sein Telefon zu klingeln. Ein Kunde war dran und legte einen Auftrag auf Eis. Und das war nur der Anfang. Was ein gemütliches Wochenende werden sollte geriet zum Debakel. „Innerhalb weniger Stunden wurden 13 Termine für die kommende Woche abgesagt“, sagt Riegger. Zehn Projekte wurden in der Folge auf Eis gelegt. „Alles auf null“, sagt der Manager. „Es war, wie wenn jemand den Stecker gezogen hätte.“

Jens Riegger leitet den Roboter-Bauer Fruitcore in Konstanz
Jens Riegger leitet den Roboter-Bauer Fruitcore in Konstanz. | Bild: Alexander Stertzik

Bis dahin lief es bei dem 2017 gegründeten Roboterbauer prächtig. Als „extrem gut“, beschrieb Riegger die Auftragslage im Frühling 2020. Und dann das. Corona legt die Republik lahm.

Eineinhalb Monate später haben sich die Wellen etwas gelegt. Die freien Kapazitäten, die die Kundenzurückhaltung geschaffen hat, hat das junge Unternehmen genutzt, intern Projekte vorzuziehen. Einige der rund 50 Mitarbeiter wurden mit anderen Aufgaben betraut.

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Die Bücher sind trotz allem noch gefüllt, am Bau eines neuen Roboter-Produktionsstandorts in Villingen im Schwarzwald wird festgehalten. „Wir expandieren, aber ohne die Corona-Lage ständen wir unendlich viel besser da“, sagt Riegger mit einem Schuss Wehmut. Staatshilfen braucht das Unternehmen vom Bodensee nicht. Man sei nicht in Kurzarbeit und nehme auch keine KfW-Kredite oder Liquiditätshilfen des Staates in Anspruch. Schwarz sieht er für viele Start-up-Firmen – ein Entwicklungsstadium, dem Fruitcore aus Konstanz gerade entwachsen ist. Die Jungfirmen hätten es schwer, Hilfen zu bekommen. Sie seien aber Innovationsträger und hätten es besonders nötig. „Die haben gerade ganz schön zu kämpfen.“ (wro)

AP&S – der Chipfabrik-Ausrüster zwischen Alb und Schwarzwald

An den Zeitpunkt, als die Corona-Krise für den Donaueschinger Maschinenbauer AP&S greifbar wurde, erinnert sich Firmenchefin Alexandra Laufer-Müller ziemlich genau. „Mein erster Gedanke war, was passiert, wenn einer unserer Mitarbeiter positiv getestet wird?“, sagt sie. Dahinter stand die Fürsorge für die rund 150 Beschäftigten. Aber natürlich auch die Angst, das Gesundheitsamt könne das Unternehmen dichtmachen. Ähnliches war immerhin gerade beim bayerischen Autozulieferer Webasto passiert.

AP&S-Chefin Alexandra Laufer-Müller: Sorge um Mitarbeiter
AP&S-Chefin Alexandra Laufer-Müller: Sorge um Mitarbeiter. | Bild: aps

Ähnlich wie Webasto hat auch der Chipfabrik-Ausrüster AP&S Kunden in aller Welt, etwa in Italien, wo das Coronavirus besonders wütete. Sofort sei man daher darangegangen, die Arbeit im Betrieb umzuorganisieren, sagt Laufer-Müller. Schichten wurden umgestellt, die Fertigung entzerrt. Als hochkomplex bezeichnet sie es, alles am Laufen zu halten.

Die Zukunft ist ungewiss. „Entwicklung und Produktion sind noch gut ausgelastet“, sagt Firmenchefin Laufer-Müller. Alles, was raus zum Kunden müsse, liege aber brach. Die Einreisesperren hätten dazu geführt, dass Maschinen nicht ausgeliefert oder in Betrieb gesetzt werden konnten. Für ein Drittel der Beschäftigten hat AP&S daher Kurzarbeit angemeldet und Soforthilfe bei der Staatsbank KfW beantragt. Letzteres geschah vorsorglich. Als Hersteller von Ausrüstungsinvestitionen werde man die Krise verzögert zu spüren bekommen, meint die Chefin. „Ab Juni werden die Auftragseingänge einbrechen.“

AP&S aus Donaueschingen baut Maschinen für die Chip- und Solarzellenfertigung.
AP&S aus Donaueschingen baut Maschinen für die Chip- und Solarzellenfertigung. | Bild: Rosenberger, Walther

Sie spricht aus Erfahrung. 2008, in der letzten großen Krise, war sie auch schon am Ruder. Damals setzten die Banken viele Maschinenbauer auf eine schwarze Liste. Kredite zu bekommen, sei damals fast nicht mehr möglich gewesen, sagt sie. Das soll nicht noch einmal passieren. An Gewinn will sie dieses Jahr gar nicht denken. „Wir wären mit einer schwarzen Null zufrieden.“ (wro)

Hectronic – der Automatenmacher aus dem Schwarzwald

Im März wurde die medizinische Krise für das Schwarzwälder Unternehmen Hectronic auch zu einer wirtschaftlichen. Aufträge und Umsatz des deutschen Marktführers für Parkscheinautomaten aus Bonndorf rasselten in den Keller. „Im April werden wir noch ungefähr 40 Prozent der sonst üblichen Umsätze erwirtschaften“, sagt Stefan Forster, Geschäftsführer des 360-Mitarbeiter-Unternehmens. Weil man nicht wisse, wie lang die Krise andauere, habe man „relativ massive Gegenmaßnahmen eingeleitet“, sagt der gebürtige Schweizer. Seit April arbeiten 80 Prozent der Beschäftigten im Bonndorfer Stammwerk kurz.

