Als Stefan Sommer, der frisch gekürte Chef von Deutschlands drittgrößtem Automobilzulieferer ZF, im Frühjahr 2012 von einem Journalisten nach seinen Schwächen gefragt wurde, fiel ihm zuerst nichts ein. Dann sagte er zögernd: „Vielleicht ist es meine Ungeduld.“ Aber die wisse er zu zügeln. Und wenn nicht, dann habe er die richtigen Menschen in seiner Umgebung, die ihm auf „die Schulter tippen“ und sagen: „Jetzt bist du zu schnell.“

Gut fünf Jahre später ist Stefan Sommer, der einstmals gefeierte „Automobil-Stratege“ bei ZF, Geschichte. Am Donnerstag legte er sein Amt nieder, und sein bisheriger Vize, Konstantin Sauer, rückt vorübergehend nach. Der Schritt sei im Einvernehmen erfolgt, hieß es von ZF. Dennoch ist klar, dass der Manager nicht ganz freiwillig geht. Sommer sei über seine alte Schwäche gestolpert, sagen jetzt nicht wenige: seine Ungeduld.

Mitglied des Vorstands Konstantin Sauer
Konstantin Sauer übernimmt vorerst den Job von Stefan Sommer. | Bild: ap fotografie/ZF


Geschwindigkeit spielt in Sommers Leben seit jeher eine große Rolle. Zwischen 1994, dem Beginn seiner Karriere bei einem Frankfurter Autozulieferer, und 2008 – damals fing er bei ZF an – wechselte er fünfmal den Arbeitgeber und mehrmals den Wohnort. Die Häuser, in denen der promovierte Maschinenbauer mit seiner Familie wohnte, wählte er so aus, dass er sie bei einem Ortswechsel wieder leicht verkaufen konnte. „Nicht zu groß, nicht zu klein“, wie er einmal sagte. Aber mit großer Garage für seine alten Porsches – auch das sind ziemlich schnelle Gefährte.

Im Nachhinein könnte man sich fragen, ob das jemals gut gehen konnte. Sommer, der Schnelle, als Vorstandschef bei einem der wohl behäbigsten und traditionsreichsten Zulieferunternehmen der Republik, das Spötter schon mal als bräsige Zackenbude bezeichneten. Jedenfalls war wohl schon kurz nach Sommers Amtsantritt vor gut fünf Jahren klar, dass sich der Wind drehen würde. Insider sprechen von einem „Kampf der Kulturen“, der im Verlauf von Sommers Amtszeit immer offensichtlicher geworden sei. Sommer habe diesen vielleicht nicht ausgelöst, aber durch seine Art, das Unternehmen zu führen, befeuert. Speziell in den vergangenen beiden Jahren sei das Problem größer geworden, heißt es aus dem ZF-Umfeld. Und am Ende habe „wechselseitiges Misstrauen regiert“ – zwischen dem ZF-Vorstandschef, einzelnen Aufsichtsräten und den Eignern des Weltkonzerns – der Ulderup-Stiftung und der Zeppelin-Stiftung, hinter der die Stadt Friedrichshafen steht. Sommer und der Konzern – sie hätten wohl nie so recht zusammengepasst, heißt es.

Tatsächlich legte der 54-jährige Manager von Anfang an ein enormes Tempo hin. Direkt nach Amtsantritt verkündete er den Plan, die Einkaufskosten um eine halbe Milliarde Euro zu senken, verkleinerte den Konzernvorstand, verkaufte eine ZF-Sparte nach China und gab ehrgeizige Umsatzziele aus. Im Herbst 2014 waren die indes schon wieder Makulatur. Damals wurde bekannt, dass Sommer am ganz großen Rad drehte. Schnell und geräuschlos hatte der Manager die Übernahme des US-Konkurrenten TRW für fast zehn Milliarden Euro eingefädelt – ein Meisterstück, für das die Branche dem gebürtigen Münsteraner weithin Respekt zollte und das seine Aura als „automobilstrategiesches Genie“ bis heute begründet.

