Nicht nur die Aktienmärkte weltweit sind eingebrochen. Auch die reale Wirtschaft leidet massiv unter der Corona-Epidemie. Schon fangen viele Arbeitnehmer an, um ihren Job zu zittern. Wir haben mit Ökonomen aus Deutschland und der Schweiz gesprochen und ihre Einschätzungen für Sie zusammengefasst.

  • Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die deutsche Konjunktur aus? Eines ist klar: Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr massiv einbrechen. Wie stark der Einbruch sein wird, lässt sich heute noch nicht seriös abschätzen. „Die Rezession wird kommen, nur das Ausmaß ist noch offen“, sagte Jan-Egbert Sturm, Direktor der Konjunkturforschungsstelle (KOF) in Zürich, dem SÜDKURIER. Man müsse die Prognosen täglich nachsteuern.
  • Welche Krisenszenarien gibt es? Besonders pessimistisch ist das Münchener Ifo-Institut. „Die Kosten werden voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Je nach Szenario schrumpft die Wirtschaft um 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte“, so Fuest. Das entspräche Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro. Etwas optimistischer sind die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Sitz in Berlin.
  • Was hat es mit V, L und U auf sich? Im Idealfall könnte die Corona-Krise wie der Buchstabe V verlaufen. Das heißt, es ginge schnell abwärts, dann aber auch wieder schnell aufwärts. Einen solchen Verlauf gab es bei vergangenen Epidemien, etwa der Schweinegrippe, SARS oder der Vogelgrippe. In diesem Szenario würde die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr unter dem Strich nur um 0,1 Prozent schrumpfen. Die Krise könnte aber auch die Form eines L haben. Das bedeutet, dass es nach dem Einbruch lange keine Erholung geben wird. Produktion und Konsum verharren in diesem Szenario auf dem geringeren Niveau. Das Institut für Weltwirtschaft (IFW) in Kiel rechnet in diesem Jahr mit einem Minuswachstum zwischen 4,5 und 9 Prozent. Die norddeutschen Ökonomen halten auch einen Krisenverlauf in Form eines U vorstellbar. Demnach würde die Wirtschaft nur kurz am Boden bleiben und sich ab August wieder erholen. Anfang 2021 könnte die Wirtschaft nach dieser Prognose wieder auf das Vor-Corona-Niveau zurückkehren.
  • Welche Branchen leiden besonders? Laut einer Einschätzung des IFW sind vor allem das Gastgewerbe, die Luftfahrtbranche sowie der Freizeitbereich (Reisen, Sport, Unterhaltung) von der Corona-Krise betroffen. Hier rechnet das Institut mit einem zeitweisen Rückgang der Kapazitätsauslastung um 90 Prozent. Auch die für Deutschland so wichtige Autoindustrie wird vermutlich stark in Mitleidenschaft gezogen. So rechnet das IFW mit einem Produktionsrückgang von zwischenzeitlich 70 Prozent.
  • Welche Branchen kommen mit einem blauen Auge durch die Krise? Auf ein Plus können vor allem der Lebensmitteleinzelhandel und die Zustelldienste hoffen. In diesem Bereich könnten sogar Arbeitsplätze entstehen.
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  • Was bedeutet der Abschwung für den Arbeitsmarkt? Der Abschwung wird für eine sinkende Beschäftigung sorgen. „Auch am Arbeitsmarkt kommt es durch die Krise zu massiven Verwerfungen. Diese stellen die Zustände auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in den Schatten“, sagt Fuest. In den vom Ifo betrachteten Szenarien könnten bis zu 1,8 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze (oder 1,4 Millionen Vollzeitjobs) abgebaut werden und mehr als sechs Millionen Arbeitnehmer von Kurzarbeit betroffen sein.
  • Werden wir wieder Zeiten der Massenarbeitslosigkeit erleben? Dieses Horrorszenario ist vermutlich übertrieben. „Die Arbeitslosigkeit wird definitiv ansteigen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass wir in Deutschland wieder eine Massenarbeitslosigkeit wie unter Helmut Kohl oder Gerhard Schröder erleben werden, sagte Alexandra Fedorets, Arbeitsmarkt-Expertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, dem SÜDKURIER.
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  • Wie kann der Staat gegensteuern? Ökonomen nehmen die Wirtschaftspolitik in die Pflicht. „Die Firmen müssen jetzt von der Politik so unterstützt werden, dass sie sofort wieder loslegen können, wenn der Ausnahmezustand aufgehoben wird. Es dürfen auf gar keinen Fall gesunde Strukturen zerstört werden“, fordert Sturm. Er setzt vor allem auf die Einführung von Kurzarbeit. „Das Instrument der Kurzarbeit, das wir sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz haben, wird die Krise auf dem Arbeitsmarkt etwas abfedern. Aber es wird auch Unternehmen geben, die Konkurs anmelden müssen. Und das wird die Arbeitslosigkeit erhöhen.“
  • Was kann die Europäische Zentralbank noch machen? Die Notenbanken in Europa und den USA haben die Leitzinsen bereits massiv gesenkt. Deshalb ist der Handlungsspielraum der Zentralbanken beschränkt. „Die EZB hat nicht mehr viel Handlungsspielraum. Weitere Liquidität in den Markt zu pumpen, hilft den kleinen und mittleren Firmen kaum“, sagte Sturm.
  • Wie können Unternehmen sich selber helfen? Ökonomen raten den Firmen zum Querdenken. „Wir brauchen jetzt kreative Lösungen. Es ist zum Beispiel richtig, wenn Restaurants auf einen Lieferservice umstellen. Auch die Idee, Gastronomiebeschäftigte oder Studenten, die keine Vorlesungen an der Uni mehr haben, bei der Erntehilfe einzusetzen, geht in die richtige Richtung“, sagt Fedorets. Voraussetzung dafür sei aber die Freiwilligkeit und Solidarität von allen Beteiligten sowie die besondere Achtung von gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen.
  • Wie lange dauert es, bis die Wirtschaft sich wieder erholt? Im kommenden Jahr könnte es wieder kräftig mit der Wirtschaft aufwärts gehen. So rechnet das Institut für Weltwirtschaft 2021 mit einem Wachstum zwischen 7,2 und 10,9 Prozent. Auch Fedorets ist optimistisch. „Deutschland war vor der Krise in einer guten Verfassung. Das macht Mut, dass die Wirtschaft sich wieder erholen kann.“

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