Stefan Forster ist einer von drei Hectronic-Geschäftsführern und verantwortet unter anderem die Strategie des Hidden-Champions
Stefan Forster ist einer von drei Hectronic-Geschäftsführern und verantwortet unter anderem die Strategie des Hidden-Champions. | Bild: Hectronic

Den Umsatz des guten Jahres 2019 von umgerechnet gut 47 Millionen Euro wird Hectronic verfehlen. Um 25 Prozent, schätzt Forster. Mit Kurzarbeit lasse sich das nicht kompensieren. „Ich gehe von einem satten Verlust in diesem Jahr aus.“ Jammern will Forster aber nicht. „Wir hatten viele gute Jahre, und jetzt halten wir auch mal ein schlechtes aus“, sagt er. Für Forster hat die Krise auch eine persönliche Dimension. Man spürt, dass die erzwungene Abschottung ihm zu schaffen macht. „Normalerweise bringe ich den Mitarbeitern am Geburtstag ein kleines Geschenk vorbei“, sagt er. Das gehe jetzt nicht. Seit fünf Wochen ist er als einer von drei Geschäftsführern im Dauer-Home-Office. „Anstatt mit den Leuten zu reden, schreibe ich jetzt Briefchen, die ans schwarze Brett gepinnt werden“, sagt er. Es fehlt einfach die menschliche Nähe. Auch Kritik zu üben, sei auf Distanz schwerer geworden, gibt er zu.

Hidden-Champion aus Bonndorf: Hectronic liefert Parkuhren fast überall hin.
Hidden-Champion aus Bonndorf: Hectronic liefert Parkuhren fast überall hin. | Bild: Hectronic

Die deutsche Krisenpolitik lobt er. Die Behörden leisteten gute Arbeit. In Österreich habe man – anders als hier – wochenlang gewartet, bis der Kurzarbeitsantrag durchgegangen sei. In Indien, wo Hectronic einen Standort hat, sei nur ein Brief der Regierung hereingeflattert. Drin stand: „Bitte kürzt die Löhne nicht und schmeißt niemanden raus.“ (wro)

Bipso – der Pharmaspezialist aus dem Hegau

Irgendwie ist es ein Wunder, dass die Corona-Krise am Pharmaspezialisten Bipso in Singen bislang einigermaßen spurlos vorbeigegangen ist. Immerhin sitzt die Konzernmutter, der Pharmariese Bracco, im norditalienischen Mailand und damit im Auge des Corona-Orkans in Europa. Und als im Frühjahr ein Bipso-Mitarbeiter aus dem Skiurlaub zurückkam, brachte er gleich das Virus mit. „Wir haben das alles hingekriegt“, sagt Bipso-Chef Reinhard Adam. „Vielleicht weil Hygiene unsere Kernkompetenz hier bei Bipso ist.“

Reinhard Adam ist Chef der Bracco-Tochter Bipso in Singen
Reinhard Adam ist Chef der Bracco-Tochter Bipso in Singen. | Bild: Bipso

Das Singener Pharma-Werk ist so etwas wie die Produktions-Drehscheibe des Bracco-Konzerns. Rund 20 Millionen Fläschchen und Spritzen mit Kontrastmitteln werden hier jedes Jahr gemischt und verpackt. Alles in hochgradig steriler Atmosphäre. Ohne die Substanzen würden Kernspin- und Magnetresonanztomografen nicht funktionieren. Bipso mit seinen gut 400 Mitarbeitern ist deutscher Marktführer bei diesen Produkten.

Corona scheint den Singenern bislang nicht viel anzuhaben. „Die Zentrale der Konzernmutter in Mailand ist zu. Die Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus, aber wir sind voll lieferfähig“, sagt Adam. Die Lieferketten der Wirkstoffe von den italienischen Produktionswerken nach Deutschland hätten gehalten. Man spüre allenfalls, dass derzeit Standard-OPs verschoben würden, sagt Firmenchef Adam. Die Diagnostik in den Krankenhäusern werde heruntergefahren. Das mache sich im Absatz bemerkbar.

Bipso-Fertigung in Singen: Ohne Bipso-Medikamente keine Krankenhaus-Diagnostik mit Kernspintomografen.
Bipso-Fertigung in Singen: Ohne Bipso-Medikamente keine Krankenhaus-Diagnostik mit Kernspintomografen. | Bild: Bipso

Dennoch sei man im ersten Quartal 2020 noch „voll im Plan“ und peile einen Jahresumsatz von rund 70 Millionen Euro an. Kurzarbeit ist kein Thema bei Bipso. Das Arbeiten im Betrieb hat Corona aber sehr wohl verändert. Das Unternehmen hat ein ausgefeiltes Hygiene-Konzept entwickelt. Beim Betreten der Gebäude wird Fieber gemessen, man trägt Masken und 80 Mitarbeiter sind im Homeoffice. (wro)