Hinter den Kulissen gärte es allerdings schon damals. Zu waghalsig und unabgestimmt sei manchem Mandatsträger Sommers Management-Stil vorgekommen, heißt es aus Konzernkreisen. Man könnte sagen: Der schnelle Sommer nahm die anderen nicht mit. Ein Beispiel: Um die ambitionierten Wachstumsziele, die ZF auf Augenhöhe mit Bosch und Continental bringen sollten, kapitalmäßig abzusichern, sei im Vorfeld der TRW-Übernahme im Jahr 2014 die Idee eines Börsengangs immer lauter angesprochen worden. Besonders der damalige ZF-Aufsichtsratschef Giorgio Behr, ein Sommer-Vertrauter, soll den Gang aufs Parkett immer wieder auf die Tagesordnung gebracht haben, sagt ein Insider. „Sommer fand das nicht richtig sexy, aber er hat sich auch nicht dagegengestellt“, sagt die Quelle. Am Ende war es der vehemente Widerstand der ZF-Eigner, der das Thema Börsengang wieder in den Hintergrund rücken ließ. Der TRW-Deal wurde weitgehend über Anleihen finanziert.


Begraben waren die Börsenideen deswegen aber noch lange nicht. Im Frühjahr 2017 flammte die Thematik mit einer bislang nicht gekannten Heftigkeit wieder auf. Für sechs Milliarden Euro wollte Sommer den belgischen Bremsen-Spezialisten Wabco übernehmen – auch das ein Clou, weil das Unternehmen die Friedrichshafener Nutzfahrzeugaktivitäten gut ergänzt hätte. Es gab allerdings ein Problem: Die Schulden aus der TRW-Übernahme drückten ZF immer noch und die Eigenkapitalausstattung des Konzerns ließ zu wünschen übrig. Wieder sollte ein Börsengang das nötige Kapital bringen – obwohl klar war, dass die Stiftungen dies abermals ablehnen würden. Auch die IG Metall war dem Vernehmen nach gegen den Wabco-Kauf. Hier fürchtete man einen Bieterwettstreit, der den Kaufpreis nach oben getrieben hätte. Erst sanft, dann mit zunehmender Vehemenz hätten Aufsichtsräte Sommer ihren Standpunkt klargemacht, verlautet aus dem ZF-Umfeld. Der habe aber „über Wochen einfach nicht hingehört“ und das Projekt unverdrossen weiterverfolgt. „Powerplay“ nennt man das in Business-Kreisen.

Von der Einmütigkeit, die über Jahrzehnte den besonderen Charakter der Gremienarbeit bei ZF kennzeichnete, war man zu diesem Zeitpunkt schon meilenweit entfernt. Die Fronten zwischen Management und Eignern waren verhärtet. Der Machtkampf eskalierte. Um das Wabco-Geschäft noch zu retten, habe der Sommer-Vertraute Behr im Mai 2017 mehrere Aufsichtsräte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Gebet genommen, wie ein Insider berichtet. Ziel war es, im ZF-Aufsichtsrat eine Mehrheit zu organisieren – und damit die Eigner auszuboten. Wegen einer Indiskretion ging „der Putsch gegen die ZF-Eigner“ schief, wie es heute heißt. Auch die Gegenseite – in Person des Friedrichshafener Oberbürgermeisters Andreas Brand – sammelte ihre Truppen. In einem Friedrichshafener Hotel habe auch Brand mehrere Aufsichtsräte zu „Eins-zu-eins-Gesprächen“ geladen, berichtet eine Quelle. Die Inhalte der Gespräche sind unbekannt. Wahrscheinlich ist aber, dass ebenfalls versucht wurde, die ZF-Kontrolleure vom eigenen Kurs zu überzeugen.

Der neue ZF-Chef wird im Friedrichshafener ZF-Forum sein Büro haben. Bild: ZF
Die ZF-Hauptverwaltung in Friedrichshafen. | Bild: ZF Friedrichshafen AG

Der Vorgang ist bemerkenswert, weil er die Verfahrensweisen der Meinungsfindung in Aufsichtsräten konterkariert. „Aufsichtsräte sind in ihren Entscheidungen weisungsunabhängig“, sagt Carsten Schäfer, Professor am Institut für Unternehmensrecht der Uni Mannheim. Sollten sich die Vorgänge so abgespielt haben und Druck ausgeübt worden sein, läge eine „klare Verletzung des Aktienrechts“ vor. Auch der Tatbestand der Nötigung sei „keineswegs ausgeschlossen“, so Schäfer. „Ein drastischer Fall“, den der Wirtschaftsjurist angesichts der Vorgeschichte für „nicht unwahrscheinlich“ hält. Zu allen Vorgängen äußern sich weder Behr noch Brand. Auch vonseiten der ZF heißt es: Kein Kommentar.

Am Ende ging OB Brand, der auch Rats-Chef des ZF-Eigners Zeppelin-Stiftung ist, als Sieger vom Platz. Mit „zitternden Händen“ habe Sommer die Ablehnung des Wabco-Deals entgegengenommen, wird später berichtet. Das Zerwürfnis war nun konkret, der Kampf der Kulturen real. Von wichtigen Unternehmensentscheidungen hätten einzelne Aufsichtsräte nur noch aus der Presse erfahren. Ein Interview, in dem Sommer „die Freiheit zu tun, was nötig ist“ forderte, habe bei einigen von ihnen gar „für Wutanfälle“ gesorgt, heißt es. Nirgendwo habe ein Manager diese Freiheit. Immerhin sei der Aufsichtsrat dazu da, den Vorstandschef zu kontrollieren, hätten sie eingewendet.

Den Machtkampf mit den Firmeneignern hat Sommer nun verloren. Nicht weil er das Unternehmen schlecht geführt hat, wie Beobachter urteilen. Im Gegenteil. Seine Verdienste werden anerkannt. Selbst sein Widersacher, der Zeppelin-Stiftungsrat und Friedrichshafener Oberbürgermeister Brand, hält an Sommers grundsätzlicher Strategie fest. Es gebe „keinen Dissens“ und kein Zerwürfnis über die Strategie, sagte er Anfang der Woche auf einer Betriebsversammlung. Über den ZF-Chef selbst verlor er indes kein Wort.

Die Stimmen, die sagen, Sommer habe sich schwergetan, sein Umfeld mitzunehmen und die Bedürfnisse der Region zu berücksichtigen, werden indes lauter. Auch für Signale aus der Belegschaft sei der Vorstand „unempfänglich“ gewesen. Während sein Vorgänger Hans-Georg Härter den direkten Draht zu den Beschäftigten gesucht habe und mit den Aufsichtsräten schon mal „informell einen Wein trinken“ gegangen sei, um ihnen seine Entscheidungen zu erklären, habe Sommer mit den Gemeinderäten in Sitzungen diskutiert wie mit Managern. Danach habe so mancher das Gefühl gehabt, „keine Ahnung“ zu haben und nicht gehört worden zu sein. Ein langjähriger Beobachter der deutschen Autoszene drückt es anders aus: Wenn man den Chefposten bei ZF übernehme, müsse man wissen, dass ZF ein spezielles Unternehmen sei, in dem man mit Kommunalpolitikern kommunizieren müsse, die keine Autoprofis sind, sagt er. Vor allem aber sollte man wissen, wie mächtig sie sind.

Konzern und Stiftung

ZF ist ein Stiftungsunternehmen. Hauptaktionär mit 93,8 Prozent der Aktien ist die Zeppelin-Stiftung. 6,2 Prozent besitzt die Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung. Letztere ist seit 2003 im Besitz der ZF-Anteile. Die Zeppelin-Stiftung wurde schon 1908 gegründet. Stiftungszweck ist die Förderung von Wissenschaft, Forschung, Bildung und Kultur. Vorsitzender der Zeppelin-Stiftung ist Friedrichshafens OB Andreas Brand. (td)